Saar-Unternehmer Wendelin von Boch sieht große Chancen für Europa.

Traditionelles Frühstück der Deutschen Bank im Saarbrücker Schloss : Warum Wendelin von Boch Europa viel zutraut

Er liebt nach wie vor das Leben und das Tempo. Bei letzterem kann es ihm manchmal nicht schnell genug gehen. Wendelin von Boch (76) bekennt am Rande des traditionellen Frühstücks der Deutschen Bank im Saarbrücker Schloss, er habe schon früher bei Rennen auf dem Nürburgring so manches Fahrzeug zerlegt.

Zum Festvortrag fährt er mit einem Maserati vor, die Leidenschaft für Autos und sein Heimatland, das Saarland, sind ihm geblieben.

Auch beim Tempo, in dem die Menschen an ein vereintes Europa mit seinen Chancen glauben, würde er wohl gerne ein paar Gänge zulegen. Zu einem starken Europa sieht der frühere Vorstands- und spätere Aufsichtsratschef von Villeroy & Boch in seiner Festrede keine Alternative. Kleinteiligkeit und nationalistisches Denken böten keine Lösungen mehr auf die großen Herausforderungen, Wachstum und Wohlstand zu erhalten. Er bekennt das aus eigenem Erleben: Hätte Villeroy & Boch, auch gegen manche inneren Widerstände, schon damals nicht konsequent seine Chancen in einer starken Ausweitung der weltweiten Aktivitäten gesucht, würde es V&B heute nicht mehr geben, sagt Wendelin von Boch ganz offen. Er sieht im Rückblick die konsequente Internationalisierung von V&B als die größte Herausforderung an, die es in der über 270 jährigen Geschichte des Unternehmens bisher gab. „Innerhalb von zehn Jahren haben wir den Anteil des Exportes von 30 auf 70 Prozent erhöht. Das hat uns gerettet. Wir haben es geschafft, innerhalb von zehn Jahren China zum größten Auslandsmarkt zu machen.“

Gerade für den Mittelstand, der im Saarland stark Wachstum und Wohlstand beeinflusse, sei eine Ausweitung der internationalen Aktivitäten lebenswichtig, zumal heute schon über 50 Prozent der mittelständischen Betriebe, überwiegend familiengeführt, ihre Haupteinnahmen im Export tätigen. „Wir müssen auf den internationalen Märkten präsent sein“, appellierte Wendelin von Boch in seiner Rede. Zugleich hielt er den Globalisierungsgegnern und Anhängern nationaler Alleingänge den Spiegel vor. Kleinteiligkeit und nationale Sichtweisen seien keine Antworten auf die großen Herausforderungen der Gegenwart. Nationen wie die USA, England oder auch Frankreich hätten jahrelang eine konsequente Abschottungspolitik betrieben, dabei ihre Industrie zurückgebaut und vernachlässigt. „Nur Deutschland hat erfolgreich dagegengehalten. Deshalb ging es uns in den vergangenen Jahren gut.“

Die Chinesen sieht Wendelin von Boch als die wohl größte Herausforderung überhaupt an. Sie hätten sich längst sehr viel technisches Know How der Europäer angeeignet. Was man leider auch an Raubkopien der New Wave Tasse von V&B sehen könne. Von Boch ist sicher, dass die Chinesen immer mehr Produkte erfolgreich selbst produzieren und weltweit vermarkten werden. Deshalb müsse die europäische Antwort eine führende Rolle in der Forschung sein. China setze auf immer größere Einheiten, auch in der Produktion. Hier sei manche Entscheidung der deutschen Kartellbehörden hinderlich, etwa das Verbot einer gemeinsamen Herstellung von Hochgeschwindigkeitszügen durch Siemens und Alstom. Die chinesische Eisenbahnproduktion erreiche heute schon die zehnfache Größe dieser Unternehmen. Wendelin von Boch sieht auf diese Herausforderungen nur eine erfolgreiche Antwort: „Europäische Gemeinschaftsprojekte müssen kraftvoll umgesetzt werden.“

Dazu gehöre auch eine engere Kooperation der europäischen Autohersteller bei der Entwicklung neuer Produkte. Zudem müsse Deutschland gerade in der Autoindustrie seine Vorreiterrolle verteidigen, beispielsweise durch die Ansiedlung von Unternehmen zur Batteriezellenfertigung sowie eine konsequente Ausweitung der Forschung für neue Antriebsformen in Fahrzeugen. Hier traut Wendelin von Boch gerade dem Saarland wegen seiner Kompetenz in der Autoindustrie sowie der vorhandenen Forschungseinrichtungen eine besondere Kompetenz zu. „Wir müssen als europäischen Anspruch den Ehrgeiz besitzen, eine Batteriezellenfertigung an die Saar zu bekommen.“ Womit er geschickt den Ball in das Feld der Landespolitik weiterspielt.

Die derzeitige Dauerdebatte über Fahrverbote in Städten sowie den Diesel hält Wendelin von Boch generell für nicht zielführend. „Diese Diskussion vernichtet Arbeitsplätze und schwächt die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Autoindustrie.“ Die Freude am Fahren wird sich der Oldtimer-Freund von Boch ohnehin nicht nehmen lassen. An sonnenverwöhnten Tagen kann man ihn in nächster Zeit möglicherweise auf Touren mit seinem AC Bristol durch das Saarland erspähen.

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