Staatssekretär Barke gibt VW eine große Mitschuld an der Pleite

Kostenpflichtiger Inhalt: Autozulieferer in der Krise : Gusswerke Saarbrücken insolvent - Schwere Vorwürfe gegen VW

Die Gusswerke Saarbrücken sind wieder pleite. Volkswagen spielte dabei angeblich eine unrühmliche Rolle. Wie geht es für die rund 1000 Beschäftigten nun weiter?

„Die Insolvenz ist da.“ Betriebsratschef Bernd Geier verkündet am Mittag den Mitarbeitern der Gusswerke Saarbrücken die schlechte Nachricht. Frank Günther, Geschäftsführer der Dachgesellschaft Avir Guss Holding, habe ihm am Morgen gesagt, „dass die Verhandlungen – und hier hat er VW genannt – zu keinem Erfolg geführt haben“, erläutert Geier. Auch Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) gibt dem Volkswagen-Konzern die Hauptschuld: „Am Ende ist eine Vereinbarung an der Haltung von VW gescheitert.“ Bei seinem Urteil darüber wird er mehr als deutlich. Er spricht von einer „Riesenschweinerei“. Volkswagen äußert sich auf SZ-Anfrage nicht zu den Vorwürfen.

Betriebsratschef Bernd Geier hofft, dass es für die Gusswerke Saarbrücken weitergeht. Foto: BeckerBredel

Die Großkunden General Motors (GM), Deutz und eben VW hatten seit Monaten darum gerungen, wer in welchem Umfang Kosten für eine Sanierung und Neuausrichtung der früheren Neue Halberg Guss übernimmt. Zuletzt ging dem Autozulieferer das Geld aus, um die Löhne für August auszuzahlen. Auch zugesagte Abfindungen wurden nicht beglichen. Allein dabei ging es um rund vier Millionen Euro.

Ernst und mit starren Mienen nehmen die Mitarbeiter die traurige Botschaft auf. Nach den offiziellen Reden bricht aus einigen Wut hervor. „Schweinerei“ ist noch das freundlichste Schimpfwort, das die Betroffenen der – abwesenden – Geschäftsführung zurufen. „Die Arbeitsstelle ist weg, auch die Abfindung, ich bin am Arsch“, sagt ein verzweifelter Mann. Er gehört zu den rund 200 Beschäftigten, die im Juli einen Auflösungsvertrag unterzeichnet hatten. Das Management wollte durch einen schnellen Stellenabbau Kosten senken. Rund 1000 Mitarbeiter hat die Belegschaft damit jetzt noch.

Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) schimpft über VW. Der Konzern habe im Grunde nie ein Interesse an dem Fortbestand der Gusswerke gehabt. Foto: Staatskanzlei Saarland/ Markus Lutz/Lutz;Markus

Die Geschäftsführung hat nach Angaben des Betriebsratschefs eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Dem stimmte das Insolvenzgericht laut Barke auch zu, doch habe es sich nicht auf dem Vorschlag des Managements für einen Sachwalter aus Frankfurt eingelassen. Das Gericht habe stattdessen den erfahrenen Insolvenzanwalt Franz Abel aus St. Ingbert als Sachwalter eingesetzt, sagt Barke. Ein Sachwalter hat in dem Verfahren die Aufsicht über die Geschäftsführung.

Geier hatte sich gegen die Eigenverwaltung ausgesprochen. Dies habe er auch gegenüber der Richterin am Insolvenzgericht in Sulzbach bekräftigt, sagt er. Schließlich sei die Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit dahin. Ein Grund dafür: Die Geschäftsführung hatte im Juli Auflösungsverträge unterzeichnet, obwohl vereinbart gewesen sei, dass dies erst passieren darf, wenn die Finanzierung gesichert ist und ein Wirtschaftsprüfer dies bestätigt, erläutert Patrick Selzer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken. Das Management habe sich darüber hinweggesetzt. Ein weiterer Grund: Avir-Guss-Geschäftsführer Frank Günther hatte am Dienstag vergangener Woche noch verkündet, dass sich die wichtigen Großkunden Volkswagen, GM sowie der Motorenhersteller Deutz schriftlich auf ein Hilfspaket verständigt hätten. „Ihr könnt die Sektkorken knallen lassen“, habe es geheißen, sagt Selzer. Und jetzt habe sich die Ankündigung als leeres Versprechen erwiesen. Die bisherigen Geschäftsführer „haben lange genug Zeit gehabt, und sie haben es nicht hinbekommen“, sagt Selzer.

Die Stimmung ist vollkommen gekippt. Als Frank Günther und sein Sanierer-Team von One Square Advisors Ende November 2018 der Belegschaft die Übernahme der Gießerei verkündeten, wurden sie wie Helden gefeiert. Denn damit war die Hoffnung auf einen Neuanfang verbunden. Nach einem zermürbenden Jahr unter dem Eigentümer Prevent und einem aufreibenden Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze schien es unter der Regie eines neuen Besitzers nur besser werden zu können.

Wie es jetzt für die verbliebenen rund 1000 Beschäftigten in Saarbrücken weitergeht, ist offen. „Wir haben General Motors, wir haben Deutz“, sagt Geier. Besonders von ihnen hänge ab, ob das Unternehmen eine Perspektive hat. Aber auch VW werde noch gebraucht, sagt Werksleiter Patrick Anthony. Das Schwesterwerk in Leipzig mit mehr als 500 Mitarbeitern sei bislang nicht insolvent, sagt er. Werksleiter, Betriebsratschef und Gewerkschafter appellieren an die Belegschaft, jetzt weiter zur Arbeit zu kommen und wie gewohnt Motorblöcke und andere Gussteile zu produzieren. Mit Blick auf die bislang treuen Großkunden GM und Deutz sagt Geier: „Wenn wir die nicht beliefern, dann ist hier der Laden futsch.“ Arbeite man aber weiter, „dann haben wir eine Chance“. Selzer hält es allerdings für schwierig, dass beide Standorte, also Saarbrücken und Leipzig, weiter bestehen.

Wirtschaftsstaatssekretär Barke verspricht, dass das Land auch im anstehenden Insolvenzverfahren alles dafür tun werde, „zu retten, was zu retten ist“. Bisher hatte die Landesregierung Hilfen im Umfang von 50 Millionen Euro zugesagt – vor allem in Form von Bürgschaften für Zukunftsinvestitionen.

Maßlos enttäuscht ist er von Volkswagen. „Die Hürden für eine Einigung sind von VW immer höher gelegt worden“, berichtet Barke aus den Verhandlungen der Großkunden über ein Rettungspaket für die Gusswerke. So habe der Wolfsburger Konzern vorab dauerhafte finanzielle Garantien vom Land verlangt, wohl wissend, dass das aufgrund der EU-Beihilferegeln gar nicht möglich gewesen sei. Barke weist auch darauf hin, dass über den Verhandlungen der Schatten eines Konkurrenzkampfs der Autokonzerne auf dem nordamerikanischen Markt gelegen habe. Volkswagen und Ford hatten im Sommer eine Kooperation für den Bau von Elektroautos abgeschlossen. Eine Verständigung mit dem Ford-Konkurrenten GM passte damit anscheinend nicht zusammen. Barke verurteilt solch ein Vorgehen massiv. Der Konzern verfolge Eigeninteressen „auf dem Rücken der Mitarbeiter“ der Gusswerke Saarbrücken. Letztendlich sei die erhoffte Verständigung der Milliardenkonzerne an einem einstelligen Millionenbetrag gescheitert.

Außerdem hat nach seiner Ansicht VW von Anfang an kein Interesse am Fortbestehen des Standorts Saarbrücken gehabt. Barke bezeichnet Volkswagen als „Falschspieler“. Das Konzept von One Square Advisors, das auch von der IG Metall unterstützt worden sei, sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Es habe sich in dem Vertrauen darauf gegründet, dass VW, GM und Deutz eine gemeinsame Linie verfolgen könnten. Das Vertrauen in VW sei ein Fehler gewesen, sagt Barke. Er hofft daher auf eine Neuausrichtung unter Beteiligung von GM und Deutz sowie eines weiteren strategischen Investors, der möglichst auch noch Geld mitbringt.

Für die Gusswerke ist diese Insolvenz die zweite nach 2009. Vier Besitzer hatte die Gießerei seitdem. „Wir sind durch so viele schwere Jahre gegangen, wir haben es immer geschafft“, sagt Betriebsratschef Geier. Deshalb will er das Unternehmen und die Arbeitsplätze trotz der erneuten Insolvenz nicht verloren geben. „Ich glaube noch an Halberg, aber es wird ein verdammt schwerer Weg.“

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