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Neulich - im Wirtshaus
Achtung, Jubbefaller!

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Sie kennen den typischen „Jubbefaller“. Es ist dies ein Mensch, dessen Naturell einem mit rapider Geschwindigkeit auf den Keks geht. Der ICE der Geschwätzigkeit. Man könnte ihn so nennen. Weil er sich in aller Regel über die Maßen bemerkbar macht mit Anliegen oder Episoden, die ihm wichtig sind. Er nervt. Er nervt entsetzlich. Er ist in der Lage, einem den Feierabend komplett zu vergällen. Mit Worten fällt er seinen Mitmenschen „uff de Jubbe“.

Es gibt aber auch Jubbefaller, die den Begriff all zu wörtlich nehmen. Die nämlich gleich zur Tat übergehen. Sie begnügen sich nicht mit einer angemessenen körperlichen Distanz. Und merken es nicht einmal. Solch ein Exemplar begegnet einem gelegentlich im Wirtshaus. Sobald der Jubbefaller die Tür hereinkommt verkrampft man. Es fühlt sich in etwa an, als stünde man im Saloon einem breitbeinigen, brutalen Western-Killer gegenüber, der genüsslich den Revolver zieht und sich auf das Erlegen seines Feindes vis à vis vorbereitet. Waidmannsheil. Man erstarrt und hofft, dass das Martyrium ein schnelles Ende finden möge.


Man kann aber nicht mehr fliehen. Man ist dieser Spezies Mensch mit Haut und Haaren ausgeliefert. Denn blöderweise sind die Stühle rechts und links am Büfett just heute Abend nicht besetzt, sodass er ungehindert näher kommt. Er freut sich, dass er mal wieder ein Opfer gefunden hat. Wie eine ausgehungerte Kreuzspinne nähert er sich sabbernd und mit schrägem Grinsen seinem Opfer, um es zu lähmen und dann zu verspeisen.

Derjenige, der mir seinen Monolog aufdrückt, geht nun, während er mich mit seinem Geschwätz zusuddelt, zum finalen Angriff über. Jeder seiner Sätze wird begleitet von einem kleinen Knuff. Hierzu fährt er den Ellenbogen aus und rammt ihn mir, wenn auch sachte,  in den Oberarm - zur Untermauerung seiner qualvollen Erzählungen. Es folgt das Zoppeln am Ärmel des Oberteils. Nicht ein einziges Mal, sondern permanent. Einmal in Rage geredet, hat sein Gesicht nun auch eine rötliche Färbung angenommen. Das erkenne ich deutlich, weil sein Gesicht nur noch wenige Millimeter von meinem entfernt ist. Bevor sich jedoch seine Augen in meine bohren, weiche ich zurück. Weil auch die Aussprache von trocken zu tröpfelnd übergeht.



Manchmal ist man einfach zu höflich. Man sitzt da und lässt alles über sich ergehen. Anstatt zu sagen: „Alda, gebb Dich. Es reicht. Mach moo doucement, so geht das alles nit.“ Oder: „Stopfen Sie mal Ihre hyperaktiven Hände in die Hosentaschen.“ Solche Sätze sollte man können. Für den Notfall.

(mh)