Abtreibung: „My Body, my choice“ und "Marsch für das Leben" demonstrieren in Saarbrücken

Demos von „My Body, my choice“ und „Marsch für das Leben“ : Abtreibung zwischen den Fronten

An diesem Samstag demonstriert in Saarbrücken die Frauenbewegung „My Body, my choice“. Auch Abtreibungsgegner ziehen durch die Stadt.

An diesem Samstag könnte es in Saarbrücken laut werden. „Das soll es auch“, sagt Rosa Schmitt, Pressesprecherin des Bündnisses „My body, my choice“ (Mein Körper, meine Entscheidung). Schon seit über 20 Jahren geht die Priesterbruderschaft St. Pius X auf die Straße, um gegen Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Im vergangenen Jahr hat sich wie in vielen anderen Städten auch in Saarbrücken eine Gegenbewegung gegründet. „My body, my choice“ besteht neben Einzelpersonen aus den Bündnispartnern Arbeitskreis Feminismus der Uni Saarland, ConnAct Saar, Grüne Jugend, Linksjugend, Antifa Saar/Projekt AK, FemUp! und Die Partei. Sie fordern das Recht auf körperliche Selbstbestimmung von Frauen.

Der so genannte „Marsch für das Leben“ sei mit oftmals bis zu 300 Teilnehmern die größte Demonstration im Saarland gegen die Rechte von Frauen, sagt Schmitt. „Sie greifen auch die Grundlagen des modernen Lebens wie grundsätzliche Gleichberechtigung, das Recht auf Scheidung, Homosexualität und Religionsfreiheit an. Dagegen müssen wir uns wehren.“

Die Bewegung „My body, my choice“ demonstriert für das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch. Foto: Sarah Tschanun

In Deutschland sind laut Strafgesetzbuch Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich verboten und nur in Ausnahmen erlaubt. Der umstrittene Paragraph 219a verbietet auch die freie Verbreitung von Informationen zum Thema. Schlagzeilen machte die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die regelmäßige Geldstrafen zahlen muss, weil sie auf ihrer Homepage darüber informiert und Abtreibungsgegner gegen sie klagen. Seit Anfang des Jahres erlaubt eine Änderung des Paragraphen eine öffentlich zugängliche Liste mit Ärzten, die den Eingriff durchführen. Diese sei jedoch „eine Farce“, erklärt Brigitte Schwarz, Geschäftsführerin der Schwangerschaftsberatungsstelle Pro Familia in Saarbrücken: „Kaum ein Arzt lässt sich auf diese Liste schreiben, da man negative Reaktionen befürchtet.“

Die Pro Familia ist die einzige Beratungsstelle der Region, die gleichzeitig auch den medizinischen Eingriff vornimmt. Auch das gemeinnützige Unternehmen hat mit Anfeindungen zu kämpfen: „Hier gab es schon den Fall, dass während unserer Arbeitszeit Abtreibungsgegner vor der Pro Familia demonstriert haben. In solchen Fällen rufen wir die Polizei, welche aber auch nur eine offizielle Anmeldung der Demonstration verlangen kann“, sagt Schwarz. Es gibt keine Möglichkeit, die Versammlungen zu verbieten. „Dabei sind die Frauen, die einen Abbruch der Schwangerschaft in Erwägung ziehen ohnehin in einer sehr belastenden Situation, und dann müssen sie noch durch ein solches Spalier laufen.“

Zu den Mahnwachen vor der Pro Familia wie auch zum Marsch am Samstag wollte sich auf Anfrage der SZ weder die Piusbruderschaft noch der Organisator äußern. Auf einem Flyer ruft dieser dazu auf, den Marsch um 16 Uhr zu starten – vor dem „Tötungshaus“, wie die Pro Familia hier betitelt wird.

„Deshalb gibt es in anderen Städten wie Frankfurt eine Schutzzone um die Beratungsstellen herum“, sagt Rosa Schmitt. Schutzzonen fordert auch die Landesvorsitzende der Pro Familia, Josephine Ortleb, die auch für die SPD im Bundestag sitzt: „Frauen haben das Recht auf die Anonymität ihrer Beratung.“ Dies soll nur ein erster Schritt sein. „Das Problem ist sehr weitreichend und hat auch damit zu tun, dass das Thema in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird.“ Dies führt auch dazu, dass das Thema im Medizinstudium ausgespart wird. Ärzte, die den medizinischen Eingriff lernen wollen, müssen dies aus eigenem Antrieb organisieren und seien durch die Konflikte mit Abtreibungsgegnern oft gehemmt. „Dass Gynäkologen in ihrer Facharztausbildung überhaupt nicht mit der Möglichkeit einer Abtreibung ohne Vorerkrankung der Schwangeren in Kontakt kommen, fördert die Hemmungen bezüglich dieses Themas“, bestätigt auch Schwarz. Verstärkt würde dies dadurch, dass viele Krankenhäuser kirchliche Träger haben. Nur noch vier medizinische Zentren der Pro Familia von vormals 13 haben deutschlandweit die Möglichkeit, den Abbruch durchzuführen – nicht zuletzt wegen akuten Mangels an Ärzten, die sich dazu bereit erklären.

Im Interview mit dem ARD-Magazin Kontraste führte Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, dies auf den Druck der Abtreibungsgegnern zurück: „Wir haben großes Verständnis für jeden Arzt, der unter den derzeit herrschenden Bedingungen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen möchte“. Er fordert die Politik auf, dafür zu sorgen, dass Ärzte ihren Beruf ausüben können, ohne den teils massiven Diffamierungen der selbsternannten „Lebensschützer“ ausgesetzt zu sein. Nach Berechnungen des Bundesamtes für Statistik sind Praxen, die einen Abbruch vornehmen, seit 2003 um 40 Prozent zurückgegangen. Frauen, die den Eingriff in Trier und Umgebung machen lassen wollen, müssen daher bis nach Saarbrücken zur Pro Familia fahren.

„Für mich sind diese Aufmärsche unerträglich und auch beängstigend, zumal es enge Verbindungen zu rechtsradikalen Strukturen geben soll“, sagt Ortleb. „Leider ist Frauenfeindlichkeit eine Art Verbindungsglied zwischen der rechtsradikalen Szene und radikalem Katholizismus“, meint auch Schmitt. So habe man die St. Ingberter AfD-Abgeordnete Jeannette Schweitzer als Rednerin des diesjährigen Marsches engagiert. In dieser „Szene“ soll sich sogar der Begriff „Babycaust“ etabliert haben, ein unzumutbarer Vergleich von Abtreibungen mit dem Holocaust.

Es sei „frustrierend“ zu sehen, dass in einigen Teilen der Gesellschaft noch immer ein sehr rückschrittliches Frauenbild herrsche, welches sie als „Gebärmaschine“ darstellt, deren „schwachen Geist man davor schützen“ müsse, sich offen über Abtreibung informieren zu dürfen. „Es ist vollkommen realitätsfern, einer Frau die Verantwortung und die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper verbieten zu wollen“, so Schmitt. Auch Ortleb hofft daher auf eine große Beteiligung an der Gegendemonstration von „My body, my choice“. Start der Demo ist 15.30 Uhr am Landwehrplatz in Saarbrücken.

www.profamilia.de

www.saarbruecken.de/rathaus/stadtpolitik/frauenbuero/

Kristina Hänel liest am Montag, 18. November, um 19.30 Uhr im Rathausfestsaal in Saarbrücken aus ihrem Buch „Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer ‚Abtreibungsärztin’“. Der Eintritt ist frei.

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