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Hilfe für Demenzkranke: „Das kann dann schon sehr belastend sein“

Hilfe für Demenzkranke : „Das kann dann schon sehr belastend sein“

Rebekka Schmitt-Hill, 39 Jahre, Wohnbereichsleiterin im Caritas Seniorenhaus St. Augustin Püttlingen, ist Altenpflegerin. Nach einer Fortbildung auf dem Gebiet der Gerontopsychiatrie ist sie auf psychische Erkrankungen wie Demenz spezialisiert. Laut Alzheimer-Forschung leiden heute schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen in Deutschland allein an dieser Demenz-Form.

Rebekka Schmitt-Hill, 39 Jahre, Wohnbereichsleiterin im Caritas Seniorenhaus St. Augustin Püttlingen, ist Altenpflegerin. Nach einer Fortbildung auf dem Gebiet der Gerontopsychiatrie ist sie auf psychische Erkrankungen wie Demenz spezialisiert. Laut Alzheimer-Forschung leiden heute schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen in Deutschland allein an dieser Demenz-Form.

Frau Schmitt-Hill, warum sind Sie Altenpflegerin geworden?

Schmitt-Hill: Also insgesamt mache ich das schon 15 Jahre. Ich habe vorher eine ganz andere Richtung eingeschlagen und eine Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen, jedoch hat mir das so gar nicht gefallen. Dann kam ich durch Zufall dazu, ein 14-tägiges Praktikum im Altenheim zu machen, und es war wie Liebe auf den ersten Blick. Ich merkte sofort, dass dieser Beruf etwas ist, was mir unheimlich viel Spaß macht und was ich gern für den Rest meines Lebens ausüben möchte. Gerade im Hinblick auf das Arbeiten im Team und den Umgang mit anderen Menschen, der mir schon immer sehr viel Spaß gemacht hat.

Stand dann zu diesem Zeitpunkt für Sie auch schon fest, dass Sie sich auf Demenz spezialisieren wollen?

Schmitt-Hill: „Nein, das kam erst später. Klar war das schon am Anfang in der Ausbildung ein Thema, und man wurde darauf vorbereitet, aber es wurde eigentlich nur theoretisch angekratzt. Später im Berufsalltag hatte man dann mehr damit zu tun, und dann wurde für mich auch relativ schnell klar, dass ich mich in dieser Hinsicht fortbilden will, um das Ganze auch einfach ein bisschen besser zu verstehen und um vielleicht auch den Umgang mit den Betroffenen den Kollegen näherzubringen.

Solch ein Beruf kann vermutlich psychisch oft ganz schön belastend sein, wie geht man mit so etwas um? Nimmt man davon viel mit nach Hause?

Schmitt-Hill: Man versucht, sich schon davon abzugrenzen, wenn man heimkommt, aber das funktioniert natürlich nicht immer, und man nimmt dann auch schon das ein oder andere mit nach Hause. Gerade wenn es um das Verständnis von Angehörigen geht, da wird es oftmals problematisch, denn die verstehen uns nicht, wir verstehen die nicht. Das kann dann schon sehr belastend sein, und nicht selten träumt man davon auch nachts. Aber ich versuche, mich auch gerade in meiner Freizeit mit Sport abzulenken, einfach um einen Ausgleich zu schaffen. Das ist auf jeden Fall notwendig in diesem Beruf.

Gibt es denn einen Fall oder ein Schicksal, das Ihnen in Ihrer Berufslaufbahn besonders im Gedächtnis geblieben ist oder Sie besonders bewegt hat?

Schmitt-Hill: Oh ja, da gibt es sehr viele. Aber spontan fällt mir ein Fall einer Bewohnerin ein, die auch immer noch im Altenheim lebt. Sie ist jetzt schon 96 Jahre alt und ungefähr sieben Jahre bei uns. Die Dame hat eine sehr große Familie, wovon jedoch leider nicht mehr so viele zu Besuch kommen. Sie ist schwerst dement und kann sich verbal nicht mehr äußern, aber trotzdem ist sie eine ganz, ganz herzliche Person. Wie wir von den Angehörigen erfahren konnten, war sie das wohl

früher auch schon, und das merkt man auch jetzt im Alter noch sehr stark, denn sie sucht auch immer wieder sehr viel Körpernähe. Solch ein Fall liegt einem dann schon sehr am Herzen, und man baut regelrecht eine Beziehung zu diesen Menschen auf.

Auch grade wenn Sie jetzt die Familie erwähnen, wie geht man mit Angehörigen in solchen Fällen um?

Schmitt-Hill: Das ist immer sehr unterschiedlich und meistens leider sehr schwierig. Es gibt viele, die sich damit auch schon vorher auseinandergesetzt haben und sich viel darüber informieren, aber im Großen und Ganzen muss man leider sagen, dass die meisten dafür nicht wirklich offen sind. Sie meinen dann meist, sie müssten die Demenzkranken in ihrem Tun und Sprechen berichtigen oder korrigieren, und das ist einfach total verkehrt, worauf die Betroffenen nämlich dann auch meist aggressiv reagieren. Und viele verstehen es einfach nicht oder wollen es vielleicht oftmals nicht verstehen, wenn dann zum Beispiel die eigene Mutter zu einem „Mama“ sagt. Das kehrt dann alles völlig um, und das ist meist gerade für die Kinder dann auch sehr schwer zu sehen, wie die eigene Mutter auf einmal Hilfe braucht oder einen sogar vielleicht, in manchen Fällen, gar nicht mehr erkennt. Das ist dann schon sehr belastend.
Für die Erkrankten auf der anderen Seite jedoch meist nicht, die leben ja in Ihrer eigenen Welt. Aber man muss die Angehörigen schon viel begleiten und Ihnen zu verstehen geben, dass sie das alles nicht persönlich nehmen dürfen.

Sie sagten, die Demenzkranken  „leben in ihrer eigenen Welt“. Aber wie ist es am Anfang, wenn man als Erkrankter die Diagnose bekommt und noch miterlebt, wie man anfängt, alles zu vergessen?

Schmitt-Hill: Ja, am Anfang ist das wirklich schwer, wenn die Leute merken, dass sie alles vergessen und vor allem dann im Umfeld darauf aufmerksam gemacht werden, so nach dem Motto: „Wie, das weißt du nicht mehr?“. Oder: „Wie, du weißt nicht mehr den Weg von da nach da?“  Dann fällt das den Erkrankten ja auch auf, und oftmals werden sie dann im Anfangsstadium sehr aggressiv oder auch depressiv und lassen sich hängen. Später jedoch gibt es  dann tatsächlich viele, die durchaus sehr glücklich sind in ihrer Welt. Das erlebt man täglich. Aber es gibt auch welche, die dann regelrecht gequält sind.
Wir hatten schon eine Bewohnerin, die von morgens bis abends geschrien hat und der man auch durch Medikamente nicht helfen konnte. Da wurde alles ausprobiert, von Schmerzmitteln bis Psychopharmaka, und sie konnte sich einfach nicht beruhigen, weil sie selbst innerlich so unruhig war. Das hat sie bis zu ihrem Tod so gemacht, was auch wirklich schrecklich mit anzusehen war, weil man ihr, wie gesagt, nicht helfen konnte. Zudem kam noch, dass man ihr diese Angst angesehen hat. Sie hatte immer einen gequälten Gesichtsausdruck, allerdings bekam sie selbst davon fast nichts mehr mit. Denn wenn man sie gefragt hat: „Warum schreien Sie denn?“, dann meinte sie immer nur: „Ich schreie doch gar nicht“. Das hat sie einfach selbst nicht wahrgenommen. Das war sehr schrecklich, mit anzusehen und jemandem nicht helfen zu können. Man konnte sie nur ruhig stellen, dann hat sie jedoch nur geschlafen und nichts mehr gegessen und getrunken, was dann natürlich auch kein Leben mehr ist. Aber, wie gesagt, es gibt solche und solche Fälle.

Aber gerade diese doch glücklichen Menschen geben Ihnen ja wahrscheinlich extrem viel Dankbarkeit zurück und schaffen damit wieder einen Ausgleich im Hinblick auf die Belastung.

Rebekka Schmitt-Hill. Foto: Schmitt-Hill

Schmitt-Hill: Ja, genau, die meisten wollen ja auch viel Kontakt aufnehmen, beziehungsweise suchen durch die Empathie starken Kontakt, weil sie das auch oftmals verbal nicht mehr können. Da kommt schon wirklich viel zurück. Gerade durch Körperberührungen ist bei den meisten wahnsinnig viel rauszunehmen und durch Gestik, wenn man sie zum Beispiel nur anlacht, dann nehmen sie das direkt auf und lachen zurück. Dadurch, dass das Gehirn dieser Menschen so abbaut, dass nur noch die Erinnerungen aus der Kindheit übrig bleiben, kann man ihr Verhalten oft mit dem von Kindern vergleichen, die ja auch in ihrem Handeln sehr direkt sind.
Wir hatten mal eine dunkelhäutige Pflegerin und die wurde dann morgens auch mal angesprochen mit „Du bist ja ganz schwarz“, aber völlig wertfrei, also wirklich nur reine Feststellung, oder auch bei einer tätowierten „Guck mal, die ist ja ganz bemalt“. Das ist schon phänomenal und bestätigt mich auch immer wieder in meiner Berufswahl.