Produktion aus China Vor diesen zwei Online-Versandriesen warnen Handelsexperten

Saarbrücken · Handelsexperten aus dem Saarland blicken mit Skepsis auf die zwei chinesischen Online-Versandhändler Temu und Shein. Qualität und Sicherheit sei bei deren Billig-Produkten nicht gegeben. Aber das ist noch nicht alles, was die Experten kritisieren.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat Temu bereits abgemahnt. Unter anderem, weil zu rabattierten Preisen keine Referenzpreise angegeben werden.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat Temu bereits abgemahnt. Unter anderem, weil zu rabattierten Preisen keine Referenzpreise angegeben werden.

Foto: dpa/Hannes P Albert

Während Temu als Online-Plattform für chinesische Hersteller und Händler neben Kleidung allen möglichen Krimskrams zu Schleuderpreisen verhökert, ist das Online-Modegeschäft Shein auf Textilien spezialisiert. Ein Damen-Sweatshirt „mit Thermalfutter und Buchstaben“ ist dort für 7,96 Euro zu haben, ein Sommerkleid „mit Knoten und Schlitz bis zum Oberschenkel“ kann für 11,24 Euro bestellt werden. Unzählige Pakete erreichen täglich die deutschen Kunden. Der Handelsverband Deutschland (HDE) schätzt, dass es mehr als 100 Millionen pro Jahr sind.

Saar-Professor erklärt, warum Ware so billig angeboten werden kann

Für den deutschen Handel – ob stationär oder online – sind diese neuen Konkurrenten aus dem Reich der Mitte brandgefährlich. Außerdem könnte es noch schlimmer kommen. Seit zwei Wochen lässt Temu auch US-Händler auf seine Plattform, „kurz danach können auch europäische Anbieter ihre Waren über den Marktplatz in Deutschland vertreiben“, so das Handelsblatt.

Professor Bastian Popp, Hochschullehrer und Leiter des Instituts für Handel & Internationales Marketing (Hima) an der Universität des Saarlandes, erläutert, warum die Temu und Shein ihre Waren so billig anbieten können. „Beide Firmen liefern direkt aus China und verzichten auf Zwischenhändler, Logistikzentren und Warenhäuser“, sagt er. „In China wiederum ist man sehr effizient aufgestellt und angeschlossene Händler und Hersteller sind in der Lage sehr schnell und preisgünstig zu liefern.“ Die Bestellungen würden per Luftfracht geliefert. Dadurch würden die vergleichsweise günstigen Konditionen des Weltpostvertrags greifen. „Da für die meisten Produkte der Warenwert unter 150 Euro liegt, fallen zudem keine Zollgebühren an“, erinnert Popp.

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Verbraucherzentrale Saarland warnt vor schlechter Qualität

Die Verbraucherzentrale (VZ) Saarland steht den Angeboten der Plattformen kritisch gegenüber. „Wenn Kopfhörer für drei Euro, eine Smartwatch für gerade mal 16 Euro und Wanderschuhe für elf Euro angeboten werden, so sollte man hellhörig werden“, sagt Berater Elif Tanto, Experte für Verbraucherrecht. „Diese Preise können nur zu Lasten der Produktqualität und -sicherheit gehen.“ Er warnt die Käufer davor, in Vorkasse zu treten. Sollte schlechte Qualität geliefert werden, habe man immer noch die Möglichkeit, die Zahlung zu verweigern. Außerdem solle sich der Kunde durch Hinweise wie „fast ausverkauft“ oder „nur noch geringe Menge auf Lager“ nicht zum vorschnellen Kauf verleiten lassen. Zollgebühren würden zwar wegfallen, dennoch könnten Einfuhrumsatzsteuern und Verbrauchssteuern anfallen, da diese schon ab einem Warenwert von 5,26 Euro fällig werden.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat Temu inzwischen abgemahnt. Unter anderem deswegen, weil die Plattform Rabatte von bis zu 70 Prozent ausweise, Informationen zu dem ursprünglichen Referenzpreis aber verschweige. Außerdem informiere der Online-Marktplatz „unzureichend darüber, wie die Echtheit von Produktbewertungen gewährleistet wird“.

Billig-Händler aus China gefährden Arbeitsplätze im Saarland

Für Andreas Müller, Präsident des Bundesverbandes Onlinehandel (BVOH) und Inhaber des Elektroprodukte-Versenders Deltatecc (Saarlouis), basiert das Geschäftsmodell von Temu und Co. schlicht darauf, „dass Gesetze nicht eingehalten werden und diese damit eine deutlich niedrigere Kostenstruktur haben als hiesige Händler, die sich an alle Standards halten“. Die in Deutschland tätigen Online-Händler müssten beispielsweise Mehrwertsteuer abführen, Zollgebühren, Verpackungs- und Elektroschrott-Abgaben zahlen und auf die vorgeschriebenen Zertifizierungen der Produkte achten. „Hinzu kommen Kosten für die Anpassung an den lokalen Markt wie zum Beispiel Bedienungsanleitungen in Deutsch, die viele Produkte bei dem Direktversand aus Asien nicht haben.“ Bei einigen Online-Händler sei ein Rückgang bei Umsatz und Ertrag bereits spürbar. Arbeitsplätze seien in Gefahr. Er erinnert daran, dass die zehn größten Mitgliedsunternehmen des BVOH mehr als 1000 Mitarbeiter im Saarland beschäftigen.

Auch der HDE ist alarmiert. Er ruft Politik und Behörden dazu auf, einen fairen Wettbewerb sicherzustellen. „Wer hierzulande Waren anbietet und verkauft, muss sich auch an unsere Regeln und Gesetze halten. Die heimischen Handelsunternehmen investieren viel Geld in die Einhaltung von Umwelt- sowie Verbraucherschutzauflagen“, sagt der stellvertretende HDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp und Michael Genth, Vizepräsident des Handelsverbands Saarland, schließt sich dieser Auffassung an.

Die Bundesregierung will auf eine verschärfte Marktüberwachung und eine Reform der Zollverfahren drängen, so die Wirtschaftswoche. „Damit sind jedoch die zuständigen Behörden hoffnungslos überfordert“, schreibt die Zeitschrift.

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