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Saar-Maikundgebung für gerechtes Europa und Erhalt der Industrie-Jobs

6500 Teilnehmer : Maikundgebung kämpft um Industrie-Jobs

Mehr Geld für Bildung, ein sozial gerechtes Europa und einen „Zukunftspakt Auto und Stahl“ forderten die 6500 Teilnehmer in Saarbrücken.

Manche sind schon ewig dabei. Unter den Teilnehmern der Maikundgebung wird Reinhard Klimmt (76) gesichtet. „Ich nehme zum 60. Mal hier teil. Mir sind die Ziele der Arbeiterbewegung weiter wichtig“, betonte Klimmt. „Der Einsatz für Frieden und Völkerverständigung ist heute genauso dringend wie früher. Gerade jetzt wieder vor der Europawahl und den weltweiten Handelsproblemen“, sagt der ehemalige saarländische Ministerpräsident. Und fordert zugleich, dass das Saarland mehr Geld für Bildung und Infrastruktur in die Hand nimmt.

Der gegenwärtige „Landesvater“ Tobias Hans nimmt das Argument sogleich auf. Er sagt unserer Zeitung während des Demonstrationszuges vom Staatstheater zum Schloss, er wolle verhindern, dass die junge Generation aus dem Saarland abwandert. Deshalb brauche sie ein attraktives Lebensumfeld. Dabei solle auch der Saarland-Pakt helfen, um damit Kommunen zu entlasten, damit diese zum Beispiel Schwimmbäder erhalten und Ortskerne wieder attraktiver gestalten können.

Bildungsminister Ulrich Commerçon, der ebenfalls mit der Kundgebung mit marschiert, betont gar, er wolle spätestens in der kommenden Legislaturperiode erreichen, dass die Teilnahme an Bildung generell kostenfrei wird. „Bildung ist ein Menschenrecht“, begründet der Minister seine Motivation.

Auffallend viele der nach DGB-Angaben 6500 Teilnehmer sind mit der Familie und dem Nachwuchs gekommen. Immer wieder wird gerade die Forderung nach besseren Bildungsmöglichkeiten geäußert. So auch von Ralf Haas (48) aus Überherrn, der seine Tochter Ella (2) mitgebracht hat. „Ich möchte, dass die jungen Menschen noch bessere Bildungschancen bekommen. Sie müssen sich auch in einer digitalen Arbeitswelt zurechtfinden können“, so Haas. „Man muss jetzt auch darüber reden, was künftig der Staat finanziert und was man dem Wettbewerb überlässt.“ Marc Spengler (42) aus Völklingen ist mit seinem Sohn Jacob (6) erschienen. Auch er zeigt sich besorgt über den Wandel der Arbeitsbedingungen in einer fortschreitenden Digitalisierung. „Wird künftig noch genug Arbeit für alle da sein, auch später für meinen Sohn?“, fragt Spengler.

Ein Thema, das auch die Hauptrednerin der Kundgebung, die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Elke Hannack, umtreibt. Viele junge Menschen seien schon heute den wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen. „Mehr als zwei Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren haben keinen Berufsabschluss. Das sind 14,2 Prozent dieser Altersgruppe. Was soll denn deren Perspektive sein?“, fragt die Gewerkschafterin. Sie fordert als Abhilfe mehr ausbildungsbegleitende Hilfen. Auch die Unternehmen selbst müssten ihre Auszubildenden noch stärker betreuen, wenn diese erkennbare Schwächen haben. Es müsse nicht sein, dass so viele Jugendlichen frühzeitig ihre Ausbildung abbrechen und aufgeben. Auch die Entlohnung müsse stimmen, damit junge Menschen besser planen und auch die Gründung einer Familie anstreben können. Hannack forderte deshalb Bundesbildungsministerin Anja Karlicek auf, endlich eine Mindestausbildungsvergütung umzusetzen.

Hauptrednerin: Elke Hannack, DGB-Vize-Bundesvorsitzende. Foto: Oliver Dietze

Die Saar-Maikundgebung trat vor allem für zwei Ziele ein: ein sozial gerechtes Europa mit Chancen für möglichst viele Menschen sowie der Erhalt der Industriearbeitsplätze. Neben dem Konzernbetriebsratsvorsitzenden von Saarstahl, Stefan Ahr, und dem Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Marc Baumeister, trat auch der Betriebstratschef von Ford Saarlouis, Markus Thal, für diese Ziele ein. Er mahnte, dass es für Ford Saarlouis „für die Zeit ab 2025 überhaupt keine Produktionszusagen in irgendeine Richtung gibt“. Die Politik habe keinen Plan B. „Was tun, wenn uns Ford USA die rote Karte zeigt? Wo sind Ersatzarbeitsplätze?“, fragte Thal. Er forderte einen „Automobil- und Stahlpakt Saar“. Mitwirken sollen Politik, Wirtschaft, Unternehmen, Zulieferer, Verbände, Gewerkschaften und weitere. Ziel sei ein Zukunftskonzept, das auch die Entwicklung neuer Technologien fördert: von der Brennstoffzelle bis zur Elektromobilität.