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Ärger über Stadtplanung
Bürger-Sieg im Kampf gegen eine Blechlawine

Blick ins Gässchen Heidenkopferdell – als Erschließungsstraße ungeeignet, sagen die Anwohner.
Blick ins Gässchen Heidenkopferdell – als Erschließungsstraße ungeeignet, sagen die Anwohner. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Falls auf dem ölverseuchten SHD-Gelände ein Wohngebiet entsteht, wird es per Auto nur über die Quellenstraße zu erreichen sein. Von Jörg Laskowski

Paukenschlag im Stadtrat – Freude bei der  Interessengemeinschaft Heidenkopferdell (IGH): Rund zwei Jahre hatten die Bürger verbissen gekämpft, jetzt gab der Stadtrat ihnen Recht. Der Fall war skurril. Die Bürger hatten Angst. Sie fürchteten, ihr winziges Wohngebiet könnte von einer Blechlawine überrollt werden ­– nur wegen einer Postleitzahl.


Was war geschehen? Zwischen Amtsgericht und Kaninchenberg,  Heidenkopferdell und Quellenstraße liegt ein altes Sorgenkind der Stadt: das SHD-Gelände. Benannt nach dem letzten Eigentümer, der Firma Saar-Hochdruck (SHD).

Der Boden ist ölverseucht – er muss zehn Meter tief abgetragen werden, bevor jemand darauf wohnen darf. Das hat allerdings nichts mit der SHD zu tun. Sie hatte das Gelände schon ölverseucht übernommen. 2008 ging die SHD pleite. Seither liegt das Grundstück brach.

2013 meldete sich die Firma Neue Energie Saar (NES). Die NES wollte das SHD-Gelände aus der Insolvenzmasse kaufen, sanieren und Mehrfamilienhäuser, 12 bis 15 Meter hoch, mit insgesamt 250 Wohnungen und Tiefgaragen bauen. Voraussetzung: Die Stadt muss einen Bebauungsplan beschließen.

Der ist seit 2014 in der Mache. In der ersten Version wollte die Stadt den gesamten Verkehr zum neuen Wohngebiet allein über das Gässchen Heidenkopferdell leiten.
  Anwohner waren verzweifelt. Die SZ hakte im Januar 2016 nach. Darauf erklärte die Stadt: Die erste Plan-Version ist überholt.



Die zweite wurde im Sommer 2016 offengelegt. Danach sollte fast das ganze neue Wohngebiet per Auto von der Quellenstraße zu erreichen sein. Nur noch  zwei der neuen Gebäude samt einer dazugehörigen Tiefgarage (40 Wohnungen, 40 Stellplätze) hatten ihre Eingänge direkt am Heidenkopferdell.

Warum? Die Bürger in der IGH  glaubten: Wenn zwei der neuen Gebäude vom Heidenkopferdell erschlossen sind, dann wird das ganze neue Viertel dem Heidenkopferdell zugeschlagen. Alle neuen Gebäude haben dann Adressen „Am Heidenkopferdell“ plus Hausnummer – mit der Postleitzahl des unteren Rotenbühl: 66123.

Die NES und die Stadt stritten das ab. Die NES beteuerte, sie wolle „hochwertige Eigentumswohnungen bauen“, für deren Vermarktung die Adresse unerheblich sei. Monika Kunz vom Stadtplanungsamt erklärte der SZ: „Wir schätzen, dass die Straße Heidenkopferdell, den zusätzlichen Verkehr von zwei Wohngebäuden aufnehmen kann... Die städtebauliche Konzeption haben wir gemeinsam mit dem Investor entwickelt.“

Überraschend war dann in der dritten Plan-Version vom Juni 2017 nur noch von 25 Wohnungen und Garagenplätzen die Rede, die vom Heidenkopferdell erschlossen werden sollten. Gleichzeitig hieß es dort erstmals, dass „die Fortführung.... der Heidenkopferdell.... zur Adressbildung“ beiträgt. Für die IGH war das ein klarer Beweis für ihre Postleitzahlen-Theorie.

  Acht Monate später – am 6. Februar – kam dann der große Knall. Der Stadtrat sprach ein Machtwort. Die „gemeinsam entwickelte städtebauliche Konzeption“ ist vom Tisch. Der Rat will dem neuen Wohngebiet erst dann seinen Segen geben, wenn die Baumasse um rund 30 Prozent verringert ist – und ein neues städtebauliches Konzept vorliegt.

Aber damit nicht genug. Die SZ hakte nach und erfuhr: Auch Blechlawine und Postleitzahl sind ersatzlos abgesagt. Baudezernent Heiko Lukas versicherte am Aschermittwoch: „Vom Heidenkopferdell wird es keine Pkw-Zufahrt in das neue Wohngebiet geben.“ Das stehe bereits seit Monaten fest und hätte auch gegolten, wenn der Rat die Reduzierung der Baumasse um 30 Prozent nicht beschlossen hätte. Lukas: „Alle Autos, die ins neue  Wohngebiet wollen, müssen durch die Quellenstraße. Aber das werden ja jetzt auch 30 Prozent weniger sein, als ursprünglich geplant.“

Der Sinneswandel von Verwaltung und Stadtrat geht laut Lukas auf „das Engagement der Bürger“ zurück: „Der Fall Heidenkopferdell ist ein guter Beweis dafür, dass die Bürger im Baudezernat ernst genommen werden, dass ihre Kritik nicht einfach verpufft, sondern aufgegriffen wird. Der Bebauungsplan und die Anregungen der Bürger waren regelmäßig Themen in der Dezernentenkonferenz genau wie in Gesprächen zwischen Stadtverwaltung und Stadtratsfraktionen.“

Gleichzeitig stellte Lukas klar: „Das Baudezernat ist grundsätzlich für das Projekt. Aber die vorgeschlagene Bebauung mit rund 250 Wohnungen war zu massiv. Die Abstände zwischen den Blocks entsprechen zwar dem gesetzlichen Mindestmaß. Unserer Meinung nach wäre das aber zu eng und die fünfgeschossigen Häuser wären zu hoch gewesen. Damit hätte man nicht die Wohnqualität erreicht, die wir uns dort vorstellen.“

Nun müsse der Investor ein neues städtebauliches Konzept vorlegen. Das werde vom Gestaltungsbeirat begleitet und deshalb sei davon auszugehen, dass dieses Konzept vom Bauausschuss abgesegnet wird, wenn die 30 Prozent Reduzierung erfüllt sind. Lukas: „Und natürlich gibt’s dann auch wieder eine Offenlage, und die Bürger können sich äußern.“
Unerfüllt bleibt der Wunsch der Bürger, den Waldrand zwischen Kaninchenberg und neuem Wohngebiet zu schonen. Lukas: „Das Plangebiet bleibt unverändert. Der Waldrand bleibt drin. Denn der Waldrand steht auf kontaminierter Erde, und bei diesem Projekt geht es ja unter anderem darum, kontaminierte Erde wegzubringen.“

Für die NES erklärte tags darauf Projektleiter Dirk Müller: „Die Stadt hat uns erst am Aschermittwoch nachmittags über diesen Beschluss informiert.  Wir sind zutiefst enttäuscht und können das nicht nachvollziehen. Das müssen wir jetzt erst mal analysieren, die wirtschaftliche Situation neu überdenken. Wie wir uns entscheiden, ist noch nicht absehbar – und zwar wegen der verordneten Reduzierung der Baumasse um 30 Prozent. Das Problem mit der Verkehrsanbindung war ja schon seit Monaten gelöst.“