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Interview zum Frauentag
Auf dem langen Weg zu gleichen Chancen

Saarbrücken. Was drei Generationen von Saarbrückerinnen von Feminismus, alten und neuen Rollenbildern halten. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Heute ist Weltfrauentag. 2018 feiert Deutschland einen besonderen Meilenstein: 100 Jahre Frauenwahlrecht. Wie hat sich die Rolle der Frauen in der Politik entwickelt, und braucht man heute noch Feminismus? Das hat die SZ bei drei Frauen einer Familie nachgefragt. Die Großmutter, Inge Platzek-Maaß (77), ist im Ruhestand und wohnt in der Landeshauptstadt. Ihre Tochter, Annette Peteranderl (50), wohnt ebenfalls in Saarbrücken, wo sie als Fachanwältin für Familienrecht arbeitet. Die Enkelin Maren Peteranderl (23) ist in Saarbrücken aufgewachsen und studiert zurzeit Psychologie in Berlin.


Vor 100 Jahren haben Frauen für das Wahlrecht gekämpft. Können Sie sich noch an Ihre erste Stimmabgabe erinnern, und gehen Sie immer noch jedes Mal zur Urne?

Maren Peteranderl: Ich habe mit 18 das erste Mal gewählt. Ich wähle bei jeder Abstimmung, weil ich denke, dass es wichtig ist, die Verantwortung, die einem mit der Stimme zugeteilt wird, auch anzunehmen.



Annette Peteranderl: Ich gehe auch immer wählen. Wenn es zeitlich nicht passt, dann mit Briefwahl. An meine erste Wahl kann ich mich nicht mehr erinnern.

Inge Platzek-Maaß: Ich wähle auch immer. Das erste Mal nahm ich an der Bundestagswahl 1965 teil. Das Mindestwahlalter betrug damals 21 Jahre, erst ab 1974 18 Jahre. Durch die Volksabstimmung 1955 und die damit verbundenen Diskussionen waren die meisten Saarländer politisch interessiert und informiert. In meinem Elternhaus wurde damals viel über Politik diskutiert. Bei meiner ersten Wahl habe ich mich an den Vorstellungen meiner Eltern orientiert. Später habe ich mir natürlich meine eigene Meinung gebildet.

Heute gehen viele Leute, vor allem junge Menschen, nicht mehr wählen. Ist es den Menschen heute weniger wichtig, mitreden zu dürfen?

Annette Peteranderl: Wenn Wahlen anstehen, ist es bei uns zu Hause immer ein Thema. Nicht nur Abstimmungen in Deutschland, sondern auch wie letztes Jahr in Frankreich oder beim Brexit-Votum. Letztes Jahr durfte Marens Schwester zum ersten Mal wählen. Wir sind dann alle zusammen ins Wahllokal gegangen, es war für uns als Eltern wichtig.

Maren Peteranderl: Unter meinen Freunden wird durchaus gewählt, jedoch rede ich mit ihnen lieber über andere Dinge als Politik. In meinen Augen versucht Politik meist, Dinge von außen zu verändern, für mich ist es wichtiger, bei sich selbst anzufangen und auf diese Weise Veränderung zu ermöglichen. Dass viele junge Leute nicht wählen, hat wohl nichts mit Desinteresse für die Inhalte oder mit Faulheit zu tun. Aber das Ansehen von Berufspolitikern ist sehr gesunken. Es gibt andere Berufsgruppen, die in der Gesellschaft bessere Vorbilder sind. Deshalb fühlen sich Menschen durch Politiker nicht unbedingt so gut repräsentiert. Das motiviert nicht wirklich zu wählen.

Das Frauenwahlrecht hat auch 100 Jahre danach nicht dazu geführt, dass sich Frauen genauso wie Männer an der Politik beteiligen. Woran liegt das?

Maren Peteranderl: Ich denke, dass Männer auf andere Weise nach Macht streben als Frauen. Für Männer ist es wichtiger, auch in der Politik zu gewinnen. So ähnlich wie bei Krieg oder Fußball. Mir geht es, wenn ich wähle, weniger darum, dass eine bestimmte Partei gewinnt. Vielleicht reicht es Frauen, manchmal als Wahlberechtigte Einfluss auf die Entscheidungen zu nehmen, und für Männer ist es wichtiger, selbst aktiv daran teilzunehmen. Aber das hängt auch davon ab, in welchem Maße eine Person sich mit einer Partei identifiziert.

Inge Platzek-Maaß: Wir haben in Deutschland Parteien, und diese stellen die Wahllisten auf. Wenn man zum Beispiel für den Bundestag kandidiert und gewählt wird, muss man nach Berlin umziehen. Frauen, die in den meisten Fällen auch heute noch die Verantwortung für Familie und Kinder tragen, fällt ein solcher Ortswechsel wesentlich schwerer. Männer sind mobiler und eher bereit, für ein Mandat zu kandidieren.

Annette Peteranderl: Als berufstätige Frau mit Kindern, die sich auch politisch engagieren will, hat man einfach nicht viel zusätzliche Zeit.

Maren Peteranderl: Aber ein berufstätiger Mann mit Kindern investiert auch Zeit.

Inge Platzek-Maaß: Ja, aber es geht nicht nur um Arbeitssitzungen. Man muss auch sonst präsent sein, zum Beispiel bei parteiinternen Veranstaltungen. Darüber hinaus gibt es vielleicht alte Vorurteile. Als ich jung war, glaubte man, Frauen seien nicht für Politik geeignet. Das war eine Männerdomäne.

Denken Sie, dass man Frauen heute immer noch für weniger kompetent als Männer hält?

Maren Peteranderl: Ich empfinde das nicht so. Es gibt Vorurteile gegen Frauen, aber auch welche gegen Männer. Es gibt ein paar Menschen, die ihre Vorurteile pflegen, und diese wird es immer geben. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass man mir als Frau weniger zutraut.

Inge Platzek-Maaß: Bei Frauen wird dies immer wieder in Frage gestellt. Zum Beispiel als Ursula von der Leyen Ministerin wurde, waren die Schlagzeilen „Kann man als Mutter von sieben Kindern ein Ministerium leiten?“ Solche Kommentare müssen sich Männer nicht anhören.

Maren Peteranderl: Aber dass sie auch Kinder hat, könnte doch sozusagen als „Zusatzqualifikation“ statt als Last angesehen werden, oder? Es ist doch ein Beweis dafür, dass sie Verantwortung übernehmen kann.

Annette Peteranderl: Dieser Meinung bin ich auch. Aber ich denke, dass viele Frauen auch selbst zurückstecken, wenn es darum geht, eine große politische Verantwortung zu übernehmen, weil sie sich fragen, ob sie das mit der Familie unter einen Hut bringen.

Maren Peteranderl: Aber dann ist die Person nicht geeignet. Jemand, der sich hingegen trotz Kindern dazu bereit fühlt, ist der Aufgabe gewachsen.

Wie sieht es in anderen Bereichen der Gesellschaft aus, haben Männer und Frauen da den gleichen Stand, zum Beispiel an der Uni?

Inge Platzek-Maaß: Als ich angefangen habe zu studieren, war der Anteil von Frauen unter den Studenten wesentlich kleiner. Der Umgangston unter Studenten war sehr herzlich. Aber manche Professoren hatten schon hässliche Sprüche. „Sie frage ich mal lieber nicht, ich denke, da würde ich lieber nach einem Kochrezept fragen“, musste ich mir schon anhören.

Annette Peteranderl: In meinem Studiengang waren anfangs ungefähr gleich viele Frauen wie Männer eingeschrieben. Doch nicht alle Frauen haben tatsächlich am Ende auch Examen geschrieben und das Studium abgeschlossen.

Maren Peteranderl: In meinem Semester sind ein paar mehr Männer, doch in der gesamten Fakultät sind es zwei Drittel Frauen. Solche Sprüche wie meine Oma habe ich an der Uni noch nie gehört.

Und im Berufsleben?

Inge Platzek-Maaß: Da gibt es noch Luft nach oben bis zur Gleichstellung. Mehr als die Hälfte der Frauen arbeitet in Teilzeit. Das kann man von Männern nicht sagen.

Annette Peteranderl: Genau, und spätestens bei der Rente wird das zum Problem. Oder bei Scheidungen. Von der Hälfte der Grundrente des Mannes kann eine Frau, die selbst 30 Jahre nicht gearbeitet hat, kaum leben. Ich hatte das Glück, dass ich Arbeit und Familie gut kombinieren konnte, zum Beispiel von zu Hause aus arbeiten, wenn die Kinder krank waren. Aber es war in der

Berufswelt eher eine Ausnahme. In den 90er Jahren waren außerdem die Betreuungsangebote noch nicht so gut wie heute, so dass viele Frauen länger im Job pausieren mussten.

Inge Platzek-Maaß: Dennoch ist das Thema in Deutschland, glaube ich, immer noch für Frauen problematisch.

Was verstehen Sie unter Feminismus?

Inge Platzek-Maaß: Für mich ist es die Bewegung, die grundsätzliche Rechte für die Frauen erstreiten und die Wertschätzung für sie steigern will. Mir gefällt es nicht, dass das Wort „Feministin“ oft abwertend genutzt wird. Das erste Gleichberechtigungsgesetz in Deutschland wurde von Feministinnen angestoßen. Davor konnte der Mann bestimmen, ob die Frau arbeiten oder den Führerschein machen durfte. Ein weiteres gutes Beispiel, das mir am Herzen liegt, ist die Entwicklung des Namensrechts. Als ich 1965 geheiratet habe, konnte ich auf Antrag meinen Namen an den Namen meines Ehemannes anhängen. Damals bin ich dafür angefeindet worden. Auch später wurde ich immer wieder als „Bindestrich-Frau“ belächelt. Mittlerweile haben die Eheleute die freie Wahl.

Annette Peteranderl: Ich war früher nicht so politisch. Ich habe mich im Berufsleben nie diskriminiert gefühlt. Das Bewusstsein für den Feminismus und der Gedanke, dass sich Frauen für ihre Gleichbehandlung verstärkt einsetzen müssen, haben sich bei mir später entwickelt.

Maren Peteranderl: Für mich ist der

Begriff „Feminismus“ sehr mit Vorurteilen behaftet. Bei „Feministin“ denke ich an eine Frau, die sich benachteiligt fühlt. Warum sollte ich mich benachteiligt fühlen? Für mich zielt der Begriff zu sehr auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen ab. Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Unterschiede so riesig sind. Vielleicht gab es – historisch bedingt – Unterdrückungen. Die sehe ich aber heute nicht mehr für die meisten Frauen meiner Generation. Ich glaube, es ist besser, sich auf Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen zu fokussieren anstatt auf Unterschiede.

Inge Platzek-Maaß: Das hört sich so an, als hätten wir den idealen Zustand erreicht. Haben wir aber nicht.

Annette Peteranderl: Daran krankt ein bisschen die Diskussion. Die jüngeren Frauen sehen keine Diskriminierung, und die Generationen wie ich und meine Mutter sehen da noch strukturell viel Bedarf. Vielleicht hat das etwas mit dem Alter zu tun, und es ändert sich, wenn jüngere Frauen die Erfahrung machen, dass sie an eine gläserne Decke stoßen. Ich wünsche mir, dass wir die Männer auch mit ins Boot nehmen, um die Lebensbedingungen in der Gesellschaft so zu ändern, dass Männer und Frauen sowohl im Job als auch in der Politik die gleichen Chancen bekommen.

Das Gespräch führte
Hélène Maillasson

Maren Peteranderl (von rechts), ihre Großmutter Inge Platzek-Maaß und ihre Mutter Annette Peteranderl diskutieren über Frauen und Politik.
Maren Peteranderl (von rechts), ihre Großmutter Inge Platzek-Maaß und ihre Mutter Annette Peteranderl diskutieren über Frauen und Politik. FOTO: Hélène Maillasson