Villeroy & Boch in Mettlach prüft Übernahme von Ideal Standard

Kostenpflichtiger Inhalt: Überraschende Ankündigung : Villeroy & Boch erwägt große Übernahme

Der Keramikhersteller spielt mit dem Gedanken, den Konkurrenten Ideal Standard aufzukaufen. Der Plan sorgt für Streit bei den Gesellschaftern – und innerhalb der sechs Familienstämme von V&B.

Es brodelt in der Branche rund um Bad und WC. Der Mettlacher Traditionskonzern Villeroy & Boch (V&B), der zuletzt bei Umsatz und Ertrag schwächelte, will womöglich einen Befreiungsschlag wagen. V&B „prüft den möglichen Erwerb von Ideal Standard“, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Es reagierte damit auf einen Artikel des Manager-Magazins (MM), das berichtet hatte, dass V&B den mit knapp 800 Millionen Euro Umsatz etwa gleichgroßen Konkurrenten kaufen wolle. „Diese Evaluierung befindet sich allerdings noch in einer frühen Phase“, heißt es in Mettlach weiter. Vorstand und Aufsichtsrat hätten „weder verbindliche Entscheidungen über das Ob noch über etwaige wirtschaftliche Parameter eines Erwerbs getroffen“. Es sei auch möglich, dass V&B das Vorhaben nicht weiter verfolge oder „ein Erwerb aus anderen Gründen nicht zustande kommt“.

Beide Unternehmen stehen nicht besonders gut da. V&B hat nach vorläufigen Zahlen im Geschäftsjahr 2019 weniger Umsatz erwirtschaftet. Die Erlöse beliefen sich auf 833 Millionen Euro. 2018 hatte der Umsatz noch bei rund 853 Millionen Euro gelegen. Beim operativen Ergebnis (Ebit) wurde zuletzt ein Zielkorridor von 48 bis 52 Millionen Euro angepeilt. Im Jahr 2018 wurde ein Ebit von 53,6 Millionen Euro erzielt.

Doch auch Ideal Standard plagen Sorgen. Der Konzern betreibe zwar die moderneren Werke, schreibt MM. Allerdings habe das Unternehmen in der Vergangenheit operativ rote Zahlen geschrieben. Der Nettoverlust habe sich noch im Jahr 2017 auf 316 Millionen Euro addiert. 2019 sei jedoch ein Gewinn (Ebitda) von 85 Millionen Euro erwirtschaftet worden, zitiert MM einen Sprecher. Außerdem sei Ideal Standard inzwischen schuldenfrei und nicht mehr von hohen Zinszahlungen belastet. Seit März 2018 gehört Ideal Standard der Luxemburger Beteiligungsgesellschaft Ceramo und dem Private Equity-Unternehmen CVC Credit Partners. Die Investoren hätten dem Unternehmen Teile des Kaufpreises aufgebürdet, was die Zinslast zeitweise in die Höhe getrieben hätte.

Außerdem ist der Sanitärmarkt derzeit nicht einfach. Für 2019 rechnet die Vereinigung deutscher Sanitärwirtschaft (VDS) noch mit einem leichten Plus. Doch eine Prognose für dieses Jahr sei schwierig, „weil man nicht weiß, wann und in welchem Umfang die im Klimapaket der Bundesregierung angekündigte staatliche Förderung der Heizungserneuerung tatsächlich greift“, so das MM.

Auch bei V&B selbst ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Spannungen wurden Ende vergangenen Jahres deutlich, als der Aufsichtsratsvorsitzende Yves Elsen von heute auf morgen das Handtuch warf. Auch die Vorsitzende des mächtigen Prüfungsausschusses, Annette Köhler, kündigte kurz danach an, Ende Februar das Kontrollgremium zu verlassen. Diese wichtigen Personalien kommunizierte der Mettlacher Konzern in zwei knappen Mitteilungen. Während Köhler die zweimonatige Niederlegungsfrist, die bei Aufsichtsräten üblich ist, einhält, räumte Yves Elsen zum Jahresende sofort seinen Stuhl. Der Chef der Luxemburger Ingenieur-Firma Hitec sei ziemlich „in Rage gewesen“, so das MM.

 Für ihn ist mit Alexander von Boch ein Mitglied der Eigentümer-Familien an die Spitze des Kontrollgremiums gerückt, der den Konzern gut kennt. Ob der Neue, er ist 71 Jahre alt, den Streit innerhalb der 300 Familiengesellschafter von V&B beilegen kann, muss abgewartet werden. In den sechs Familienstämmen der V&B herrsche Zwist über die strategische Ausrichtung, so MM. Einige möchten dem Konzern mit dem Kauf von Ideal Standard neuen Schwung geben. Andere würden das Risiko scheuen. Deren Wortführer sei Michel von Boch-Galhau. Der Fotograf, der auf dem Hofgut Gangolf bei Mettlach lebt, hält 18,42 Prozent der Stimmrechte und sei damit der größte Aktionär. Für eine Stellungnahme war er am Donnerstag nicht zu erreichen.

Die Vorzugsaktionäre werden bei diesem Hin und Her nicht gefragt. Sie erhalten einen etwas größeren Schluck aus der Dividenten-Pulle – zuletzt 60 Cent pro Aktie und die Familiengesellschafter 55 Cent –, haben aber kein Stimmrecht. Die Nachricht mit Ideal Standard kam an der Börse nicht gut an. Die V&B-Aktie schmierte am Donenrstag um fast fünf Prozent ab.

Auch die Mitarbeiter der beiden Konzerne (V&B knapp 8000, davon 2100 im Saarland und Ideal Standard 9000) dürften an der weiteren Entwicklung interessiert sein. Zumal das größte deutsche Werk von Ideal Standard im Eifelstädtchen Wittlich seinen Sitz hat und damit in den Bereich des Bezirks Saar der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) fällt. Doch IGBCE-Bezirksleiter Dietmar Geuskens hüllte sich am Donnerstag in Schweigen.