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Villeroy und Boch baut voll auf die Digitalisierung

Kostenpflichtiger Inhalt: Kooperation auf neuen Märkten : Wie V&B künftig auf Gründer setzen will

Das Mettlacher Unternehmen plant, mit neuen Geschäftsideen im Zeitalter der Digitalisierung weitere Kunden zu erreichen.

Die Spielregeln sind knallhart. Und es gibt auch kein Pardon. Jeder hat exakt fünf Minuten Zeit, seine neue Geschäftsidee einer strengen Jury vorzustellen, dann gibt es noch eine fünfminütige Fragerunde aus dem Publikum, aber keine zweite Chance: Top oder Flop. Die Traditionsmarke Villeroy & Boch betritt mit ihrem ersten „Pitch Day“ (Vorstellungstag) neue Wege, um auch selbst an neue Geschäftsideen und aussichtsreiche Kooperationen zu kommen. Dafür hat das Unternehmen extra eine Innovations GmbH gegründet, die gezielt in Start-Up-Unternehmen investiert. Zugleich findet der „Pitch Day“ mitten im Herzen des Unternehmens statt: im neuen Büro- und Konferenzzentrum „Fabrik N°09“ in direkter Nachbarschaft zur Alten Abtei. So finden Tradition und Moderne zusammen, denn in der „Fabrik“ wird die digitale Welt bis in kleinste Details gelebt: Die Räume sind projekt- und teamorientiert gestaltet mit offenen Arbeitsbereichen sowie Rückzugsmöglichkeiten für Besprechungen.

Und mittendrin stehen sie jetzt auf offener Bühne: zehn hoffnungsvolle Unternehmer, die aus ganz Deutschland angereist sind. Sebastian Hof und Peter Domma kümmern sich bei V&B um digitale Projekte. Sie haben den „Pitch Day“ monatelang vorbereitet und die Teilnahme an der Premiere sogar europaweit ausgeschrieben. Zahlreiche Mitarbeiter von V&B aus verschiedensten Abteilungen haben sich angemeldet, um als Publikumsjury mitzuwirken. Sie stimmen nach jeder Präsentation per Handy ab, um aus allen Präsentationen einen „Publikumspreis“ zu ermitteln.

Einen Verlierer kann es nicht geben, denn V&B wird alle vorgestellten Geschäftsideen weiter beobachten und gegebenenfalls auch später noch fördern, sagen Sebastian Hof und Peter Domma. Für die drei bestplatzierten gibt es zudem Geldpreise in Höhe von 1500 Euro, 500 Euro und 250 Euro. Doch die Aussicht, mit einem weltweit tätigen Unternehmen künftig gemeinsam an den Markt gehen zu können, ist für die Sieger noch erheblich mehr wert als die finanzielle Anerkennung. Allerdings erhofft sich so mancher Gründer von einem Engagement durch V&B vor allem Kapital, um weiterzukommen. Für V&B besteht in Kooperationen ein hoher Reiz darin, Zugang zu neuen Kundenschnittstellen, Online-Plattformen und Communities zu bekommen.

Viele der vorgetragenen Ideen erweisen sich als nachvollziehbar mit einem gewissen Potenzial. Doch bei den beiden Hauptgewinnern, sowohl des Publikumspreises, für den es eine Urkunde gab, als auch des ersten Preises der Fachjury, in der unter anderem V&B-Vorstandschef Frank Göring sitzt, zeigen sich schon binnen weniger Sekunden die Hauptvorteile der Geschäftsideen. Christian Els (30) ist extra aus Bochum angereist, um sein Unternehmen Sentin zu präsentieren. Es stellt eine Software her, die es mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) und einer kameragesteuerten Technologie ermöglicht, kleinste Fehler und Kratzer auf Bauteilen und Produkten zu erkennen. Seit etwa einem Jahr ist die Geschäftsidee am Markt. Frank Göring hört hier offensichtlich besonders gut zu, ermöglichst ein solches Verfahren doch permanente Qualitätsverbesserungen in der Produktion.

Für eine große Überraschung, weil die Geschäftsidee wohl besonders zeitgemäß ist, sorgt der Inder Hemant Chawla (23) aus Göttingen, der sein Unternehmen Kulero als letztes vorstellt. Er bekommt zugleich den Publikumspreis und belegt den dritten Platz im Urteil der Fachjury. Sein Unternehmen produziert „nachhaltiges essbares Besteck“. Das ermögliche, den Plastikmüll drastisch zu bekämpfen. Kulero bedeute auf Esperanto Löffel. Der Hauptbestandteil der von Chawla produzierten Löffel ist Getreide, weshalb das Besteck essbar ist und somit eine Alternative zu Plastiklöffeln darstellen soll. Alle Zutaten sind natürlichen Ursprungs, versichert der Jungunternehmer, und zudem vegan. Salz und Wasser verbinden die Hauptzutaten zu einer Art festem Keks und werden mit Gewürzen, Kakao oder Gemüse aromatisiert und gefärbt. Konservierungsstoffe oder künstliche Aromen seien tabu. Nach Angaben von Chawla könne das Unternehmen täglich rund 100 000 Teile produzieren. Sie seien ideal geeignet für Festivals, Supermärkte, Fluglinien und Privatkunden.

Nach so viel gezeigter Kreativität beim ersten „Pitch Day“ ist man sich deshalb bei den Verantwortlichen in Mettlach jetzt schon in einem Punkt einig: Der „Pitch Day“ wird fortgesetzt. Ein Termin steht noch nicht fest.