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1918 brach die Spanische Grippe auch in Saarbrücken aus

Kostenpflichtiger Inhalt: Spanische Grippe : Als ein Virus totgeschwiegen wurde

Aus den USA breitete sich die Spanische Grippe 1918 bis nach Saarbrücken aus. Die Seuche rückt in Corona-Zeiten wieder ins Gedächtnis.

Es ist auffällig, dass wir uns kaum erinnern. An die großen Pandemien der Menschheitsgeschichte. An die Spanische Grippe zum Beispiel, die gegen Ende des Ersten Weltkrieges ausbrach. Gut, unser Seuchen-Kollektivgedächtnis weiß – Undank an Corona – dass das Virus ab 1918 eine weltweite Massenerkrankung auslöste, die weltweit mehr als 50 Millionen Opfer forderte. In Deutschland tötete sie etwa 430 000 Menschen. Die Risikogruppen damals: Babys und Kleinkinder unter fünf Jahren; dazu ältere, damals ausgemergelte Menschen zwischen 70 und 74 Jahren – vor allem aber viele 20- bis 40-Jährige. Hauptsächlich Frauen. Der Erste Weltkrieg forderte etwa 17 Millionen Menschenleben.

Hans-Christian Herrmann kennt diese Zahlen. Der Leiter des Saarbrücker Stadtarchivs hat sich mit seinem Team in den vergangenen Wochen zwischen alten Standesamtbüchern, Krankenhauslisten, Todesanzeigen und Sterberegistern auf die Suche nach der Spanischen Grippe im Saarbrücken des Jahres 1918 gemacht. „Auch ich wusste bisher nicht viel über sie“, gesteht er. Medizinhistoriker, klar, die würden die Geschichte kennen. Ist er aber nicht. Nun weiß Herrmann, dass die Grippe ihren Ursprung im Mittleren Westen der USA hatte; und nicht – wie der Name unterstellt – in Spanien. Der Name hat einen anderen Hintergrund: Am 22. Mai 1918 meldete die Madrider Zeitung El Sol als erstes Blatt in Europa, dass massenhaft Menschen an einer rätselhaften Krankheit leiden würden. Starke Grippesymptome, bis hin zur Lungenentzündung, oft tödlich, selbst der spanische König Alfons XIII. sei erkrankt. Die Meldung lief aber nur in Spanien. So kam die Grippe zu ihrem Namen. Warum hauptsächlich Spaniens Zeitungen berichteten? Das Land war nicht am Ersten Weltkrieg beteiligt. Und so herrschte auf der iberischen Halbinsel keine Pressezensur.

In Deutschland zum Beispiel hingegen schon. Dort waren solch schlechte Gesundheits-Nachrichten in Kriegszeiten zensiert. Diese Meldungen „würden die Kampfmoral an der Front zermürben. Und natürlich auch die an der ‚Heimatfront’“, vermutet Herrmann eine Motivation für „das Vertuschen und Verschweigen der Grippe“. Dazu komme, dass damals ein Menschenleben nicht so viel wert war. In einer Zeit, in der im Ersten Weltkrieg für einen Kilometer Landgewinn auch mal 500 000 Menschen gefallen sind.

Die Zensur der Grippemeldungen habe damals die Ausbreitung der „Spanischen Grippe ganz klar befördert. In der Saarbrücker Zeitung haben wir bei einer Durchsicht im Jahr 1918 keine Nachricht zu ihr finden können“, sagt er. „Auch Social Distancing ist in unseren Quellen nicht nachweisbar. Was nicht heißt, dass es das nicht gegeben hat“, sagt Herrmann, der vermutet, dass Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiteten, sich schützen wollten. Vielleicht sogar mit Schutzmasken. „Es gibt Bilder aus dieser Zeit mit Masken“, weiß Herrmann, „jedoch sind mir keine aus dem Saarland bekannt“.

In drei Wellen schwappte die Grippe um die Welt. Die erste strandete aus den USA kommend im März 1918 in Europa. „Hautsächlich an die Westfront“, wie Herrmann erklärt. Zwar schleppten ein paar Heimaturlauber das Virus von dort nach Deutschland, „in Saarbrücken können wir zu Beginn des Jahres 1918 aber keine auffälligen Zahlen finden“. Die zweite Welle im November 1918 trifft Saarbrücken hingegen „hart“, sagt Herrmann. Dabei sei es sehr schwierig, valide Todeszahlen zu finden. Oft sei unklar, ob jemand an – oder mit der Spanischen Grippe gestorben sei. Dazu fehlen Totenscheine öfter mal, oder sie sind nicht korrekt ausgefüllt. Die Menschen sind meist auch nicht „obduziert worden“, wie Herrmann berichtet. Meist sei einfach nur Grippe als Todesursache vermerkt – „oder Lungenentzündung“. Also ähnlich wie heute bei den Corona-Toten. Die dritte Welle (1919/20) spielt in Saarbrücken keine Rolle.

Hauptquelle für halbwegs verlässliche Opferzahlen sind laut Herrmann die Standesamtsregister von damals. Sie enthalten Daten, wie viele Menschen im Jahr gestorben sind. Unabhängig von der Todesursache. Demnach haben wir „1918 in Saarbrücken 2611 dokumentierten Sterbefälle, darunter natürlich auch Gefallene aus dem Krieg“; 1917 sind 1922 registriert, 1919 sind es 1763, „während in den Jahren vor dem Krieg die Sterbefallzahlzahlen im Bereich von 1500 lagen“, berichtet Herrmann. Anhand dieser Zahlen geht er davon aus, „dass 1918 höchstwahrscheinlich über 550 Menschen an der Spanischen Grippe verstorben sind. Allein in Saarbrücken.“ Nur im November registrieren die damals drei Saarbrücker Standesämter „239 Sterbefälle. Im November 1911 waren es zum Beispiel nur 91“, erklärt der Stadtarchivar, der schlussfolgert: „Die Spanische Grippe hat in Saarbrücken zu einer massiven Steigerung der Todesfälle geführt.“ Saarbrücken hatte damals etwa 100 000 Einwohner. Zum Vergleich: Corona hat bisher im Regionalverband (330 000 Einwohner) 108 Opfer gefordert (Stand: Donnerstag).

Während an Covid-19 vor allem ältere Menschen sterben, verloren 1918 vor allem jüngere Menschen ihr Leben. Warum? Dazu hat Herrmann zwei Hypothesen. Die erste: In den 1880er Jahren gab es – auch im Saartal – mehrere heftige Grippewellen. Demnach hätten 1918 viele ältere Menschen eine „gewisse Immunität gegen Grippeviren gehabt“. Zweite Theorie: Das noch starke Immunsystem der Jüngeren habe überreagiert und die Menschen so getötet. Im Unterschied zu heute starben die Menschen damals weniger im Krankenhaus. Die Gründe hierfür: Viele sind gar nicht erst in eine Klinik gekommen, da der Tod oft zu schnell kam. Dazu kam die Annahme, dass man zu Hause am würdigsten stirbt. In Krankenhäusern lagen vor allem Alleinstehende und Menschen, die in schwierigen Verhältnissen gelebt haben. „Das Sterben und die Medizin von damals lassen sich nicht mit heute vergleichen“, fasst Herrmann zusammen.

Warum wir uns nur so schwerlich an diese Pandemie erinnern? Da kämen aus deutscher Perspektive viele Aspekte zusammen, erklärt der Historiker: Grundsätzlich sei „die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges überlagert“. Dazu komme, dass das Jahr 1918 in Deutschland durch Not und Elend geprägt war. Das Sterben, das Vegetieren, die Erfahrung eines durch Maschinen geprägten Giftgas-Krieges, die schlimmen Fronterfahrungen. Kälte, Hunger, der Zusammenbruch des Kaiserreiches, die Novemberrevolution 1918 – „gerade aus Perspektive der deutschen Geschichte ist diese Zeit eine voller Umbrüche und Zäsuren“, da falle die Erinnerung an eine Pandemie hinten runter. Weiterhin, erklärt Herrmann: „Wenn wir unser eigenes Leben reflektieren, denken wir auch nicht zuerst an unsere Krankheiten zurück.“ Außerdem: Pandemien seien oft Phasen der Hilflosigkeit. „Pandemiegeschichten sind auch keine Heldengeschichten, die man sich weitererzählt“, sagt Herrmann. Vielleicht vergessen wir sie auch deshalb, weil der Mensch auf Seuchen keinen Einfluss hat, für sie ist er nicht verantwortlich.

Fest steht: Unser Kollektivgedächtnis hat im Vergleich zu den Kriegen bei Pandemien große weiße Flecken. Pest, Typhus, Cholera, Ruhr, die Hong-Kong-Grippe Ende der 1960er sind nahezu getilgt aus dem Gedächtnis. „Oder die Pocken im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71“, erinnert Herrmann an eine weitere fast vergessene Seuche.

Gruppenbild in einem Saarbrücker Reserve-Lazarett von 1918. Der Erste Weltkrieg trug das Virus wohl nach Deutschland. Foto: picture alliance / arkivi/dpa Picture-Alliance /
Der Leiter des Saarbrücker Stadtarchivs, Hans-Christian Herrmann Foto: Stadtarchiv Saarbrücken/Herrmann

An diesen Krieg erinnern sich die Saarländer jetzt wieder, da sich die Schlacht auf den Spicherer Höhen (6. August 1870) jährt. Daran, dass zeitgleich eine Seuche in Deutschland rund 180 000 Menschen tötete, also etwa vier Mal so viel wie der halbjährige Krieg gegen die Franzosen, erinnert sich kaum jemand. Auch nicht daran, dass die Seuchen im 19. Jahrhundert weitaus mehr Todesfälle gefordert haben, als alle Kriege in diesem Jahrhundert zusammen. Die Sterblichkeit damals lag selbst in Friedenszeiten deutlich höher als im 20. Jahrhundert während der beiden Weltkriege. Auch „das ist in der Erinnerung der meisten zurückgedrängt, wenig bewusst“, sagt Herrmann. Bleibt fast zu hoffen, dass wir uns an Corona in Zukunft besser erinnern. Um besser auf kommende Pandemien vorbereitet zu sein. Denn „die Geißel der Menschheit“ bekommen wir nicht los. Auch das zeigt die Geschichte.