Am Auschwitz-Gedenktag berichtet Historiker Paul über die Verschleppung der Saar-Juden durch die Nazis nach Gurs

Kostenpflichtiger Inhalt: Historiker und Schüler gestalten Gedenkveranstaltung im Landtag : Wie die Nazis die Saar-Juden verschleppten

Am Auschwitz-Gedenktag am Montag erinnert Historiker Roland Paul im Landtag an die Deportation der Saar-Juden ins südfranzösische Gurs.

Vor 75 Jahren ist einer der schrecklichsten Orte auf der Erde von der Roten Armee der Sowjetunion befreit worden: Am 27. Januar trafen die Einheiten der 322. Infanteriedivision noch auf etwa 7000 verhungernde Menschen, die die SS zurückgelassen hatte. In den Jahren seit 1941 hatten die Nationalsozialisten in dem Konzentrationslager in Polen bis zu 1,5 Millionen Menschen bestialisch und industriell ermordet. Die meisten von ihnen waren Juden aus den von den Deutschen besetzten Staaten Europas und wurden von der SS mit dem Gas Zyklon B umgebracht.

Am internationalen Auschwitz-Gedenktag am kommenden Montag, 27. Januar, wird im Saar-Landtag eine besondere Gedenkstunde stattfinden. Wie die Landeszentrale für politische Bildung und die Landtagsverwaltung mitteilten, wird der Historiker Roland Paul einen Vortrag halten, der sich mit der so genannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ der Nazis vom Oktober 1940 beschäftige. Im Oktober 1940 waren die jüdischen Bürger des Saarlands, der Pfalz und Badens von SS, Gestapo und regulärer Polizei mit Gewalt aus ihren Häusern und Wohnungen geholt worden. Sie wurden in Züge gesetzt, die in Frankreichs Süden fuhren. In Gurs nahe Pau an den Pyrenäen wurden die Menschen in ein Lager gezwungen, das unter dem Regime der faschistischen Vichy-Regierung des französischen Helden des Ersten Weltkriegs, Marschall Philippe Pétain, stand, der mit Adolf Hitler nach der Niederlage Frankreichs im Mai 1940 zusammenarbeitete (Stichwort „Kollaboration“).

„Ich bin mehrmals im Archiv in Pau gewesen, wo die Akten des Lagers Gurs untergebracht sind“, sagte Paul, 68, der bis 2016 Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde war. Paul hatte bereits 2017 eine Arbeit mit dem Titel „Pfälzer Juden und ihre Deportation nach Gurs. Schicksale zwischen 1940 und 1945. Biographische Dokumentation“ veröffentlicht. Diese Aufgabe übernimmt Paul jetzt auch im Auftrag des Saar-Kultusministeriums und der Landeszentrale für politische Bildung, wie deren Leiter Erik Harms-Immand der SZ erklärte. Der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland, der evangelische Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann, erklärte, er habe den Kontakt zu Paul hergestellt.

Paul sagte, dass seine Recherchen im Archiv von Pau bisher ergeben hätten, dass die bisherigen Zahlen, wie viele Saar-Juden nach Gurs verschleppt worden seien, überprüft werden müssten. Nach einer Gestapo-Liste seien es 134, nach Angaben des Ex-Chefs der Saar-Landesarchivs Professor Hans-Walter Hermann aus den 1990er Jahren seien es 145 gewesen. „Doch ich habe festgestellt, dass Saar-Juden nicht nur durch die Wagner-Bürckel-Aktion nach Gurs deportiert worden sind“, sagte Paul. Der NS-Gauleiter des Gaus Saarpfalz, Josef Bürckel, und der Gau-Leiter von Baden, Robert Wagner, hatten die Deportation aus ihren Gebieten gemeinsam im Oktober 1940 befohlen. Bürckel „meldete“ danach an Hitler: „Die Saar ist jetzt judenfrei!“

Doch viele Saar-Juden seien bereits Jahre zuvor geflohen. Nach der Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935, bei der 90,8 Prozent der Saarländer für den Beitritt zu Hitler-Deutschland votierten (Schlachtruf: „Heim ins Reich!“), hätten viele der damals mehr als 3000 jüdischen Mitbürger die Möglichkeit genutzt, die der Saarbrücker Rabbiner Schlomo Friedrich Rülf durch das „Römische Abkommen“ mit dem Völkerbund erzielt habe, wie Paul erklärte. Diese saarländischen Juden konnten bis Februar 1936 das Saarland verlassen, das bereits von den Nazis regiert wurde. „Viele derjenigen, die nach Frankreich gegangen waren, wurden vom Vichy-Regime 1940 als so genannte unerwünschte Ausländer verfolgt und ebenfalls ins Lager Gurs verschleppt“, sagte Paul. Deshalb sei eine exakte Zahl der in Gurs unter miserablen Bedingungen festgehaltenen Saar-Juden noch nicht zu nennen.

Für viele der Saar-Juden war jedoch Gurs nur eine Zwischenstation, eine Art Vorhölle. Denn nach der Berliner Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 entschieden die Nazis, alle Juden, derer sie habhaft werden konnten, zu ermorden. Das Vichy-Regime half dabei kräftig mit und organisierte Züge, die über das Sammellager Paris-Drancy etwa 65 000 französische Juden nach Auschwitz transportierten.

In einem dieser Züge, die aus Viehwaggons bestanden, saß der damals eineinhalb Jahre alte Richard Bermann. Der heutige Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar berichtete der SZ, wie er als Kleinkind zusammen mit seiner Mutter von Soldaten des Vichy-Regimes aus der Wohnung in Dijon zwangsweise herausgeholt und ins Lager Gurs gebracht wurde. Seine Eltern waren aus dem Saarland nach 1935 geflohen und hatten sich in Dijon als Franzosen „naturalisieren“ lassen. Bermanns Vater konnte vor dem Zugriff der Schergen Pétains fliehen und habe sich dem französischen Widerstand angeschlossen. „Meine Mutter und ich hatten dann unglaubliches Glück“, erzählte Bermann. Denn nach vier Monaten in Gurs wurden viele der Insassen in Viehwaggons gepfercht, der Zug ging Richtung Drancy, Zwischenstation vor dem KZ Auschwitz. „Plötzlich hielt der Zug auf freier Strecke abrupt an. Einigen der Frauen gelang es, den Hebel der Schiebetür aufzudrücken. Und meine Mutter sprang mit mir aus dem Waggon in die Nacht“, berichtete Bermann. In einem Versteck bei Castres/Tarn hätten sie die Zeit der Verfolgung in Frankreich überleben können, ebenso wie der Vater, der sich später der freien Armee Frankreichs von General Charles de Gaulle angeschlossen habe. „Aber 27 meiner Familienmitglieder sind von den Nazis in Auschwitz und Sobibor ermordet worden“, sagte Bermann. Ein Cousin von ihm sei erst drei Monate alt gewesen, als er mit seiner Mutter in der Gaskammer umgebracht worden sei.

Derzeit bereitet die Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ in Berlin eine Ausstellung vor, die am 22. Oktober 2020, 80 Jahre nach der Verschleppung der Juden nach Gurs, die Schicksale der Opfer und den Lager-Alltag darstellen werde. Im Auftrag der Kultusministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) koordiniere die Landeszentrale dieses Projekt.