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Saarstahl und Dillinger Hütte machen über 240 Millionen Euro Verlust

Kostenpflichtiger Inhalt: Millionenverluste : Warum Saarstahl und Dillinger tief in den roten Zahlen sind

Die beiden Stahlunternehmen Saarstahl und Dillinger Hütte haben ein schwieriges Jahr hinter sich. Die Corona-Krise verschärft die Lage.

Der Saarstahl-Konzern und die Dillinger Gruppe stecken unabhängig vom Coronavirus-Drama in der Krise. Beide Stahlunternehmen haben zusammen 2019 vor Zinsen und Steuern einen Verlust von rund 244 Millionen Euro eingefahren. „Dillinger und Saarstahl hatten ein schwieriges Jahr. Die Ergebnisse blieben hinter unseren Erwartungen zurück. Die strukturellen und konjunkturellen Probleme sind spürbar geworden“, sagte Tim Hartmann, Vorstandschef beider Unternehmen, am Dienstag bei der Vorstellung der Jahresbilanzen. Ähnlich hohe oder noch höhere Verluste mussten Saarstahl und der Konzern Dillinger Hütte zuletzt 2013 und 2016 hinnehmen. Überraschend kam das hohe Millionen-Minus nicht. Der Vorstand hatte damit gerechnet und deshalb im vorigen Jahr ein Programm zur Kostensenkung und Neuausrichtung angestoßen.

Für 2020 hatte Hartmann ursprünglich auf Besserung gehofft. Die Corona-Krise macht nun einen Strich durch die Rechnung. „Ich gehe davon aus, dass 2020 mit Verlusten abgeschlossen wird“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Er setzt seine Hoffnung nun auf eine positive Entwicklung im zweiten Halbjahr. Ob das so kommt, ist offen. Ein Satz fällt in der Pressekonferenz immer wieder: „Wir fahren auf Sicht.“

Beide Stahlfirmen stehen seit einiger Zeit unter Druck: Überkapazitäten in der Stahlbranche, Protektionismus und Zölle, Billigimporte, technologischer Umbruch in Autoindustrie und Maschinenbau, hohe Energiepreise in Deutschland, verschärfte Umweltauflagen – all dies belastet. Dazu kommen „Schwächen in unserer Kostenstruktur, gerade im Vergleich zu unseren europäischen Konkurrenten“, wie Hartmann sagte. Deshalb hatte er Ende September ein umfassendes Kostensenkungs- und Strategieprogramm angekündigt. Demnach sollen 1500 Stellen abgebaut und 1000 Arbeitsplätze ausgelagert werden. Dadurch sollen die jährlichen Kosten um 250 Millionen Euro sinken. Zugleich sollen beide Unternehmen fit gemacht werden, „damit die modernste Stahlindustrie genau hier im Saarland entsteht“, sagte Hartmann. An diesen Plänen hält der Vorstand unverändert fest. Denn „es handelt sich um langfristige Ziele, die unabhängig von kurzfristigen Krisen gelten“.

Dillinger Gruppe und Saarstahl in Zahlen. Foto: SZ/Müller, Astrid

Die Corona-Krise werde die Umsetzung des Programms zur Neuausrichtung jedoch verzögern, sagte Hartmann. Besonders Saarstahl leidet unter den Folgen. Das Unternehmen hängt etwa zu zwei Dritteln von Kunden aus der Autoindustrie ab. Die Produktion wird daher gedrosselt. Die Hochöfen und Kokerei werden aber nicht vorläufig stillgelegt, „weil Anlagen sonst Schaden nehmen würden“, erklärte Hartmann. Im vorigen Jahr hatte es schon Kurzarbeit gegeben, dieses Instrument soll weiter genutzt werden. Er schloss auch nicht aus, Hilfen, wie sie die Bundesregierung für die deutsche Wirtschaft beschlossen hat, zu beantragen.

Bei der Umsetzung des Strategieprogramms sieht Hartmann bereits erhebliche Fortschritte. Für 80 Prozent der Sachkosten-Senkung von 150 Millionen Euro hätten die Unternehmen bereits konkrete Pläne und seien in der Umsetzung. Bei den Personalmaßnahmen, die 100 Millionen Euro bringen sollen, seien drei Viertel der geplanten Kostensenkung mit Detailmaßnahmen hinterlegt. In diesem Jahr werde die Zahl der Mitarbeiter deutlich um 500 bis 600 zurückgehen, sagte Arbeitsdirektor Peter Schweda. „Wir werden vermutlich zum Jahresende bei unter 13 000 Mitarbeitern landen“ – für Saarstahl und die Dillinger Gruppe zusammen. Im vergangenen Jahr waren es rund 13 460 Beschäftigte. Schweda versicherte: Den Stellenabbau „werden wir ohne betriebsbedingte Kündigungen schaffen. Das steht fest.“

Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender von Saarstahl und der Dillinger Gruppe. Foto: Oliver Dietze

Eine offene Frage ist darüber hinaus der Wandel der Stahlindustrie hin zu einer CO2-freien Produktion. Diese Transformation koste Milliarden. „Machbar ist sie nur mit politischer Unterstützung“, sagte Hartmann und wiederholte damit Forderungen aus den vergangenen Monaten. Positiv wertet er das vom Bundeswirtschaftsministerium, der Gewerkschaft IG Metall und der Stahlbranche erarbeitete Maßnahmenpaket, um den Wandel zu unterstützen und den internationalen Wettbewerb fairer zu machen. Doch aus diesen Vorschlägen müsse ein „Bekenntnis der gesamten Bundesregierung und dann der EU werden“, forderte Hartmann. Die politischen Entscheidungen „benötigen wir dringend in diesem Jahr“. Davon hängen laut dem Stahlmanager Investitionsentscheidungen ab – etwa für den Bau neuer Hochöfen. Er ist allerdings zuversichtlich, dass die Politik die Stahlindustrie unterstützt. Unklar sei aber, in welchem Maße.