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Stadtplanung: Brunnen als optische und akustische Abgrenzung

Stadtplanung : Brunnen als optische und akustische Abgrenzung

Die Malerin Ute Lehnert entwarf das Ensemble am Obertor. Es trennt die Fußgängerzon von der viel befahrenen Bleichstraße.

„Aufsteigt der Strahl und fallend gießt / Er voll der Marmorschale Rund, / Die, sich verschleiernd, überfließt / In einer zweiten Schale Grund“, so beginnt das alte Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, das einem einfällt, wenn man vor den beiden Brunnenanlagen in der Saarbrücker Obertorstraße steht.

Zwar sind sie weder „römische Brunnen“ noch aus Marmor, wie jener, der Meyer zum Dichten animierte. Doch plätschert und ergießt sich auch bei ihnen das Wasser von einer Schale in die andere. Und damit sind sie – was Meyer bei seiner Brunnenpoesie gar nicht beachtete – ganz schön laut.

Genau darum sei es ihr gegangen, erklärt die Saarbrücker Malerin Ute Lehnert, die die Brunnen entworfen hat. Diese Brunnen, die ursprünglich sogar mal drei waren, sind untrennbar verbunden mit der Geschichte, wie der St. Johanner Markt damals zur Fußgängerzone wurde. Und so lassen wir Lehnert gern mehr davon erzählen. „Damals“ - das war Mitte der 1970er-Jahre. Da rauschte der Autoverkehr noch durch den Markt hindurch auf einer Bundesstraße, die Fröschengasse, in der Lehnert ein Atelier hatte, eigentlich der ganze Markt, war verschrien als „Hurenviertel“. Aber die Zeit für eine Veränderung war reif. 1974, erzählt Lehnert, gründete sie die ABK, die „Arbeitsgemeinschaft Bildender Künstler e.V.“, und lud alle Künstler vom Berufsverband ein, bei einem Projekt zur Umwandlung des Marktes in eine Fußgängerzone mitzumachen. „Das war da noch gar nicht genehmigt,“ sagt Lehnert, „das war nur eine Idee“. Mit der fand die neu entstandene Künstlergruppe 1975 dann laut Lehnert Gehör beim neuen Baudezernenten Günter Niedner. Die Stadt schrieb schließlich einen Wettbewerb aus, den die ABK zusammen mit dem Architektenbüro Krüger gewann. Gemeinsam hätten die Architekten und die Künstler dann einen Rahmenplan für die Neugestaltung des Marktbereichs entwickelt.

„Der ging bis ins Detail“, betont Lehnert. So wollten sie etwa, dass möglichst viele Bäume geflanzt werden und man drumherum auf Bänken aus Holz sitzen kann und nicht etwa aus Beton. Während Bildhauer Paul Schneider die künstlerische Gestaltung des Markt-Pflasters übernahm, übernahmen einige Künstlerinnen das Entwerfen von Brunnen und Skulpturen. „Jolande Lischke-Pfister hat den Brunnen vor der Alten Evangelischen Kirche gemacht, Karin Kremer eine Gestaltung hinter der Basilika, Lilo Netz-Paulik die Spiel- und Sitzplastik in der Kaltenbachstraße und ich eben die Brunnenanlage am Obertor“, zählt Lehnert auf.

Die drei verschiedenen großen Brunnen, die sie entwarf, sollten den Abschluss der Fußgängerzone zur Bleichstraße darstellen – und zwar nicht nur optisch, auch akustisch, erläutert die Künstlerin ihre Grundidee. Es sei ihr weniger darum gegangen, sich mit einer künstlerischen Gestaltung zu profilieren, zumal sie Malerin und nicht Bildhauerin sei, erfährt man. Die Brunnen sollten vielmehr dem Verkehrslärm in der Bleichstraße eine angenehmere Geräuschkulisse entgegensetzen.

Mit einem Steinmetz, dessen Name ihr leider entfallen sei, sagt die 79-Jährige, sei sie dann ins Fichtelgebirge gefahren, um dort in einem Steinbruch den Granit für die Brunnen auszusuchen. Auch weil man damit rechnen musste, dass Kinder auf ihnen herumturnen wollen, mussten die Brunnen sehr stabil und massiv ausfallen. Lehnert wollte die Dreiergruppe ursprünglich in der Mitte der Obertorstraße platzieren, damit sie auf einer Achse mit dem Stengelbrunnen liegen.

Leider kam die Stadt dann auf die Idee, dort noch einen Taxistand einzuplanen. Schweren Herzens musste Lehnert die Brunnen zur Seite verlegen. Weil sie so aber den Außenausschank eines Cafés beengten, ließ die Stadt einen der Brunnen, den kleinsten, später sogar entfernen, deshalb sind es heute nur noch zwei. Die aber bilden mit ihrer „wallenden Flut“, die von Schale zu Schale hinabströmt noch immer ein reizvolles Schauspiel und ein gutes Bollwerk gegen den Autolärm.

„Anwohner haben sich in der Anfangszeit sogar beschwert, sie könnten nachts nicht mehr schlafen und müssten wegen des Wasserrauschens häufiger die Toilette aufsuchen“, erinnert sich Lehnert mit einem Lächeln. Gar nicht hoch genug schätzen kann man, was die Künstler damals für ihre Stadt leisteten. Vier Jahre lang haben sie alle an der Planung und Gestaltung der neuen Fußgängerzone mitgearbeitet.

„Keiner von uns hat Honorar genommen, wir haben das aus Idealismus gemacht, wir haben nur Sitzungsgelder bekommen“, sagt Lehnert. Dass die Stadt den Beteiligten zur Einweihung des St. Johanner Marktes vorab per Post einen Frei-Bon für ein Glas Bier und eine Rostwurst schickte, empfanden die meisten Künstler laut Lehnert dann aber doch als einen eher schlechten Witz.