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Beim Festival bricht "Die Zeit der Monster" an

Max Ophüls Preis : Bei Ophüls bricht „Die Zeit der Monster“ an

Glamour, Glitzer und gewetzte Messer bietet die im Saarland gedrehte Travestie-Revue, in der sich zwei Drag Queens bekriegen. 

Tragisch, lustig, authentisch und zugleich völlig überzeichnet, mit viel Herz und in jedem Fall ziemlich schräg kommt „Zeit der Monster“ daher. Im vergangenen Oktober feierte der Film Premiere bei den Hofer Filmtagen und ist im Rahmen des Festivals Max Ophüls Preis jetzt auch im Saarland zu sehen. In Saarbrücken, Neunkirchen, Blieskastel und Berlin gedreht, ist die „Zeitgeist-Satire“, wie Regisseur Tor Iben den Film am treffendsten beschrieben findet, für saarländische Cineasten ein besonderes Schmankerl.

Schnell erkennt zumindest der Saarbrücker, dass das „Why not“, das Travestiekünstlerin Amanda von Hohenstüt führt, der Kunst- und Kulturclub „Die Winzer“ in der Martin-Luther-Straße ist. Kein Zufall, denn der gehört Schauspieler Wolfang Reeb, der nicht nur die Amanda spielt, sondern auch der Ideengeber für den Film war.

Regisseur Tor Iben war schnell angetan, vom Projekt, aber auch vom Lokal. „Die Bar ist ein kleiner Mikrokosmos. Dort war eine Heterogenität zu finden, die ich gut fand. Das ist wirklich ein bisschen wie das Berlin, das gerade verschwindet. Wo man Leute findet, die nicht alle dasselbe denken, dieselbe Musik hören und dasselbe Aussehen haben. Eine bunte Mischung“, erklärt Iben.

Als mit Justine de Brest alias Drag-Künstlerin Nina Queer Konkurrenz in das „Tropical“ in der Mainzer Straße einzieht, wird schnell klar, dass der recht frei aus Blieskastel, Neunkirchen und Saarbücken zusammenkonstruierte Ort im Saarland zu klein für beide Diven ist.  Es entspinnt sich ein Generationenkonflikt zwischen der eher altmodischen Amanda, in deren Club seit eh und je zu Herzschmerz-Schlagern vom Band geschunkelt und performt wird, und der ehemaligen Zuhälterin Justine, die – wie Iben erklärt – einer neuen Generation von Drag Queens angehört, die lieber ihre eigenen punkigen Lieder singen. Der Konkurrenzkampf avanciert schnell zum erbitterten Krieg der beiden Damen, bei dem auch die ganz großen Geschütze aufgefahren werden.

„Der Film ist selbst eine Drag Queen“, sagt der Regisseur. „Er tut  einmal so als wäre er großes Hollywood, dann als wäre er eine Seifenoper oder ein Krimi. Er wechselt so oft die Kostüme wie Amanda.“ Ein echter Revuefilm ist „Zeit der Monster“ geworden, was Iben deshalb so passend fand, weil Musik in der Szene eine so große Bedeutung hat.  Wie das gesamte Genre, das in den 1930er- bis 1950er-Jahren entstand, wirkt der Film etwas aus der Zeit gefallen. Zugleich erwartet den Zuschauer ein wilder Ritt durch viele Themen, die die Gesellschaft aktuell beschäftigen: Rechtsruck und Flüchtlingskrise, Rassismus und auch das Netzphänomen der sogenannten Cancel Culture – das systematische Boykottieren von Personen – werden thematisiert.

So steht Amanda während der ganzen Zeit ihr deutlich jüngerer Ehemann Fu Ciang zur Seite.  Den Taiwanesen lernen Amanda und die Zuschauer gleich zu Beginn kennen und lieben. Und mit der schmalzig-kitschigen Romanze, die sich zwischen den beiden in kürzester Zeit entwickelt, stellt der Film auch schnell klar, was er nicht sein wird: eine Identitätssuche Amandas. Die weiß, wer sie ist. Und alle anderen auch.  „Der Film tut einfach so, als sei das heute kein Thema mehr“, erklärt Iben. Typische Bilder, zum Beispiel dass sich die Drag Queen dann irgendwann abschminke und ihr vermeintlich „wahres Gesicht“ zeige, habe er übersprungen, um seine Geschichte erzählen zu können. „Der Film ruft einige Vorurteile auf, um sie dann ausräumen zu können“, sagt Iben. Im Spiel mit der Erwartung des Zuschauers, die allzu oft unterlaufen wird, steckt viel Komik und ein besonderer Charme.  

Der Berliner Tor Iben hat Regie geführt und sagt, er habe sich während der Dreharbeiten im Saarland sehr wohlgefühlt. Foto: Ophüls

Die Dreharbeiten im Saarland seien eine sehr angenehme Erfahrung gewesen, sagt Iben. „Wir wurden mit dem Film so Willkommen geheißen. Wir mussten einigen absagen, weil so viele Lust hatten, mitzumachen“, sagt Iben. Jetzt ist er auf die Reaktionen der Saarländer gespannt.