Autorin Irina Rosenau gewinnt Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis

Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis : Autorin liebt den Blick hinter die Kulissen

Irina Rosenau aus Saarbrücken gewinnt mit ihrer Geschichte „Die Stunde des Farns“ den ersten Preis beim Schiff-Literaturpreis.

Eigentlich ist Irina Rosenau Literaturwissenschaftlerin. Sie hat Germanistik, Anglistik, Italianistik und Komparatistik studiert, seit 2008 hat sie regelmäßig Lehraufträge, arbeitet an der Universität des Saarlandes. Doch Kunst, und vor allem auch Literatur, interessiert sie „nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch“, erzählt die 41-Jährige. Das Schreiben begleitet sie schon lange. Mit 15 trug sie zum ersten Mal ihre eigenen Gedichte öffentlich in der Schule vor. Das sei zwar aufregend gewesen, habe ihr allerdings auch eine gewisse Außenseiterrolle verpasst. Dennoch: „Mit der Zeit wurde der Wunsch, die eigenen Ideen zu verschriftlichen, immer größer“, sagt Rosenau. Und so hat sie sich in den letzten beiden Jahren wieder vermehrt auf das Schreiben konzentriert. Im Gegensatz zu ihren ersten literarischen Anfängen macht sie heute aber eher Kurzprosa. Mit Erfolg. Für ihre Texte erhielt sie nicht nur bei einem Schriftstellertreffen im Saarbrücker Künstlerhaus gute Kritiken und somit eine Ahnung davon, dass „ihr das Schreiben ganz gut gelinge“, wie Rosenau bescheiden sagt. Mit ihrer Geschichte „Die Stunde des Farns“ gewann sie in diesem Jahr auch den ersten Preis des Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreises der Stadt Saarbrücken.

Der Text mutet fast wie eine Reise durch all die Themen, die Rosenau interessieren und inspirieren, an. Ein Aushängeschild ihres Schaffens sozusagen. „Die Stunde des Farns“ spielt zum Ivan-Kupala-Tag, dem heidnischen Fest der Sommersonnenwende, wie es traditionell in Russland, Belarus, Polen und der Ukraine gefeiert wird. Wer in dieser Nacht die Blüte eines Farns findet, die es eigentlich gar nicht gibt, dem sind Reichtum und ewige Liebe versprochen. Daher durchsuchen viele Paare in dieser Nacht die Wälder, finden dort statt der Farnblüte allerdings Intimität, Zweisamkeit. So auch das junge Mädchen, pubertierend, mit ersten Empfindungen, das im Mittelpunkt dieser Geschichte steht. Und der Junge, den sie aus Kindertagen kennt. Doch dieser birgt ein Geheimnis, eine schlimme Wahrheit. Er ist nicht mehr derselbe wie damals.

Wie in vielen ihrer Texte wird hier eine Momentaufnahme, eine Veränderung, ein Blick hinter die Kulissen zum Schlüsselmoment des Textes. „Es geht nicht um das was, sondern darum, wie es dazu kommt“, erklärt Rosenau. Mit ihren Texten möchte sie zeigen, „wie schwer sich Urteile über das Innenleben bei reiner äußerer Betrachtung“ fällen lassen. Auch heidnische Mythen, Religion, Konventionen und kulturelle Tradition spielen eine Rolle. Das all dies im russischen Kulturkreis verortet ist, kommt nicht von ungefähr: Rosenau stammt aus Weißrussland. Schon früh hat sie sich für Sprachen interessiert, ihr Tagebuch aus Jugendjahren schrieb sie auf Deutsch. In Minsk absolvierte sie ihr Bachelorstudium in Germanistik. Sie wollte nach Deutschland, dachte: „Ich mach das mal“. Geplant war ein Jahr. Mittlerweile ist sie seit knapp 20 Jahren hier. Zwischenzeitlich lebte sie noch ein Jahr in Pisa, es sei interessant gewesen „noch einmal in ein anderes Ausland zu gehen, noch einmal die Perspektive zu wechseln“. Sie scheint mit derselben Neugier wie in ihren Texten auch an ihr eigenes Leben heranzugehen. Den Abschluss ohrer Doktorarbeit hat sie noch vor sich. In den letzten beiden Jahren habe sie allerdings gemerkt, dass sie sich entweder für das Forschen oder das Schreiben entscheiden muss, „sonst kommt man in beidem nicht weiter“, sagt Rosenau. Und obwohl ihre Forschung im Hintergrund weiterläuft, widme sie sich dem Schreiben und schaue wie weit sie komme.

Sie möchte ein, vielleicht zwei Erzählbände herausgeben. Dass diese nächstes Jahr fertig werden, kann sie nicht sagen, vielmehr bewege sie sich von Text zu Text, denke nicht zu sehr an die Zukunft. Aber: „Es werden mehr Texte und das gefällt mir“, sagt Rosenau. Auf die Frage, was der Gewinn des Literaturpreises in ihr ausgelöst hat, antwortet sie zögerlich, wählt ihre Worte mit Bedacht. Was erwartet man auch von jemandem, der seine Doktorarbeit zum Thema Selbstdarstellung in Literatur und Kunst schreibt. Sie möchte nicht pathetisch klingen, aber: „Ich habe mich für den Text gefreut, er ist gut geworden“, sagt Irina Rosenau lachend.

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