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Saarbrücken: Party-Kult-Event Sektor Heimat abgesagt. Was passiert jetzt?

Kostenpflichtiger Inhalt: Sektor Heimat Saarbrücken : Finanzprobleme für „Sektor Heimat“

Moral contra Knete: Das Partyvolk muss am Freitag und Samstag auf ein Kult-Event am Saarbrücker Osthafen verzichten.

Die Veranstalter hätten es sich einfach machen können: Einlass-Stopp bei 999. Denn erst ab 1000 Besuchern gilt das Veranstaltungsverbot der Behörden. Und ist nicht jeder selbst für sich verantwortlich? Dann hätte man die Saison-Opening-Party  von „Sektor Heimat“ durchziehen können. Es ist dies die vermutlich angesagteste Location des Saarlandes am Saarbrücker Osthafen,  Club und Kreativzentrum in einem, ein angesagter Treff der Sub- und Jugendszene.

Wenn Sektor Heimat zu Tanz-Events ruft, die immer mehr als das sind, kommen bis zu 3000 Menschen an zwei Tagen. Aber mit 1998 zahlenden Leuten wäre die für heute und morgen angesetzte Party immer noch cool gewesen und die finanziellen Einbußen verkraftbar. Doch Janis Mudrich und seine acht Vereins-Kollegen von „Sektor Heimat e.V.“ entschieden sich gegen dieses Szenario, gaben die Absage über ihre Facebook-Seite bekannt. Dies, obwohl es laut Mudrich von Seiten der Stadt keinerlei Empfehlungen gab, das Event zu canceln.

Warum dann doch? Techno-Partys, das bedeute „viel Schweiß, viel Körperkontakt“, heißt es auf der  Sektor-Heimat-Facebook-Seite.  „Dass sich hier das Virus schnell verbreiten könnte, steht außer Frage. Dieses Risiko werden wir definitiv nicht eingehen! Kein Mensch sollte wegen einem Rave gesundheitliche Schäden (…) davontragen.“ Klingt verantwortungsvoll und ethisch naheliegend, bringt aber nicht nur für Sektor Heimat, sondern für alle Veranstalter, die sich vorsorglich und nicht auf behördliche Anordnung hin für den harten Schnitt entscheiden, ein finanzielles Risiko, wenn nicht einen Schaden mit sich. Denn die Rechtslage, wer welche Kosten trägt, ist nicht eindeutig und muss jeweils individuell nach Vertragslage geklärt werden.

Bei Sektor Heimat, ungewöhnlicherweise als Verein organisiert, sieht das Ganze so aus: Zehn Wochen ehrenamtliches Streichen, Schleifen, Werkeln für die Herrichtung der Industriehallen am Saarbrücker Osthafen sind vorerst umsonst, 30 000 Euro Material-Kosten scheinen in den Sand gesetzt. Denn auch das nächste Event an Ostern steht auf der Kippe, abgesagt ist es noch nicht. Zusätzlich sind bereits jetzt 15 000 Euro Vorkasse für Agenturprovisionen, An- und Abreise-Pakete und Gagen für die zwei Headliner-DJs verloren, die heute und morgen auftreten sollten. Zumindest solange, bis eine rechtliche Klärung über das Kleingedruckte herbeigeführt ist.

Die Vereinsmitglieder stehen nun privat in der Kreide, sagt Mudrich. Außer ihm hätten noch zwei weitere Vereinsmitglieder rund 10 000 Euro vorgeschossen, in Erwartung der Abendkasse-Einnahmen, denn bei „Sektor Heimat“ läuft kein Ticket-Vorverkauf. Die Kasse ist bis zur Öffnung der Club-Türen demnach leer. Immerhin: Der Umtausch- und Rückerstattungs-Stress, der momentan viele Kulturveranstalter beschäftigt,  bleibt dem Saarbrücker Vereins-Team erspart. Der private Schaden bleibt, womöglich dauerhaft, sollte an Ostern immer noch eine ähnlich große Corona-Gefahr herrschen. „Wir sind sehr traurig und haben Angst, dadurch unser Baby zu verlieren“, schreiben Mudrich und Freunde auf ihrer  Facebook-Seite. Man kennt sie als Gastronomen und Anstoß-Geber für die „hippe“ urbane Szene (Osthafenfest, Römerkastell); mit Mudrich beispielsweise verbinden sich angesagte gastronomische Betriebe wie das Café am Silo oder das Café Thonet. In die Privat-Insolvenz rutsche keiner, meint Mudrich denn auch, aber alle im siebenköpfigen Verein müssten jetzt privat den Gürtel enger schnallen.

Sollte da nicht die Stadt Saarbrücken oder eine andere öffentliche Stelle finanzielle unterstützen? Überraschenderweise hört man den Ruf nach staatlicher Hilfe von Mudrich nicht, obwohl der Deutsche Kulturrat bereits einen Hilfsfonds für kleinere Kulturinstitutionen und freiberufliche Kultur-Leute gefordert hat oder in München der Verband der Kulturveranstalter nach verbindlichen städtischen Richtlinien ruft.

Mudrich und sein Vereinsteam bewegen andere Dinge:  „Wir wollten morgens noch in den Spiegel schauen können.“ Sektor Heimat sei nun mal kein typisches Kommerz-Unternehmen, sondern sehe sich in der Verantwortung für die Stadt und die Community. „Und plötzlich soll Kohle alles sein?“ Nein. 20 kluge Leute aus dem Umfeld habe man im Vorfeld der Entscheidung mit der moralischen Grundsatz-Frage konfrontiert: Absagen, ja oder nein? Zehn hätten ja gesagt, zehn nein, berichtet Mudrich. Verantwortung  oder Vergnügen in Corona-Zeiten – eine Gretchenfrage.