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Er war der Henker von Saarbrücken
Sein Job war „Kopfabhacken“, und er trank allein

Ein Grabstein für einen Scharfrichter an einer Kirche? Britta Hess kennt die Geschichte dahinter.
Ein Grabstein für einen Scharfrichter an einer Kirche? Britta Hess kennt die Geschichte dahinter. FOTO: Mike Durlacher
Saarbrücken. Scharfrichter wurden im Mittelalter ausgegrenzt. Wie brachte es da der Saarbrücker Johann Nikolaus Rehn zu einer Grabplatte an der Basilika? Von Mike Durlacher

Er führte ein Leben am Rande der Gesellschaft, er wurde gemieden, und niemand wollte mit ihm zu tun haben. Auf einer Grabplatte an der Basilika St. Johann wird an ihn erinnert: „Sanft ruhet hier Johann Nikolaus Rehn Scharfrichter St. Johann Año MDCCLXXII“. „Er bekam diesen Stein 1772, obwohl sein Beruf ein unehrlicher war – das ist ungewöhnlich“, kündigt Stadtführerin Britta Hess das Geheimnis dieser Platte an.


Unehrlich heißt aber nicht, dass der Mann, der hier bestattet ist, sich der Lüge schuldig gemacht hätte: Unehrlich bedeutete vielmehr „unehrenhaft“. „Es gab im Mittelalter und in der frühen Neuzeit mehrere unehrliche Berufe, dazu gehörten zum Beispiel der Abdecker, der Totengräber und der Scharfrichter“, erläutert die Saarbrückerin.

Das Amt des Scharfrichters ist auf deutschem Boden seit 1276 bezeugt. Zu seinen Aufgaben gehörten neben dem eigentlichen Hinrichten das Foltern und das Ausführen von Körper- und Ehrstrafen. Bei Letzteren handelte es sich um Urteile, deren Umsetzung zwar keinen oder kaum Schaden am Körper verursachte, den Verurteilten aber massiv in seiner Ehre kränkten. Weitere Pflicht des auch „Henker“ genannten Scharfrichters war es, Selbstmörder zu bestatten. Außerdem hatte er nicht selten die Aufsicht über die Prostituierten der Stadt.



Das Verhältnis der anderen Saarbrücker zum Scharfrichter war ambivalent, und das zeigt sich an vielen Beispielen: So wurde der Scharfrichter vom Gericht nach Vollstreckung einer Hinrichtung oder einer Bestrafung ebenso wie die beteiligten geistlichen und weltlichen Amtsträger zu einer Mahlzeit in die Rathauswirtschaft eingeladen. „Es kam aber selten vor, dass ein Scharfrichter in einem Wirtshaus toleriert wurde, entweder war es ihm gänzlich verboten, oder es gab strenge Auflagen“, erklärt die Gästeführerin. Er durfte sich nur in gewissen Räumen aufhalten oder nur auf einem dreibeinigen Schemel, „dreibeinig wie der Galgen“, sitzen. Manchmal musste er sogar sein eigenes Geschirr mitbringen.

Privater Kontakt zwischen ehrbaren Leuten und dem Scharfrichter war nicht gestattet und stand teilweise sogar unter Strafe. Geschäftliche Beziehungen waren aber durchaus üblich und wurden toleriert.

So erging es auch Rehn, der zwar als Scharfrichter und Abdecker handeln durfte, aber mit niemandem außerhalb seiner Familie befreundet sein konnte. Scharfrichter lebten also außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. „Niemand wollte in eine Scharfrichterfamilie einheiraten, sie suchten sich ihre Lebensgefährten unter anderen Scharfrichterfamilien“, weiß Britta Hess.

Die Nachkommen aus diesen Ehen waren mit dem Makel behaftet, aus solch einer Familie zu stammen. Die Töchter heirateten wieder in eine Scharfrichterfamilie ein, die Söhne übernahmen den Beruf des Vaters und wurden selbst Scharfrichter. Sie lernten das Handwerk von ihren Vätern, so auch Johann Nikolaus Rehn von seinem Vater Dietrich.

„Kopfabhacken und Aufknüpfen waren aber bei Weitem nicht die einzigen Fähigkeiten, die ein Scharfrichter haben musste“, erzählt die Saarbrückerin. „Er musste ebenso über medizinische, mindestens aber anatomische Kenntnisse verfügen.“ Denn der Delinquent durfte unter der Folter nicht sterben, es war also nötig, genau zu wissen, welche Schmerzen wo zugefügt werden konnten, ohne dass der Verurteilte zu schnell seinen Verletzungen erlag. Bei besonders schweren Verbrechen sollte der Hinzurichtende möglichst lange leiden.

Diese Kenntnisse wussten die Scharfrichter auch noch auf andere Art und Weise zu nutzen – gezwungenermaßen. Denn gerade in kleineren Gerichtsbezirken mussten sie sich ein Zubrot verdienen, schließlich waren selbst im sogenannten düsteren Mittelalter Hinrichtungen nicht an der Tagesordnung. Durch ihre Fähigkeiten im Foltern wussten Menschen wie Rehn nicht nur Knochen zu brechen, sondern sie auch wieder zu richten. Sie zogen Zähne, nähten Wunden, stellten Tinkturen und Salben her, sogar „Armsünderfett“, also Fett, das von den Hingerichteten gewonnen wurde.

Oft kamen sie auch in Verdacht, magische Tinkturen und dergleichen zu fabrizieren – vom Klerus misstrauisch beäugt, von den Abergläubischen der Zeit aber immer wieder in Anspruch genommen.

Die Königsdisziplin bei den Hinrichtungen war das Köpfen mit dem Schwert, es war die ehrenvollste Art, hingerichtet zu werden. Der Henker musste großes Geschick beweisen, und ihm durfte kein Fehler passieren. „Ging etwas schief, konnte es dazu kommen, dass der Henker selbst zum Gehenkten wurde“, sagt Britta Hess.

Da erscheint es fast leichtsinnig, dass die Scharfrichter dem Alkohol oft sehr zugetan waren: „Die mangelnde ‚Solidarität‘ der Scharfrichter verriet sich nicht zuletzt in ihrer Neigung zur Trunksucht. Es ist auffallend, wie [...] Scharfrichter immer wieder in stark angetrunkenem Zustand ihren Pflichten nachkamen. [...] alle tranken im Dienst oder gaben in ihrer Freizeit so viel Geld für alkoholische Getränke aus, dass sie in ernste finanzielle Schwierigkeiten gerieten oder sogar [...] mit dem Gesetz in Konflikt kamen. Natürlich war Trunksucht [...] auf allen Ebenen der deutschen Gesellschaft verbreitet; sie scheint aber bei Scharfrichtern weit über dem Durchschnitt gelegen zu haben“, resümiert Richard John Evans in seinem Buch „Rituale der Vergeltung – Die Todesstrafe in der deutschen Geschichte 1532-1987“.

Auch die soziale Ausgrenzung trieb die Scharfrichter in die Arme des Rausches, und da niemand mit ihnen trinken durfte, sprachen sie oft allein dem Alkohol zu, was ihre Aura der Andersartigkeit und Asozialität nur noch unterstrich. Das Leben war nicht einfach für die Mitglieder dieses Berufszweiges, denn sie existierten wie in einer Parallelgesellschaft. Ihre Arbeit gehörte zwar zu den Handwerken, wurde aber immer extra genannt. In Statistiken und Tabellen, die alphabetisch geordnet waren, wurde der Scharfrichter trotz des Anfangsbuchstabens noch hinter den Zinngießer gesetzt.

Die Scharfrichter mussten fernab des städtischen Lebens am Rand der Stadt wohnen. Johann Dietrich, der Vater von Johann Nikolaus, konnte sich ein Haus bauen, es stand aber am östlichen Ende der Stadt, nahe an der Stadtmauer. Und obwohl Bauplätze innerhalb der Stadtmauern rar und eng waren, hatte das Haus des Scharfrichters etwas Abstand zu den Nachbargebäuden. „Aber mit der Zeit wurde die Ausgrenzung weniger scharf, in gewissem Rahmen nahmen die Scharfrichter am sozialen Leben der Stadt teil“, weiß Britta Hess.

So gelang es Johann Nikolaus, eine „ehrliche“ Frau zu heiraten, Anna Catharina Fischer, die er am 13. April 1778 ehelichte. Die Ehre, auf einem Friedhof bestattet zu werden, wurde ihm aber, anders als es der Grabstein glauben machen will, nicht zuteil: Er wurde etwas außerhalb des Friedhofs, der rund um die Kirche lag, beerdigt.

Erst als man bei der Kirche einen Baum fällte, entdeckte man den Stein im vergangenen Jahrhundert wieder und brachte diesen an der Kirchenwand an, wo er seither an Johann Nikolaus erinnert. Wer hätte seinerzeit gedacht, dass es die Grabplatte eines Henkers auf geweihten Boden schaffen würde.

Johann Nikolaus Rehns Grabplatte befindet sich zwar heute an der Kirche, aber begraben wurde er hier nicht.
Johann Nikolaus Rehns Grabplatte befindet sich zwar heute an der Kirche, aber begraben wurde er hier nicht. FOTO: Mike Durlacher