Saarbrücken: Auftakt in Strafprozess gegen Obdachlosen am Landgericht

Kostenpflichtiger Inhalt: Auftakt in Strafprozess am Landgericht : Obdachloser lag schwer verletzt mitten auf der Straße - Bekannter soll ihn dort hingelegt haben

Im April fanden Autofahrer einen schwer verletzten Obdachlosen auf einer Ausfahrt unter der Westspangenbrücke in Saarbrücken. Jetzt wird einem anderen Obdachlosen deshalb der Prozess gemacht.

Nach dem mysteriösen Fund eines schwer verletzten Obdachlosen auf einer Fahrbahn unter der Westspange in Saarbrücken muss sich ein 36 Jahre alter Bekannter des Mannes vor dem Landgericht verantworten. Dem Angeklagten wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Er soll nach dem Ergebnis der Ermittlungen am 7. April 2019 gegen 20 Uhr in der Nähe seines Schlafplatzes unter der Brücke Streit mit dem vier Jahre älteren, anderen Obdachlosen bekommen haben. Dabei soll er ihn zuerst bewusstlos geschlagen und dann über den Boden zur nahe gelegenen Straße – eine der Abfahrten der Westspangenbrücke – geschleift haben. Dort habe er den Verletzten in einer unübersichtlichen, kaum beleuchteten Kurve mitten auf der Fahrbahn abgelegt. Damit – so die Staatsanwaltschaft – habe der Angeklagte zumindest billigend in Kauf genommen, dass sein Bekannter durch ein Auto überfahren und getötet werden könnte.

So weit kam es aber zum Glück nicht. Am Steuer des ersten Wagens, der vorbeikam, saß eine Frau. Sie fuhr mit geringer Geschwindigkeit, hatte die Straße im Blick und konnte rechtzeitig anhalten. Ihr Freund stieg aus. „Ich sah vor uns eine Person im Dunkeln auf der Straße liegen“, erzählte der Beifahrer als Zeuge vor Gericht. Dann habe er gesehen, dass es ein am Kopf verletzter Mann ist, der aus Nase und Mund blutete. Er sei nicht ansprechbar gewesen, habe verkrampft auf der Fahrbahn gelegen. Andere Autos seien gekommen. Also habe er den Verletzten zur Seite in Richtung Gehweg gezogen und in eine stabile Seitenlage gebracht. Weitere Autofahrer hätten geholfen und die Polizei alarmiert. Der Verletzte kam ins Krankenhaus. Er hatte einen Nasenbeinfraktur, Knochenbrüche im Gesicht und Rippenbrüche. Er hatte nur noch einen Schuh an und eine große Schürfwunde auf dem Rücken. Vor Gericht konnte sich der alkoholabhängige und unter Epilepsie leidende Mann nicht mehr genau an den Abend erinnern. Was ihm unter der Westspange passiert war, das wusste er nicht. Dazu sagte auch der wohl ebenfalls alkoholabhängige Angeklagte am ersten Prozesstag nichts.

(Symbolfoto). Foto: dpa/David-Wolfgang Ebener

Spuren im Kiesbett neben der Fahrbahn hatten die Polizei nach dem Fund des Verletzten zu dem Angeklagten geführt. Nach Aussage mehrerer Zeugen handelte es sich um eine Art Schleifspur. Mehrere Beamte folgten ihr unter dem Einsatz ihrer Taschenlampen. Sie fanden den fehlenden Schuh des Opfers und Blutspuren auf dem Boden. In einer dunklen Ecke unter der Brücke entdeckten sie zudem den 36-Jährigen in seinem Schlafplatz. Davor standen die Schuhe des Obdachlosen. An ihren waren Blutspuren. Außerdem war der Mann an der Hand verletzt. Er wurde festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Bislang schweigt er zu den Vorwürfen der Anklage. Der Prozess wird fortgesetzt.

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