Kleinblittersdorf: Bürger glauben nicht an reinen Wasserdampf

Kleinblittersdorf : Bürger glauben nicht an reinen Wasserdampf

Kleinblittersdorfer haben Angst vor dem Aluminiumwerk in Großblittersdorf. Das Landesamt für Umweltschutz untersucht die Luft.

Wasserdampf oder Gift? Was quillt da aus dem Schornstein und den Dachluken des Aluminiumwerkes Fonderie Lorraine in Großblittersdorf - und weht bei Westwind schnell mal ein paar hundert Meter über die Saar in unsere Häuser? Diese Frage beunruhigt eine ganze Reihe von Kleinblittersdorfern, vor allem aus dem Wohngebiet entlang der Rebenstraße - quasi gegenüber der Fonderie.

Der Geschäftsführer der Fonderie, Marc Friedrich, hatte im Gemeinderat beteuert, das sei Wasserdampf. Die Kleinblittersdorfer, die sich inzwischen in einer Interessengemeinschaft (IG) organisiert haben, fürchten: In dem Dampf könnten unter anderem Dioxin und Schwermetalle sein.

Klarheit soll jetzt eine Messreihe des Landesamtes für Umwelt- und Arbeitsschutz (Lua) bringen. Das Lua hat am 10. April zwei Messgeräte aufgebaut. Eines in Kleinblittersdorf in der Rebenstraße, eines in Auersmacher in der Straße „In den Kiefern“.

Die Messreihe soll ein Jahr dauern, erste Ergebnisse könnte es aber schon nach drei Monaten geben. Gesucht wird jetzt nach Schwermetallen in der Luft – Blei, Cadmium, Nickel, Thallium, Chrom, Kupfer, Arsen usw.

Aber nach Dioxin – dem Stoff, vor dem sich die Bürger offenbar besonders fürchten, sucht das Lua nicht. Warum? „In Aluminiumgießereien werden normalerweise weder Dioxine noch Furane freigesetzt“, versichert das Lua. Daher sei es sinnvoll, sich auf Metalle zu beschränken.

Trotzdem ist die Messreihe ein Erfolg der IG. Blick zurück: Am 26. Oktober 2017 hatten die Bürger ihre Beobachtungen und Befürchtungen erstmals öffentlich im Gemeinderat vorgetragen. Ursprünglich sollte es bei dieser Sitzung nur um den Lärm gehen, der aus der Fonderie herüberschallt. Auch Fonderie-Chef Marc Friedrich war da und wollte erläutern, was seine Firma tut, um leiser zu werden. Aber dann konfrontierten mehrere Bürger den Fonderie-Chef mit Beobachtungen und Fotos von farbigem Dampf über dem Werk. Die Bürger berichteten von Angst und Kopfschmerzen.

Für Friedrich war das alles neu. Er versicherte aber, die Fonderie erfülle alle einschlägigen französischen und europäischen Vorschriften und werde klären, was es mit dem bunten Dampf auf sich hat (die SZ berichtete). Auch für Bürgermeister (BM) Stephan Strichertz war das Ganze neu.

Daraufhin fragte die SZ am 17. November im Lua an, ob dort bereits Beschwerden über die Fonderie vorliegen. Die Antwort kam am 22. November: „Dem Lua  lagen bisher keine Beschwerden zu Luftverschmutzungen oder Gerüchen ausgehend von dieser Fabrik vor. Mitarbeiter des Lua werden nun prüfen, ob und inwieweit eine Umweltbelastung oder Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten des Unternehmens vorliegen. Wenn das Lua zum Ergebnis kommt, dass hier eine grenzüberschreitende Problematik (Verursacher eines vermuteten Umweltproblems in Frankreich) vorliegt, wird es, wie in solchen Fällen üblich, die Erkenntnisse dem Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz vorlegen.“ Denn das Lua könne ja in Frankreich nicht eingreifen. – So weit die Antwort vom 22. November.

Schon tags darauf, am 23. November, hatte BM Strichertz überraschenden Besuch von zwei Damen aus dem Lua, die sich von ihm auf den neuesten Stand bringen ließen und ihm versicherten, das Lua werde sich in dieser Sache mit dem Umweltministerium besprechen, denn bei  grenzüberschreitenden Angelegenheiten müsse sich grundsätzlich das Ministerium einschalten.

Als Strichertz bis Mitte Februar nichts mehr in der Sache gehört hatte, schrieb er an Umweltminister Reinhold Jost und schilderte ihm das Problem ausführlich. Jost antwortete umgehend und versprach Hilfe.

Unabhängig von Strichertz schrieb Frank Schmitz für die IG ans Lua. Die IG wollte wissen, welche Stoffe die Fonderie benutzt  und was sie in die Luft ablassen darf. Allerdings, sagt Schmitz, hat er bis heute keine Antwort.  Trotzdem sondierte das Lua am 9. April das Gelände in Kleinblittersdorf und stellte am 10. April seine Messgeräte auf.

Die Fonderie reagierte bislang stets verständnisvoll und offen auf die Ängste der Kleinblittersdorfer. Das betonten sowohl Vertreter der IG als auch BM Strichertz gegenüber der SZ. So hatte die Fonderie am 23. Januar zu einer zweistündigen Werksbesichtigung eingeladen. Mit dabei waren Strichertz, Vertreter des Gemeinderates und der IG. „Anschließend wirkten die Politiker zufrieden, aber die Bürger eher zwiegespalten“, erinnert sich  Strichertz, „denn sie wussten noch immer nicht, was da aus den Dachluken kommt.“

Das bestätigte Frank Schmitz für die IG: „Die Begehung war sehr aufschlussreich, aber sie hat uns nicht beruhigt. Wir danken der Fonderie für die Besichtigung und für die Offenheit im Umgang mit uns. Aber wir wollen nach wie vor wissen, was da aus dem Schornstein und den Dachluken kommt.“

An reinen Wasserdampf glaubt Schmitz jedenfalls nicht: „Manchmal ist der Dampf gelb, manchmal blau. Und das kann kein reiner Wasserdampf sein, denn der verflüchtigt sich ja schnell. Aber dieser Dampf nicht, der zieht als Wolke das Saartal hoch – und riecht irgendwie nach Chemie.“

Immerhin meint er beobachtet zu haben, dass die Messungen (auch ohne Ergebnis) bereits helfen. „Seit die Messungen laufen, ist der Dampf weniger geworden.“

So sehen die Kleinblittersdorfer die Fonderie Lorraine tagsüber.   . Foto: Erich Jöckel/Erich Joeckel

Die Fonderie Lorraine beschäftigt rund 400 Mitarbeiter. Sie gehört zu 51 Prozent der Voit Automotive aus St. Ingbert und zu 49 Prozent der ZF Friedrichshafen. Die SZ-Anfrage bei Fonderie-Geschäftsführer Marc Friedrich beantwortete die Pressesprecherin von Voit Automotive, Astrid Wilhelm-Wagner: „Wir gehen davon aus, dass aus unserem Werk keine Schadstoffe in die Umwelt entweichen. Wir warten jetzt gelassen ab, was die Messungen des Lua ergeben. Unsere Unternehmensphilosophie ist es, grundsätzlich transparent zu kommunizieren. Und das werden wir auch künftig tun.“

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