Saarbrücken: SALUT-Kongress beleuchtet neue Altersmedizin

Kongress für bessere Gesundheit : Wie die Medizin zu den Menschen kommt

Die Versorgung alter Menschen lässt sich besser denken. Es gibt neue Kümmerer, das zeigte der Gesundheitskongress „Salut“ in Saarbrücken.

Wie hat es Badminton-Star Marc Zwiebler vom Sportinvaliden zum dreimaligen Olympioniken geschafft? Riesiger Andrang beim Symposion „Aus Niederlagen lernen“ im großen Saal der Saarbrücker Congresshalle, Veranstaltungsort für den fünften „Salut“-Gesundheitskongress (die SZ berichtete). Das Systemheilungs-Zauberwort heißt offensichtlich Prävention, kaum ein Referent ließ es aus. Doch in der „Schmuddelecke“ spielt es keine Rolle. Weil es, egal, wie gesund die Menschen leben, immer welche geben wird, die 24-Stunden-Pflege benötigen. Sieben Experten leuchteten am Donnerstagabend in diese Ecke des Systems. Es geschah dies, wie Moderator Peter Böhnel meinte, deutschlandweit erstmals im Rahmen eines Fachkongresses. Nur ein sehr kleiner Kreis interessierte sich für das arbeits- und gewerberechtliche Niemandsland, ein „Dschungel“, so die wiederkehrende Formulierung in der Runde. Hoffnung auf eine Systemverbesserung? Nicht wirklich.

300 000 Familien in Deutschland sind auf eine 24-Stunden-Hilfe angewiesen, 600 000 meist aus dem Ausland eingereiste Menschen verdienen ihr Geld damit, 90 Prozent davon schwarz. Und dies nicht, weil das für alle bequem und billig wäre, sondern weil in Deutschland keinerlei Chance besteht, für einen Angehörigen gesetzeskonform eine bezahlbare Rund-um-die-Uhr-Pflege zu organisieren. Obwohl diese alternativlos ist, wie Frederic Seebohm darlegte, Geschäftsführer des Verbandes für häusliche Betreuung und Pflege e.V. Für die derzeit zuhause Betreuten könnte man zwar schnell Heime bauen, doch Personal dafür gebe es nicht. Deshalb plädiert Seebohm für die Anerkennung der 24-Stunden-Pflege im Pflegeversicherungsgesetz, auch für geminderte Qualitäts-Standards, die der Dringlichkeit der Situation Rechnung tragen. Nicht jede 24-Stunden-Hilfe müsse zuerst einen einjährigen Deutschkurs absolvieren, um einsetzbar zu sein, auch genüge es, wenn die Kräfte das beherrschten, was auch Angehörige tun. Seebohm spricht von „Sozialwaisen“ ohne familiäre Unterstützung, für die die Gesellschaft, wie einst für Nachkriegs-Waisen in SOS-Kinderdörfern, sorgen müsse. Dafür gehörten neue Formate geschaffen, so Seebohm, etwa die häusliche Gemeinschaft, die beides umfasst, Arbeit und Privatleben.

Österreich macht es anders, hat das Fördermodell einer legalen 24-Stunden-Betreuung aufgelegt, dafür ein Hausbetreuungsgesetz und ein neues Gewerbe der Personenbetreuung geschaffen. Zwei Referentinnen stellten es vor. Doch die Übertragung auf deutsche Verhältnisse scheint ob gänzlich unterschiedlicher Versicherungssysteme nicht realistisch. Also weiter so in Deutschland? Statt Resignation war in Saarbrücken Kampfeslust zu spüren: „Ich erwarte, dass die Politik rechtlich saubere Rahmenbedingungen schafft“, rief eine Zuhörerin in den Raum. Seebohm pflichtete bei: „Wenn wir diese Dienstleistung wollen, müssen wir das Arbeitsrecht ändern. Das Recht muss sich der Lebensrealität anpassen, nicht umgekehrt.“ Die Politik des Wegsehens müsse beendet werden, sagte auch Jürgen Bender, der Pflegebeauftragte des Saarlandes: „Man macht sich auch die Hände dreckig, wenn man weiterhin nichts tut.“ Ohne Zweifel ging von diesem kleinen Workshop der vermutlich schärfste Alarmruf Richtung Politik aus.

Dass sich Dinge zum Besseren verändern lassen und wie viel Fortschritts-Dynamik möglich ist, rückte ein anderer Workshop zur Gesundheitsversorgung auf kommunaler Ebene ins Bewusstsein. „Wir werden als Player noch nicht so richtig wahrgenommen“, sagte der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald (CDU) vor Beginn der Veranstaltung. Dabei zeigten gelungene Beispiele aus der Praxis, wie viel Gestaltungskraft Kommunen und Landkreise haben. Garmisch-Patenkirchen, das mit einem Seniorenanteil von 28 Prozent „heute bereits so alt ist wie die Bundesrepublik in 20 Jahren sein wird“ (Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer) hat zwar genug Ärzte, aber zu wenig Pflegepersonal. Also sorgt man dort durch die Ansiedlung eines Ausbildungszentrums für digitale Alterspflege für den Zuzug Jüngerer und hofft auf den „Klebeeffekt“.

Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium und der Rhein-Lahn-Kreis haben ein „Zahnmobil“ auf den Weg gebracht, eine Zahnarztpraxis im Container, die zur Versorgung von älteren Patienten direkt per LKW zum Seniorenheim gebracht wird.

Ullrich Eidenmüller (EICONS Consult) wiederum ging den Hausärzte-Mangel an, hebelte in der Nähe von Karlsruhe mit einem genossenschaftlich finanzierten Ärzte-Service-Haus die „festgebackenen Strukturen“ der Kassenärztlichen Vereinigung aus. Seine Botschaft wie die des Reutlinger Landrates Thomas Reumann, der ein integratives Gesundheitszentrum (PORT) initiierte: Man dürfe das Denken nicht nur an den Ärzten ausrichten, sondern müsse die starren Säulen aus Pflege, Reha, stationärer und sozialer Versorgung aufbrechen. Das könne nur jemand, der „keine Karten im (Milliarden-)Spiel hat“, in dem sich die Player Arbeitskräfte und Budgets streitig machten, hieß es – die öffentliche Hand.

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