Suche nach Schuldigen am Drama der Gusswerke Saarbrücken, Ex-Halberg-Guss

Kostenpflichtiger Inhalt: Autozulieferer in Existenznot : Die Schuld-Frage bei Halberg Guss

Der Job-Kahlschlag bei den Gusswerken Saarbrücken, der früheren Halberg Guss, löst Schuldzuweisungen aus. Nicht nur Prevent wird dabei genannt.

600 Mitarbeiter der Gusswerke Saarbrücken haben ihren Job verloren, 400 Beschäftigte können erst einmal bleiben, vielleicht auch auf Dauer, wenn die Pläne des Insolvenzverwalters Franz Abel und des bereitstehenden Investors Ferraro Group aus Neunkirchen aufgehen (wir berichteten). So wurde es am Mittwoch auf der Betriebsversammlung mitgeteilt. Angesichts solch einer Hiobsbotschaft steht nun die Frage im Raum, wer denn die Schuld an diesem Drama trägt. Der Niedergang der unter dem früheren Namen Halberg Guss bekannten Traditionsgießerei hat anscheinend viele Väter. Zugleich will aber niemand schuld gewesen sein.

„Die Probleme bei Halberg sind Prevent-Probleme, als dann One Square Advisors kam, wurde das nicht besser“, fällt Abel ein negatives Urteil über die Vorbesitzer. One Square Advisors war vor einem Jahr ans Ruder gekommen, die Belegschaft feierte die neuen Eigentümer als Retter. In der Turnhalle Brebach, in der am Mittwoch das Aus für 600 Arbeitsplätze verkündet wurde, beklatschten damals die Mitarbeiter die neuen Geschäftsführer wie Popstars. Die Euphorie verflog bald. Denn die Neuen waren angetreten, Volkswagen, General Motors (GM) und Deutz zur gemeinsamen Finanzierung einer langfristigen Sanierung zu bewegen. Den Geschäftsführern gelang es nicht, eine Einigung der drei Großkunden herbeizuführen. Am Ende stand im September die Insolvenz.

Aus Sicht von Abel ist es aber mehr als ein Scheitern. Aus seiner Sicht verfolgte One Square Advisors eine Trennung der beiden Schwesterstandorte Saarbrücken und Leipzig. Es sei die Strategie verfolgt worden, Leipzig zu retten und Saarbrücken letztlich stillzulegen. Abel vermutet auch, dass One Square Advisors über die Pläne von General Motors Bescheid wusste, sich eine andere Gießerei zu suchen. Der US-Autobauer hatte in der vergangenen Woche den Rückzug aus den Geschäften mit der Saarbrücker Gießerei verkündet. „Das finde ich absurd“, weist Frank Günther, Geschäftsführer von One Square Advisors, gegenüber der SZ, den Vorwurf zurück, das Aus des Werks Saarbrücken zugunsten des Standorts Leipzig betrieben zu haben. Auch dementiert Günther, von dem Ausstieg des US-Konzerns gewusst zu haben. Nur von Gerüchten habe er gehört. Und GM habe unmittelbar vor der Insolvenzanmeldung noch angeboten, die Sanierung ohne VW gemeinsam mit Deutz durchzuziehen, sagt Günther.

Auch Prevent, Eigentümer der Gießerei im vergangenen Jahr, weist jede Verantwortung für das traurige Schicksal der Gießerei von sich und beschuldigt stattdessen Volkswagen und die Gewerkschaft IG Metall. „Nachdem Volkswagen in einem Willkürakt seine Abrufe drastisch zusammengestrichen hatte, war die Lage schon schwierig genug. Zusätzlich hat die IG Metall Forderungen aufgestellt, deren Erfüllung das Unternehmen auf einen Schlag ruiniert hätten“, sagt der ehemalige Geschäftsführer Barbaros Arslan. Die Strategie der IG Metall sei der Keim für das Ende der Gusswerke.

Bei VW war aber offenbar schon vor dem Einstieg von Prevent bei Halberg Guss eine Grundsatzentscheidung gefallen: keine Zusammenarbeit mehr mit dieser Unternehmensgruppe der bosnischen Familie Hastor. Der Zulieferer hatte Volkswagen über Jahre in Brasilien und später auch in Deutschland zugesetzt und aus Sicht der Wolfsburger Schaden in dreistelliger Millionenhöhe angerichtet. Das passierte dann auch in Saarbrücken. Prevent hatte Preise drastisch erhöht – und anscheinend in völlig überzogenem Ausmaß. Schließlich stufte das Landgericht Braunschweig die Preiserhöhungen Anfang des Jahres in einem Eilverfahren als Wucher ein und fror von Prevent 42 Millionen Euro plus Zinsen bis zur endgültigen Entscheidung ein.

Vielleicht wäre es aber nie zu der am Ende für Halberg Guss tragischen Übernahme durch Prevent gekommen, wenn Volkswagen von der Süddeutschen Beteiligungs GmbH (SDL), dem Eigentümer vor Prevent, geforderte langfristige Lieferzusagen und gewisse Preiserhöhungen akzeptiert hätte. So wird es in Unternehmenskreisen erzählt.

Patrick Selzer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken, weist die Vorwürfe von Prevent zurück. Prevent habe überhöhte Preise von VW verlangt und dies in den Gesprächen mit der IG Metall damit begründet, dass die Produktion wegen fehlender Zusagen des Wolfsburger Konzerns für weitere Aufträge auslaufe. Die IG Metall habe daher einen Sozialtarifvertrag gefordert, der auf dem Modell einer doppelnützigen Treuhand basierte, in welchem entweder die Beschäftigten bei Verlust des Arbeitsplatzes eine Abfindung erhalten hätten oder bei Erhalt des Arbeitsplatzes die anteilige Summe an Prevent ausgezahlt worden wäre. Von einer überhöhten Forderung im Sozialtarifvertrag könne daher keine Rede sein.

Auch sei der Keim für das Drama von Halberg Guss nicht die IG Metall. „Der Vertrauensverlust bei den Kunden wurde durch das Geschäftsmodell von Prevent – mit völlig überzogenen Preisen – verursacht“, sagt Selzer. In den letzten Wochen unter Prevent stand auch zeitweise die Produktion wegen Streitigkeiten mit Lieferanten still, auch drohte die Abschaltung der Fabrik wegen Auseinandersetzungen mit dem Stromanbieter.

Die Linke im Landtag prangert an, dass Prevent die Gießerei „systematisch ruiniert hat“, wie Fraktionschef Oskar Lafontaine sagt. Es räche sich aber nun auch, dass das Land nicht früher Anteile an dem Unternehmen erworben hat – und misst damit der Landesregierung Verantwortung für das Drama zu. Lafontaine fordert das Land auf, eine Mehrheitsbeteiligung an den Gusswerken zu erwerben. SPD-Fraktionschef Ulrich Commerçon kontert: „Auch in einem VEB Halberg Guss würden Menschen arbeitslos, die keine Aufträge mehr haben. Die Landesregierung bestellt keine Motorblöcke.“

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