Arzt, der Menschen zwangssterilisierte, hat noch Ehrengrab in Saarbrücken

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarbrücker Ehrenbürger : Saarbrücker Ehrengrab für einen NS-Arzt?

Die Landeshauptstadt kümmert sich weiter um die Ruhestätte von Oscar Orth, der Menschen zwangssterilisiert hat.

Oscar Orth schien dem Vergessen geweiht. Das Ensheimer Straßenschild mit seinem Namen wurde abgeschraubt. Der Brunnen, der seinen Namen trug, wurde ebenfalls umbenannt. Das ging nicht ohne Widerstand vonstatten. Aber einen Mann zu ehren, der, wie ein Historiker dokumentiert hat,  mitverantwortlich war für etwa 2350 Zwangssterilisationen und Krankenmorde in der NS-Zeit,  war trotz politischer Gegenwehr aus der CDU  nicht mehr machbar. Am 8. August 2001 beschloss der Bezirksrat Halberg nach langem Hin und Her, die Orth-Straße umzubenennen. Das Kapitel schien beendet. Ist es aber nicht.

Nach SZ-Informationen will die Saarbrücker Stadtverwaltung das Grab Oscar Orths auf dem Ensheimer Friedhof neu herrichten. Hängt diese Grabpflege auf Steuerzahlerkosten damit zusammen, dass der ehemalige Leiter des Landeskrankenhauses in Homburg am 23. März 1930 zum Ehrenbürger der damals noch eigenständigen Gemeinde Ensheim ernannt und bis heute nicht aus der Liste der Saarbrücker Ehrenbürger gestrichen wurde?

Saarbrückens Bürgermeister Ralf Latz verneint das. „Die Ehrenbürgerschaft erlischt mit dem Tod der jeweiligen Person, das ist auch bei Oscar Orth seit seinem Tod am 19. August 1958 der Fall“, teilt er auf Anfrage mit. Er betont, Orth sei „im Jahr 1930 die Ehrenbürgerschaft von der Gemeinde Ensheim – die damals nicht Teil der Landeshauptstadt Saarbrücken war – verliehen worden, die offizielle Verleihung fand am 15. Juni 1946 statt“.

Erst nachdem „das öffentliche Interesse an Orths Rolle bei den Zwangssterilisationen durch die Nationalsozialisten erwacht war, wurden auch seine Ehrungen in Frage gestellt“, sagt Latz. „Zu den Konsequenzen gehörte unter anderem, dass die Landeshauptstadt Saarbrücken im Jahr 2001 die Oscar-Orth-Straße in Ensheim zur ,Alten Spitalstraße’ umbenannt hat“, erinnert er.  Dass Oscar Orth in der Liste der Ehrenbürger aufgeführt ist, sei „der historischen Authentizität geschuldet“. Die Landeshauptstadt werde eine Streichung von der Liste der Ehrenbürger prüfen. Oscar Orths Grab in Ensheim existiert zwar noch. Es werde aber „lediglich regelmäßig auf Standfestigkeit geprüft, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, sagt Latz und versichert: „Darüber hinaus wird dem Grab keine besondere Pflege, etwa mit Blumenschmuck oder Ähnlichem, zuteil.“

Eine Antwort, die Fragen aufwirft: Es handelt sich also nicht um ein sogenanntes Ehrengrab? Warum ist das Grab, dass ja ziemlich freisteht, weil die Gräber drumherum weg sind, auch so lange nach dem Tod von Oscar Orth überhaupt noch da? Und wieso ist die Stadt für dessen Verkehrssicherheit zuständig? Wäre das nicht Sache der Familie?

Bürgermeister Ralf Latz schiebt eine weitere Erklärung nach: „Bei dem Grab von Oscar Orth handelt es sich um das ursprüngliche Ehrengrab, das die damals selbstständige Gemeinde Ensheim errichtet hatte. Das Grab ist noch da, weil die Ehrengräber erhalten werden müssen.“ Außerdem teilt Latz nun mit: „Sollte die Prüfung zum Ergebnis führen, Oscar Orth aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen, so muss das Grab städtischerseits nicht mehr erhalten werden.“ Dass Oscar Orths Name in der Liste der Ehrenbürger steht hat also doch mehr Auswirkungen, als zunächst mitgeteilt, ist also nicht nur „der historischen Authentizität geschuldet“. Zumal es Saarbrücker Ehrenbürger gibt, die erst nach ihrem Tod zu solchen gemacht wurden, der Widerstandskämpfer Willi Graf etwa.

Der Orth-Brunnen wurde erst 2012 umbenannt. Foto: Becker & Bredel

2003 noch hat der saarländische Historiker Peter Luy Oscar Orth in einem von der Stadt selbst herausgegebenen Saarbrücker Ehrenbürger-Buch auf einer Stufe mit hochgeschätzten Saarbrücker Ehrenbürgern erwähnt. Orth sei „ins Gerede gekommen“, hieß es verharmlosend. Das war ein Jahr, nachdem jeder Bescheid wissen konnte, weil die Saarbrücker Lokalredaktion der Saarbrücker Zeitung wegen  „hartnäckiger Berichterstattung im Fall Orth“ den Konrad-Adenauer-Preis für Lokaljournalismus bekommen hatte. Die Kollegen hatten damals wissenschaftliche Erkenntnisse dokumentiert und die Politik damit konfrontiert.

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