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Brasilianer liebt deutsche Kontrabass-Technik

Er fühlt sich in Saarbrücken richtig wohl : Brasilianer liebt deutsche Bass-Technik

Seine Gedanken sind oft in der Heimat. Trotzdem fühlt sich Alexandre Piazza an der Musikhochschule in Saarbrücken wohl.

Bassist Alexandre Ari Piazza stammt aus Palhoça, einer Stadt im Bundesstaat Santa Catarina in Südbrasilien. Dass es dort viele deutsche Einflüsse gibt aufgrund der Migration im 19. Jahrhundert, war aber nicht der Grund, warum der 30-Jährige jetzt in Deutschland lebt. „Es gibt auf dem Kontrabass eine sogenannte deutsche Technik, die wollte ich lernen“, erzählt er.

Zuhause verlassen seine Eltern derzeit nur einmal pro Woche die Wohnung zum Einkaufen, erzählt der in Burbach wohnende Musiker. Nach Deutschland dringen ja eher solche Nachrichten, dass Präsident Jair Bolsonaro die Corona-Pandemie nicht besonders ernst nimmt. Aber die Gouverneure der einzelnen Bundesstaaten oder die Bürgermeister der Kommunen vertreten zum Teil eine ganz andere Meinung. „In Brasilien ist die Kurve noch nicht abgeflacht“, meint Piazza. Deshalb verhielten sich viele Leute vorsichtig – andere, die mehr Bolsonaro vertrauten, gingen dagegen ganz normal arbeiten.

Ihn selbst trifft die Krise nicht so sehr, er studiert in Saarbrücken Kontrabass im Bachelorstudium und Musikpädagogik im Master an der Musikhochschule. Seine Frau Camilla ist Illustratorin und arbeitet sowieso vom heimischen PC aus.

Wie viele Kontrabassisten hat Piazza erstmal mit dem E-Bass angefangen. Und das, obwohl sein Vater Gitarre spielte und solch ein Instrument schon im Haus war. Aber der 14-jährige Alexandre hörte damals gerne Bands wie die Red Hot Chili Peppers, bei denen der Bass eine wichtige Rolle einnimmt. Bald schon spielt der Jugendliche in brasilianischen Tanzbands das komplette Programm: Pop, Rock, Samba und Bossa nova. Meist dauern die Auftritte vier oder gar fünf Stunden – eine harte, aber gute Schule. Dann studiert Piazza zwei Jahre lang Jura, weil der Vater möchte, dass er einen ordentlichen Beruf ergreift. Doch das ist nichts für ihn, er will lieber seiner Leidenschaft in der Musik nachgehen. Noch in Brasilien absolviert er ein Musikstudium auf Lehramt. Doch Lehrer verdienen dort nicht viel, außerdem meint Piazza, dass er auf dem Kontrabass noch besser werden muss.

Auf die Bassgeige war er gekommen, weil er im Lehramtsstudium die klassische Musik für sich entdeckt hatte. Ein dafür passendes Instrument wollte er lernen – und hatte verschiedene wie die Klarinette im Kopf. Bis sein Bruder auf das Naheliegende kam: „Lern doch Kontrabass, du spielst doch schon E-Bass!“ 2015 reisen Piazza und Camilla erstmals nach Deutschland. Er schaut sich Musikhochschulen an. Wolfgang Harrer, Dozent für Kontrabass an der Saarbrücker Hochschule für Musik, verspricht, ihn als Student aufzunehmen. Zurück in Brasilien spart das Paar, heiratet und kehrt Anfang 2018 nach Deutschland zurück. Hier versucht Piazza neben dem Studium als Musiker und Musiklehrer Fuß zu fassen. Schon länger spielt er im russischen Kammerorchester Frankfurt und im Homburger Sinfonieorchester, kürzlich ist er der Bluegrass-Band The Hatchetations beigetreten. Er sucht nach weiteren Engagements oder Schülern, die er in Kontrabass, E-Bass und Gitarre unterrichten kann.

Zwei Jahre will er noch in Saarbrücken bleiben. Was danach kommt, weiß er nicht. Wie alle Brasilianer hat er Sehnsucht nach der Heimat, seine Frau noch mehr als er. Aber zumindest gefällt es ihm in Saarbrücken sehr gut, besser als in Frankfurt, wo er die ersten drei Monate in Deutschland verbracht hatte.