Bürger kämpfen um 100 Bäume am Heidenkopferdell in Saarbrücken

Bürgerprotest : Kampf um 100 Bäume am Heidenkopferdell

Bürger wollen einen Waldstreifen schützen. Die Stadt erklärt: Die Bäume stehen auf ölverseuchtem Boden – und der Boden muss weg.

Sinnloses Kettensägenmassaker oder vernünftige Stadtplanung? Rund 100 Bäume zwischen dem Baugebiet „Ehemaliges SHD-Gelände“ und dem Waldweg rund um den Kaninchenberg stehen auf der schwarzen Liste der Stadtverwaltung. Das hat die Interessengemeinschaft Heidenkopferdell (IGH) dem Plan für das genannte Baugebiet entnommen – und ist darüber entsetzt.

Also hat die IGH rund 70 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt, einen Protestbrief formuliert und beides fristgerecht am 27. Mai bei der Stadtverwaltung abgegeben. Beides mit Kopie für Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (beziehungsweise deren Nachfolger Uwe Conradt). Allerdings hat die IGH bis heute keine Antwort.

Die Pläne für das SHD-Baugebiet sorgen seit 2015 für Aufregung. Problem Nummer eins: Das Gelände ist ölverseucht. Das hat allerdings nichts mit dem früheren Eigentümer, der Firma SHD (Saar-Hochdruck), zu tun. Sie hatte das Gelände schon ölverseucht übernommen. 2008 ging die SHD pleite. Seither liegt das Grundstück brach. Wer dort Wohnhäuser bauen will, der muss vorher den Boden austauschen.  Rund zehn Meter tief. Das ist teuer. Zu teuer für die Stadt.

Die war glücklich, als 2013 ein Investor erklärte, er sei dazu bereit – sowohl den Boden auszutauschen als auch eine Siedlung zu bauen. Problem Nummer zwei: In der ersten Version des Bebauungsplanes wollte die Stadt den gesamten Verkehr zur neuen Siedlung durch das Gässchen Heidenkopferdell leiten. Die Anwohner waren verzweifelt. Sie fürchteten ewiges Verkehrschaos vor der Haustür.

In der zweiten Version des Planes gab’s dann zwei Verkehrsverbindungen. Die wichtigste über Eschbergerweg und Quellenstraße – und ergänzend eine über die Straße Kieselhumes und das Gässchen Heidenkopferdell. Dank dieser Verbindung – so glaubte die IGH – hätte die neue Siedlung dieselbe Postleitzahl wie der Rotenbühl bekommen, und die Siedlung am Heidenkopferdell wäre genau wie beim ersten Plan im Verkehrschaos versunken.

Vor allem diese Angst führte wieder zum Protest. Der hatte Erfolg. Am 6. Februar 2018 sprach der Stadtrat ein Machtwort. Die Baumasse der neuen Siedlung wurde um 30 Prozent reduziert. Alle Autos, die in die neue Siedlung wollen, müssen durch die Quellenstraße. Unerfüllt blieb 2018 der Bürgerwunsch, den Waldrand zwischen Kaninchenberg und neuer Siedlung zu verschonen.

Baudezernent Heiko Lukas erklärte damals: „Das Plangebiet bleibt unverändert. Der Waldrand bleibt drin. Denn der Waldrand steht auf kontaminierter Erde, und bei diesem Projekt geht es ja unter anderem darum, kontaminierte Erde wegzubringen.“

Danach entstand die dritte Version des Planes. Die lag nun im Frühjahr 2019 aus – damit die Bürger sich informieren und bis zum 27. Mai ihre Einwände anmelden konnten. Was die IGH ja auch tat. Und sie nutzte diese neuerliche Gelegenheit zu einem weiteren Versuch, die Bäume zu retten.

IGH-Sprecherin Ursula Schöneberger erklärte der SZ: „Dass der Wald geopfert werden soll – das tut uns im Moment wirklich am meisten weh. Auch wenn wir noch einige andere Details an dem Plan bemängeln. Aber dieser Streifen Wald war doch bislang als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Und wir Anwohner bezweifeln, dass der Boden dort tatsächlich vergiftet ist. Beim ehemaligen SHD-Gelände ist das überhaupt keine Frage. Aber soweit wir wissen, ist die SHD während ihres Betriebs nie über ihre Grundstücksgrenzen hinausgegangen.“

Dabei ist die IGH sich durchaus bewusst, dass die Stadt ihr inzwischen schon ein gutes Stück entgegengekommen ist. Schöneberger: „Wir hoffen weiter, das mit dem Wald lässt sich abwenden, denn auch der ursprüngliche Plan für die Zufahrt zum neuen Baugebiet ist ja schließlich doch noch in unserem Sinne korrigiert worden – was wir Baudezernent Heiko Lukas hoch anrechnen.“

Der sieht jedoch im aktuellen Fall keine Chance, den Bürgern erneut entgegenzukommen. Auf SZ-Anfrage bekräftigte er seine Auskunft von 2018 und ergänzte: „Das gesamte eingezäunte Gebiet nördlich des Waldweges gehört zum SHD-Gelände.“ In dem Waldstreifen, den die Bürger schützen wollen, gebe es mehrere „Aufschüttungen“ von verseuchter Erde. Die stammten womöglich von einem früheren Versuch, das Gelände zu entgiften – und müssten unbedingt beseitigt werden, bevor nebenan Wohnhäuser entstehen.

Die Stadtpressestelle versichert, die umkämpften Bäume seien tatsächlich „von der Forstbehörde als Wald im Sinne des Waldgesetzes für das Saarland (LWaldG) eingestuft“. Und dieses Gesetz verlange, dass „an anderer Stelle“ ein „1:1-Ausgleich“ gepflanzt wird – wenn ein solchermaßen anerkanntes Stück Wald der Säge zum Opfer fällt.

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