Für Menschen mit Behinderung Inklusions-Projekt begleitet das Altstadtfest in Saarbrücken

Saarbrücken · Beim 47. Saarbrücker Altstadtfest heißt es „Zeichen setzen“. Dahinter verbirgt sich ein Projekt, das es Menschen mit Behinderung erleichtern soll, vom 14. bis 16. Juli mitzufeiern.

 Beim Saarbrücker Altstadtfest sollen Menschen mit Behinderung diesmal besser mitfeiern können.

Beim Saarbrücker Altstadtfest sollen Menschen mit Behinderung diesmal besser mitfeiern können.

Foto: BeckerBredel

Das Programmheft ist in einfacher Sprache gestaltet. Beim Saarbrücker Altstadtfest gibt es Kommunikations-Tafeln mit Symbolen, die den Besuchern helfen sollen, sich zu verständigen. Und auch eine eigene Bühne mit speziellen Angeboten für Menschen mit Behinderungen ist geplant. Neben bekannten Künstlern wie Namika und Glockenbach lege die traditionsreiche Veranstaltung, in diesem Jahr vom 14. bis 16. Juli,  einen Schwerpunkt auf mehr Barrierefreiheit beim Programm und der Information, erklärt der Saarbrücker Oberbürgermeister Uwe Conrath. Damit wolle man es „Menschen mit Behinderungen erleichtern, mitzufeiern.“

Als erste Kommune in Deutschland realisiert die Landeshauptstadt deshalb bei der 47. Ausgabe des Altstadtfestes das Projekt „Zeichen setzen“, das sich für die aktive Einbindung von Menschen mit Kommunikations-Beeinträchtigungen ins Veranstaltungs- und Kulturgeschehen engagiert. Dabei folgen die Veranstalter dem Konzept der in Bergkamen ansässigen Gesellschaft „KaMa mittendrin“ von Maike Freiberg und Katrin Bühring.

Die Situation würden viele kennen: Sie sind beim Zahnarzt, haben den Mund weit geöffnet, und der Doktor schaut nach dem rechten. Das Sprechen fällt ihnen in diesem Moment schwer, erklären die beiden. Einigen Menschen würde es dagegen jeden Tag so gehen. Sie können gar nicht mit anderen reden. Das sei bei einigen schon seit ihrer Geburt, bei anderen durch einen Unfall oder eine Krankheit bedingt der Fall. Dabei sei Kommunikation für alle wichtig. Maike Freiberg engagierte sich bereits in ihrem Studium zur Diplom-Sprachheilpädagogin an der Technischen Universität Dortmund für Menschen mit Behinderungen, insbesondere mit Kommunikations-Beeinträchtigungen: „Ich möchte ihnen eine Stimme geben“, erklärt sie. Nach ihrem Studien-Abschluss sei sie über 20 Jahre als Therapeutin für Unterstützte Kommunikation (UK) in einer großen Einrichtung der Behindertenhilfe tätig gewesen. Sie absolvierte eine Weiterbildung zum UK-Coach und arbeitete bis 2022 als Leiterin einer Beratungsstelle in diesem Bereich. Dabei seien die erste Ideen für die Umsetzung des Großprojektes zur Sensibilisierung und Bewusstseins-Bildung für die Belange von Menschen mit UK-Bedarf in der Öffentlichkeit entstanden, das nun auf dem Altstadtfest erstmalig umgesetzt wird, erklärt Freiberg und ergänzt: Sie wolle Brücken zwischen Menschen bauen und Lebenswelten miteinander verschmelzen lassen.

Damit sich die Betroffenen, die temporär oder dauerhaft ihre Lautsprache verloren haben, mit den anderen Besuchern des Altstadtfestes besser verständigen können, kommen so genannte Kommunikationstafeln zum Einsatz. Indem sie auf ein bestimmtes Bildsymbol zeigen, können sie zum Ausdruck bringen, wie sie sich fühlen, was sie möchten oder benötigen. Wer zum Beispiel etwas lustig findet, kann auf das Symbol eines Clowns tippen. Beim Altstadtfest sollen nach Angaben der Organisatoren die rund 150 Verkaufs- und Info-Stände mit diesen Tafeln ausgestattet werde. So möchte „Zeichen setzen“ auch Berührungsängste mit Menschen die auf UK angewiesen sind, abbauen, heißt es weiter. Katrin Bühring ist der „kreativ schreibende Kopf“ der Gesellschaft „KaMa mittendrin“. Die Schauspielerin und Texterin arbeitet regelmäßig für Film und Fernsehen und hat die Kinderbuch-Reihe „Abie Alha“ ins Leben gerufen, die aktuelle Themen altersgerecht aufgreift. Für „KaMa mittendrin“ entwickelt sie kulturell- und bildungs-fördernde Konzeptideen und Maßnahmen und setzt diese um.

„Zeichen setzen“ wird von „KaMa mittendrin“ in Zusammenarbeit mit dem Projektträger Lebenshilfe Saarbrücken, deren Geschäftsführung Ralf Latz nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Saarbrücker Bürgermeisters übernommen hat, und der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation umgesetzt. Deren Projektleiterin Lisa Scheitza betont: „Wir wollen das Altstadtfest für Menschen mit Beeinträchtigungen erlebbar machen.“

Sie sammelte schon früh Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen und entschied sich für eine Ausbildung zur Logopädin. Schnell sei ihr bewusst geworden, dass es durch die UK zahlreiche Möglichkeiten gibt, Menschen ohne Lautsprache Hilfen zur Seite zu stellen und ihnen somit Teilhabe und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Als sie nach einem Auslandsaufenthalt 2018 ins Saarland zurückgekehrt ist, habe sie jedoch feststellen müssen, dass es hier in diesem Bereich kaum Angebote gegeben habe. Deshalb entwickelte Scheitza die Idee, im Saarland eine Beratungsstelle aufzubauen. Auf der Suche nach einem Projektpartner konnte sie die Lebenshilfe Saarbrücken von ihrem Plan überzeugen. Seit Januar 2022 gibt es nun die Beratungsstelle Unterstützte Kommunikation der Lebenshilfe Saarbrücken und somit die erste Anlaufstelle für UK im Saarland. Die Sozialorganisation „Aktion Mensch“ fördert das Projekt für fünf Jahre.

Auf dem Cora-Eppstein-Platz gibt es beim Altstadtfest ein inklusives Rahmenprogramm mit Infoständen. Unter anderem ist eine Disco sowie eine Mitmach-Lesung zu dem Buch „Abie Aba“ für Kinder mit und ohne Behinderung geplant, und am Sonntag treten inklusive Musikgruppen auf. Darunter ist auch die „i-Band“, deren Mitglieder mit ihren i-Pads Instrumente spielen. Bereits am Samstag, 16 Uhr, beginnt die Podiums-Diskussion „Gemeinsam Laut“ mit Politikern, Betroffenen und Fachkräften. Vor dem Staatstheater wird zudem am Sonntag, 11 Uhr, das Inklusions-Musical „Alles ist möglich“ aufgeführt.

 Ralf Latz von der Lebenshilfe, Lisa Scheitza von der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation, Maike Freiberg und Katrin Bühring von  KaMa mittendrin mit dem Altstadtfest-Orga-Team der Stadt, Elisa Urbantke, Johanna Dorn, Christoph Conrad (von links).

Ralf Latz von der Lebenshilfe, Lisa Scheitza von der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation, Maike Freiberg und Katrin Bühring von  KaMa mittendrin mit dem Altstadtfest-Orga-Team der Stadt, Elisa Urbantke, Johanna Dorn, Christoph Conrad (von links).

Foto: Marko Völke

Darüber hinaus gibt es Lotsen beim Altstadtfest, die Hilfsbedürftigen dabei helfen, den Weg zu finden, sie zum Beispiel vom Hauptbahnhof zum Altstadtfest begleiten. Und auch Ruheräume gehören zu den besonderen Angeboten. Bereits bei der Vorstellung des Altstadtfest-Programmes machte die Stadt deutlich, dass sie ein „Zeichen setzen“ möchte: So wurde ein Film gezeigt, in dem Saarbrücker Kinder und Bürger, aber auch die Organisatoren und Oberbürgermeister Uwe Conrath auf Gebärdensprache setzen. Zudem begleiteten zwei Gebärden-Dolmetscherinnen die Pressekonferenz.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort