Scheer übt Kritik an IT-Wirtschaft, Cispa und Universität im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Warnung vor überzogenen Erwartungen : Scheer bremst die saarländische IT-Euphorie

Der Unternehmer August-Wilhelm Scheer fordert im SZ-Redaktions­gespräch deutlich mehr Engagement von Politik und Saar-Universität.

Er ist ein Energiebündel und Ideengeber, auch mit 78. Der Forscher und Unternehmer August- Wilhelm Scheer, mittlerweile seit 45 Jahren Professor und seit 35 Jahren als Unternehmer im Saarland tätig, wird immer dann hellhörig, wenn es um eines seiner Lieblingsthemen geht: Spitzenklasse. Wie kommt man dorthin, wie verteidigt man eine solche Position und wie baut man sie aus?

All das treibt August-Wilhelm Scheer seit Jahrzehnten um. Bis heute, wie er im Redaktionsgespräch mit der Saarbrücker Zeitung verrät. Die Hände in den Schoß legen und Ausruhen ist nicht sein Ding. Dabei hat er viel erreicht. Als Wissenschaftler ist er Mitglied der Hall of Fame der deutschen Forscher und als Unternehmer hat er mit der IDS Scheer AG ein Musterbeispiel für die Entwicklung eines Unternehmens aus der Forschung heraus entwickelt, das bis zum Verkauf im Jahr 2009 auf 3500 Mitarbeiter gewachsen war. Heute steuert er ein Netzwerk aus Unternehmen und Forschung mit über 1000 Mitarbeitern in den zwei roten Scheer-Towern am Standort der Universität.

Die aktuelle Landespolitik sieht er kritisch. Saarländische Innovationspolitik müsse mehr sein als ständige Versprechungen, nämlich eine Kombination aus der Weiterentwicklung vorhandener Strukturen und Zukunftsvisionen. So teilt Scheer den gegenwärtigen Hype um ein einzelnes Forschungszentrum der Helmholtz Gesellschaft als Heilsbringer für das Saarland nicht. Zwar war er selbst als Experte bei der Entscheidung, das Cispa im Saarland anzusiedeln, maßgeblich beteiligt. Dennoch sieht er die sich überschlagenden Versprechungen bis hin zu Hunderten angestellten Forschern als eher unrealistisch an.

Vielmehr solle man die Vielfalt der Universität und Fachhochschule nutzen, um die Transformation der saarländischen Wirtschaft zu unterstützen. Ein eng gefasstes Thema wie Cyber Security sei hierbei überfordert. Zudem gebe es auch an anderen Standorten in Deutschland, etwa in Bochum, München oder Darmstadt, hierzu wesentliche Forschungsaktivitäten, erinnert Scheer. Und bei der wirtschaftlichen Umsetzung sei Israel vorne. Man müsse deshalb aufpassen, dem saarländischen Steuerzahler nicht zu viele Vorleistungen aufzubürden und stattdessen erst einmal konkrete Ergebnisse einfordern.

Auch das saarländische Vorzeigebeispiel, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), habe 30 Jahre benötigt, um auf eine Größenordnung von 1000 Mitarbeitern zu wachsen, gibt Scheer zu bedenken. Insgesamt sieht er Forschungseinrichtungen nur in der Kombination mit starken Unternehmen als Wachstumstreiber einer Region an. Für die Umsetzung einer Forschungsidee in ein erfolgreiches Produkt benötige man nach seiner Erfahrung das Zehnfache an Ressourceneinsatz.

Die Bedeutung der Digitalisierung für die saarländische Wirtschaft unterstützt Scheer ausdrücklich. Allerdings bedauert er, dass der von ihm mit der früheren Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ins Leben gerufene Digitalrat unter der neuen Regierung bisher nur einmal getagt habe. Auch gebe es noch keinen Masterplan, der regele, was konkret passieren müsse. Scheer selbst bietet nach eigenen Worten mit dem von ihm gegründeten gemeinnützigen AWS Institut für digitale Produkte und Prozesse pro Woche einen kostenlosen Kurs für Mittelständler zu Themen wie digitalen Geschäftsmodellen oder 3-D-Druck an, die im nächsten Jahr auf drei Workshops pro Woche gesteigert werden. Solche Aktivitäten, die in Zusammenarbeit mit dem Institut Zema und Saaris vom Bundesministerium für Wirtschaft gefördert werden, sieht er für das Saarland als konkreter und zielführender an. Gerade nehme auch das Zentrum für Künstliche Intelligenz zur Unterstützung des Mittelstands seine Arbeit auf.

Das Saarland müsse vor allem auf eine exzellente Aus- und Weiterbildung als Kern einer Innovationspolitik setzen. Die großen High-Tech-Unternehmen ballten sich um Standorte wie die Technische Universität München oder die ETH Zürich. Alleine in München habe Google bekanntgegeben, 1500 zusätzliche Informatiker einzustellen. Die SAP baut dort einen neuen Standort. Da aber die einschlägigen Standorte München, Stuttgart, Aachen und andere inzwischen keine Fachkräfte mehr fänden, habe das Saarland die Chance, mit einer Ausbildungsinitiative zu punkten. Hierzu müssten jedoch die Hochschulen die Zahl ihrer Absolventen drastisch steigern. Derzeit siedelten sich im Umkreis des DFKI Forschungsbereiche von wichtigen Unternehmen wie ZF an, die auf die Verfügbarkeit kompetenter Mitarbeiter bauen. Fänden sie diese nicht im erwarteten Umfang, würden sich die Unternehmen zurückziehen, ist Scheer überzeugt.

Deshalb liegt dem Unternehmer auch die Entwicklung der Saar-Universität besonders am Herzen. Er macht sich Sorgen um deren Zukunft. Sie drohe, als Standort für Forschung und Lehre immer mehr Strahlkraft einzubüßen. Scheer sieht hier das Präsidium in der Verantwortung. Es müsse erheblich mehr einfordern von den Fakultäten, insbesondere wenn es darum geht, in den kommenden Jahren mit neuen Ideen Anträge auf Fördermittel aus der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung der Wissenschaft an deutschen Hochschulen zu stellen. 

Unter dem Scheitern der jüngsten Initiative für Exzellenzcluster werde die Saar-Uni noch lange zu leiden haben. Denn ohne Exzellenz-Status verschwinde das Saarland von der Landkarte der Forschungsstandorte. Der Konkurrenzkampf der Bundesländer untereinander um die besten Kräfte habe längst brutale Züge angenommen, sagt Scheer. Und renommierte große Unternehmen aus dem In- und Ausland suchten immer häufiger Standorte in unmittelbarer Nachbarschaft von Top-Universitäten.

Das Saarland müsse deshalb aus der Sicht von Scheer alles daran setzen, die Anzahl der Informatik-Studenten an der Saar-Uni deutlich zu erhöhen. Leider stehe bei Professoren die Lehre nicht im Vordergrund, da sie weniger Potenzial zur persönlichen Profilierung biete. Unverständlich findet Scheer, dass das erfolgreiche duale Studienkonzept der Akademie der Saarwirtschaft gegenwärtig von der Staatskanzlei zu wenig Aufmerksamkeit erfahre. „Wenn ich etwas im Saarland zu sagen hätte, würde ich dafür sorgen, dass wir die beste Aus- und Weiterbildung aller Bundesländer anbieten“, sagt Scheer. „Dieses wäre der Humus, aus dem wir freigesetzte Mitarbeiter aus alten Industrien eine neue Perspektive geben können, Mittelständler weiter nach vorne bringen, innovative Unternehmen anlocken und halten sowie Start-up-Unternehmen eine Wachstumsperspektive eröffnen können,“ empfiehlt Scheer.

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