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Wie Saar-Jugendliche ihre Chancen auf den Traumberuf verbessern

Saar-Jugendliche lernen Berufe kennen : Wie sich junge Saarländer Berufe erobern

19 junge Leute nutzten ihre Ferien, um im Alwis Sommercamp Erfahrungen zu sammeln, welche Anforderungen die Berufswelt stellt.

Sie lernen erstaunlich schnell ein Team zu sein. Und innerhalb von Sekunden sind sie plötzlich alle gefordert. Die Situation ist dramatisch. Boris liegt am Boden. Er atmet nicht mehr. In Windeseile lernen die 19 Teilnehmer des Alwis Sommercamps, darunter nur zwei Jungs, was es heißt Verantwortung zu übernehmen. Lennart Alexander Wagner (26) aus Dirmingen, Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger am Universitätsklinikum Homburg, fordert ihr volles Engagement ein. ,,Macht was“, ruft er und fügt fast beschwörend hinzu: ,,Man kann nichts falsch machen. Es ist nur falsch nichts zu machen.“

Glücklicherweise ist Boris nur eine Puppe. Doch die jungen Leute sollen lernen, wie man schnell Hilfe leisten und einen Verletzten reanimieren kann. Das gehöre auch zum täglichen Brot, wenn man einen Gesundheits- oder Pflegeberuf ergreifen will. Die 16-jährige Klara Naumann aus St. Wendel beugt sich über Boris und beginnt mit der Herzmassage. ,,Eins, zwei, drei, vier, fünf, immer weiter im gleichen Rhythmus“, leitet Lennart sie an. Klara gibt alles, drückt und drückt und drückt. Das über längere Zeit durchzuhalten ist enorm anstrengend, muss Klara feststellen, doch sie hält durch. ,,Wir lassen keinen sterben“, sagt Lennart. ,,In einer realen Notsituation hört ihr bitte nicht auf, bis der Notarzt eingetroffen ist“, appelliert er. Jeder könne Leben retten.

Für viele in der Gruppe ist eine solche Situation eine völlig neue Erfahrung. Vier Tage lang haben die künftigen Berufseinsteiger im Rahmen des Camps volles Programm von 8 bis 21 Uhr. Wer so etwas auf sich nimmt, der will es wissen und erkunden, welcher Beruf später passen könnte, wie die Wirtschaft überhaupt funktioniert. Die jüngsten Teilnehmer sind 15 Jahre alt.

Im Alwis Sommercamp, einer gemeinsamen Initiative des Landes und der Saarwirtschaft, geben Experten aus erster Hand zahlreiche Tipps, etwa, wie man in einem Vorstellungsgespräch besser überzeugt. Oder, wie Teamarbeit in der Praxis funktioniert. Von einem Profiler lernen sie, wann Menschen lügen und welche Signale die Körperhaltung ausstrahlt. Die Tipps der Experten und Unternehmensbesuche sollen ihre Chancen im Berufsleben gegenüber Mitbewerbern deutlich verbessern. Lennart Alexander Wagner und seine Kollegin Julia Seffrin (22) aus Homburg-Bechhofen wären froh, wenn sie neue Kolleginnen und Kollegen bekämen. Einige in der Gruppe wollen darüber nachdenken, denn auch die Chancen auf eine langfristig gesicherte berufliche Perspektive sind hervorragend. Aisha Al Iman (16) aus Beckingen hat sich schon festgelegt, in einem Gesundheitsberuf arbeiten zu wollen. „Jeder hat die Chance, in solchen Berufen unterzukommen, auch bei uns“, sagt Ulrich Werth, Leiter des Schulzentrums an der Uni-Klinik Homburg, einem der größten Arbeitgeber im Saarland. Das Klinikum umfasst 30 Krankenhäuser, 20 Institute und beschäftigt 4800 Mitarbeiter, alleine 600 Ärzten und 2000 Pflegekräften. ,,Wir bilden die Experten von morgen aus, über 700 junge Leute jährlich“, sagt Werth. Die ausgebildete Krankenschwester Thea Müller (50) aus Zweibrücken zeigt der Gruppe, wie wichtig es ist, den Blutdruck und den Puls richtig zu messen. ,,Das muss in Fleisch und Blut übergehen, das ist wie Zähne putzen. Ich lasse mir das von den Auszubildenden immer wieder zeigen.“ Fehlerhaftes Verhalten gefährde Patienten. Deshalb demonstriert der Auszubildende Alessandro Lehr auch, wie richtiges Händewaschen und die perfekte Desinfektion funktionieren.

Julia Ernter (18) aus Neunkirchen-Hangard staunt, als der Besuch der Dillinger Hütte ansteht. ,,Wir suchen händeringend Informatiker“, sagt Stefan Krutten, Referent für Aus- und Weiterbildung am Standort. Das könnte gut zu den Vorstellungen von Julia passen. Sie will ,,irgendwas mit Informatik machen: Cybersicherheit oder auch Künstliche Intelligenz“. Die Hütte verarbeite im Zeitalter der Digitalisierung so viele Daten wie nie zuvor. Zudem müsse man sich gegen Cyber-Angriffe rüsten. Besonderes Engagement, auch im Verein oder einer sozialen Einrichtung,  sei immer vorteilhaft, wenn es um eine Stelle geht, ist bei den Besuchen beim Globus Baumarkt Saarlouis  sowie einem dm Markt zu hören.

Erstaunliches hört man von der  Referentin für Studienorientierung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), Annette Sick. Begehrteste Studiengänge seien Architektur und Sozialwissenschaften. ,,Viele junge Menschen wollen sich in die Themen Inklusion und Integration einbringen.“ An der Saar-Uni ermitteln Camp-Teilnehmer im Schülerlabor ,,Ener Tec“ den optimalen Einstellwinkel für eine Solarzelle oder bauen eine kleine Windkraftanlage. Andere experimentieren unter Anleitung von Dr. Angela Munnia Scholl im Labor „Nano Bio Lab“ zum Thema ,,Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe“. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger ermuntert bei der Abschlussveranstaltung alle dazu, sich immer neue Herausforderungen zu suchen. „Wir können alle in dieser Wirtschaftswelt einen Platz finden, an dem wir uns verwirklichen und gleichzeitig zufrieden sind.“ Auch die Ministerin hat sich jahrelang erst einmal selbst ausprobiert: ob als Praktikantin in einer Apotheke, oder während des Studiums in der Qualitätskontrolle von Ford. ,,Acht Stunden Außenspiegel auf Kratzer zu untersuchen, das war nicht mein Ding“, sagt sie.  Man müsse auch herausfinden, was nicht zu einem passt.

Hier lernen Teilnehmerinnen, wie man den optimalen Einfallwinkel für eine Solaranlage ermittelt. Foto: Thomas Sponticcia

Dann sagt sie zu den Jugendlichen: „Traut euch was zu, auch wenn ihr mal vor Publikum reden müsst. Davor braucht niemand Angst zu haben. Ich habe das auch lernen müssen und mache das heute jeden Tag. Hauptsache, der Inhalt stimmt.“