Bundeszentrale zeichnet Saarbrücker Tanzprojekt aus.

Preis für Tanzprojekt : Jugendliche ertanzen sich einen Bundespreis

Projekt des Dekanats brachte junge Menschen aus Saarbrücken, aus Sarajewo, aus Nantes, Rumänien und Spanien zusammen.

„Ein Statement für eine humane Gesellschaft“ sollte diese Reise in ein 1000-Seelen-Dorf an der Grenze zwischen Spanien und Frankreich sein. „Ein Projekt gegen all die Angstmacher in Europa und weltweit, die uns sagen, dass die Menschen, die mit Plastiktüten hier ankommen, eine Gefahr sind.“ So erklärte der Pastoralreferent des katholischen Dekanats Saarbrücken, Heiner Buchen, was 65 junge Menschen aus Saarbrücken, aus Sarajewo, aus Nantes, Rumänien und Spanien nach Portbou bringt.

Das Statement ist offenbar gelungen. Das von Buchen organisierte deutsch-französisch-spanisch-bosnische Tanztheaterprojekt „Passagen in Portbou oder das Gedächtnis der Namenlosen“ hat einen Bundespreis des Bündnisses für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt bekommen. Das Bündnis ist Teil der Bundeszentrale für politische Bildung.

„Die Flucht tausender Menschen auf Schlauchbooten, dann zu Fuß, in Bussen, Sonderzügen oder Gefängniswagen in Richtung Mitteleuropa, die Grenzabschottung Europas, die ausländerfeindliche, nationalistisch gefärbte Abwehrhaltung in weiten Teilen der Bevölkerung ist der erste inhaltliche Bezugspunkt des Projektes“, erklärt Buchen.

Eine zweite „inhaltliche Dimension“ des Projektes ist mit Portbou, dem katalonischen Grenzort an der nördlichen Costa Brava, verbunden. Die vom spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) „hart geprüfte Stadt, war für viele vor dem Franco-Regime flüchtende letzter spanischer Ort vor der ungewissen Grenzüberschreitung in das Frankreich des Vichy-Regimes“, sagt Buchen.

Am 25. September 1940 trifft Walter Benjamin, ein deutscher Philosoph auf der Flucht aus Nazi-Deutschland, mit einer kleinen Gruppe Flüchtender, nach einer mühsamen Pyrenäen-Passüberquerung zu Fuß vom französischen Banyuls-sur-Mer aus in Portbou ein. Spanische Grenzwächter verweigern Benjamin, wegen eines angeblichen Fehlers im Ausreisevisum aus Frankreich, die Durchreise. „Sie gestatten ihm aber, vermutlich wegen seines schlechten Gesundheitszustandes, die Nacht im Grenzort zu bleiben. Aus Verzweiflung nun zurückgeschickt zu werden, nimmt er sich am Abend des 26. September das Leben. 1994 wurde am Friedhof von Portbou ein berührender Gedenkort für Walter Benjamin, gestaltet von dem israelischen Künstler Dani Karavan, eingeweiht“, erzählt Buchen.

„Die aktuell dramatische Situation von hunderttausenden von Menschen, die ihr Land aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen müssen und das Denken und Schicksal von Walter Benjamin, sind die Koordinaten, an denen sich dieses Projekt aufspannt“, sagt Buchen. Die Jugendlichen haben sich im Sommercamp mit beidem beschäftigt und aus ihren Gedanken dazu dann unter der Anleitung eines internationalen Choreografenteams eine 70-minütige Tanzperformance gemacht. Das Stück wurde am 6. Juli in Portbou uraufgeführt.

Die Gruppe hofft nun, dass das Tanzstück, wie bereits ein ähnliches Stück, das auf Initiative des Dekanats vor einigen Jahren entanden ist, beim Saarbrücker Festival Perspectives im Frühjahr aufgeführt wird. Die Bewerbung dafür ist eingereicht. „Die Teilnahme am Festival wäre auch eine Anerkennung des kulturellen Wertes des Projektes“, sagt Heiner Buchen.

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