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Das Corona-Virus stellt den Alltag in Saarbrücken auf den Kopf

Die Folgen der Epidemie : Corona stellt Saarbrücken auf den Kopf

Hamsterkäufe, Umsatzeinbrüche, Absagen: Betriebe in der Landeshauptstadt schlagen sich herum mit den Folgen der Corona-Pandemie. Doch Unternehmer tun etwas, um das Schlimmste für ihren Betrieb zu verhindern.

Der Ansturm in aller Frühe ist vorüber. Wo sonst gegen 10 Uhr Backwaren in mehreren Reihen duften, ist nichts mehr da. „Die Leute kaufen Brot, als gäbe es kein Morgen“, sagt die Verkäuferin in einer St. Arnualer Bäckereifiliale.

Am Vortag ist sie mit ihrer Mutter selbst in eine Menschenmenge geraten, als die sich in einem Saarbrücker Einkaufszentrum ruppig mit Vorräten eindeckte. Das steckt der erfahrenen Verkäuferin immer noch in den Knochen. Corona hat die Stadt im Griff.

Ortswechsel. Rotenbergstraße in St. Johann. „Mehr Gelassenheit als Panik“ beobachtete die Birgit Klöber, die Inhaberin des Unverpackt-Ladens im Nauwieserviertel, bei ihrer Kundschaft – bis zum vorigen Donnerstag.

An diesem Freitag sieht das schon anders aus. An jenem Morgen, als die Politik bis hin zur Kanzlerin ihre Warnungen wegen der Corona-Krise drastisch verschärft hat. Dem Morgen, als die Schul- und Kitaschließungen frisch verkündet sind. Da sei das Kundenverhalten schon eher Richtung Hamsterkäufe gegangen. Klöber sagt, die Leute hätten sich mit Nudeln, Reis, Müsli – lange haltbaren Lebensmitteln – eingedeckt. „Ja, die Leute kaufen anders ein ab heute.“

Das Verhalten führt die Geschäftsfrau auf all das Ungewohnte zurück, das die um sich greifende Seuche mit sich bringt. „Keiner der hier lebenden Menschen hat ja eine Pandemie erlebt“, sagt Klöber, während Kunden ihre Waren zusammentragen. Die Regale sind gut gefüllt. Bei den Lieferungen liege noch alles im grünen Bereich. Sie habe alle Bestellungen bekommen, sagt Klöber. Das liege an den kleineren Anbietern, „die für uns Kleinen da sind“.

Mit voller Wucht getroffen von der Corona-Krise ist das Hotel- und Gaststättengewerbe. Frank Horath, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Saar, sagt: „Ob staatlich verordnet oder nicht: Die Gäste bleiben einfach weg.“ Stornierungen habe es schon seit Beginn der Krankheit gegeben. „Seit gut einer Woche aber geht es richtig ab.“

Das heißt: Die Branche hat es einerseits mit Stornierungen und andererseits mit ausbleibenden Buchungen zu tun. Schlagartig. Zum Beispiel, weil Firmen Geschäftsreisen ins Saarland wegen der Nähe zum „Hochrisiko-Gebiet“ Grand Est praktisch eingestellt haben. „Mitarbeiter, die noch reisen, dürfen nicht näher als 50 Kilometer an die Grenze.“ Was das Saarland als Reiseziel ausschließt.

Das sei hart für eine Branche mit kleinen Margen. „Wir haben keine dicken Polster.“ Deshalb seien die jetzt vom Land angekündigten Hilfen angesichts der Lage richtig. „Das habe ich in 20 Jahren Dehoga noch nicht erlebt.“

Auf bald ein halbes Jahrhundert in der Gastronomie blickt Jürgen Petry zurück. Er steht an diesem Morgen in seinem Gasthaus Zahm und kämpft mit einem Umsatzrückgang um die 50 Prozent. „Es hagelt Absagen von Gästen. Es sind ja auch keine Leute in der Stadt“, sagt Petry. Nur ein paar Meter weiter ist auf dem St. Johanner Markt zur besten Einkaufszeit wenig los. Die Baustelle vorm Haus und das miese Wetter hätten ohnehin schon Kundschaft fernzuhalten. Jetzt noch der Corona-Erreger: „Der hat mir gerade noch gefehlt.“ Gleichwohl verliert Petry die Zuversicht nicht. „Wir kommen durch“, sagt er. Und betont: „Ich schreie nicht nach Geschenken.“ Aber eine Idee hat er schon: Ein Entgegenkommen in Form von Stundungen bei Steuern und Sozialabgaben täte der Branche in diesen Zeiten gut. Gerade weil Petry die jetzt beschlossenen Maßnahmen gegen die Seuche für wichtig hält. „Natürlich verstehe ich das.“

Auf der Suche nach Hilfe hat sich Taxiunternehmer Steve Schneider umgetan. Der Arbeitgeber für 52 Männer und Frauen reagiert darauf, dass ein Teil seines Fuhrparks Am Holzbrunnen stillliegt, wenn die Schulen ab Montag zu sind. Er musste alle zehn Schulbusse abmelden, für die dort eingesetzten Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragen und ihnen vorsorglich kündigen. „Ich schick die jetzt erst mal nach Hause.“

Das nächste Problem ist aus dem Bürofenster zu sehen. Der neue Reisebus des Unternehmens bleibt auf dem Hof. Denn dafür sind die Aufträge storniert. Zum Beispiel, weil ein Tanzturnier wegen Corona abgesagt ist. Schneider belässt es nicht beim Klagen. Er will gerade jetzt nicht warten, „bis das Kind im Brunnen liegt“. Schneider empfiehlt allen von der Corona-Krise Betroffenen, rechtzeitig mit dem Finanzamt zu reden. Und mit der Hausbank. „Jetzt zeigt sich, ob dein Geschäftspartner zu dir steht.“