Saar-Kongress von Arbeitskammer und IG-Metall sieht Industriebetriebe in Gefahr

Zahlreiche Saar-Industriebetriebe langfristig gefährdet? : Saar-Industrie vor dramatischem Wandel

Arbeitskammer und IG Metall sehen das Land nicht genug vorbereitet auf Herausforderungen bei Auto- und Stahlproduzenten.

Das Saarland steht vor weiteren dramatischen Veränderungen in der Industrie, die Arbeitsplätze in zahlreichen Betrieben längerfristig bedrohen. Das wurde gestern auf einem gemeinsamen Kongress der Arbeitskammer und der IG-Metall zur Zukunft des saarländischen Industriestandortes deutlich. Auf diese Veränderungen sei das Land nicht genug vorbereitet, kritisierte Jörg Caspar als Vorstandsvorsitzender der Arbeitskammer. Er forderte die Landesregierung auf, deutlich stärker in den deutschen Konzernzentralen um Forschungs- und Entwicklungsaufträge zu kämpfen. Regionale Vorstände und Geschäftsführer hätten bei solchen Strategie-Entscheidungen wenig zu melden.

Auch die finanziellen Mittel des Bundes und der EU reichten nicht, um die Saar-Industrie zu stabilisieren. Caspar schlägt deshalb als zusätzliche Unterstützung einen neu aufzulegenden „Industrie-Beteiligungsfonds“ vor, der aus öffentlichen Mitteln gespeist wird. Daran sollen sich auch der Bund und das Land beteiligen. So könne man neue Geschäftsmodelle für existenzbedrohte Unternehmen mit anschieben und die Umqualifizierung von Mitarbeitern fördern. In diesen Fonds könnten auch Gewerkschaften sowie interessierte Betriebe einzahlen und so zum Anteilseigner werden.

Nach Ausführungen der zweiten Vorsitzenden der IG Metall, Christiane Benner, gehen alleine durch die Einführung neuer Antriebstechniken in den Fahrzeugen bundesweit 150 000 Arbeitsplätze verloren, bis zum Jahr 2025 weitere 1,5 Millionen Jobs bis durch technologische Veränderungen in Folge der Digitalisierung. Die IG Metall mache sich deshalb für ein „Transformations-Kurzarbeitergeld“ stark, das vor allem dazu dienen soll, Belegschaften auf neue Technologien vorzubereiten statt Personal zu entlassen.

Sven Kischewski, Geschäftsführer der Info-Institut Beratungs-GmbH, zeigte auf, welche dramatischen Herausforderungen als nächstes auf die Saar-Industrie zukommen. „ZF steht nur auf einem Bein. Was tun, wenn sich die Hybridtechnologie nur als ein Übergang erweist? ZF benötigt über 2022 hinaus dringend ein weiteres Standbein.“ Eberspächer in Neunkirchen müsse mehr neue Produkte an Land ziehen, die zum Verbrennungsmotor passen. Auch solche, die für die Lkw-Fertigung geeignet sind, da die Lkw-Fertigung auf der Basis von Verbrennungsmotoren noch länger Bestand habe. Eberspächer-Betriebsrat Jörg Höllinger hielt dem entgegen, er habe den Eindruck, Eberspächer wolle sich aus Deutschland verabschieden. Die Guss-Werke in Saarbrücken, so Kischewski, müssten sich mehr auf große Gussblöcke konzentrieren und neue Kunden suchen. Der Ford-Konzern sei dabei, sein Produktportfolio radikal zu ändern. „Ford Saarlouis ist stark gefährdet“, stellt Kischewski fest.

Schaeffler in Homburg streiche im Bereich Automotive Produkte und tendiere verstärkt zur Fertigung im Ausland. Die Vorfertigung von Bauteilen für Brennstoffzellen bei Bosch in Homburg reiche nicht, um den Standort zu sichern. Daraus müsse eine Serienfertigung hervorgehen. Die europäische und Saar-Stahlindustrie seien zum Sterben verurteilt, wenn es politisch nicht gelingt, das Problem der Klimaabgaben zu lösen.

Stefan Ahr als Saarstahl-Konzernbetriebsrat und Michael Fischer als SHS-Konzernbetriebsratsvorsitzender verwiesen darauf, dass die Saar-Standorte Zeit und viel Geld benötigen, um alternative Produktionsmethoden wie etwa die C02-freie Stahlherstellung auf den Weg zu bringen. IG Metall und Arbeitskammer forderte zudem, Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter mehr in betriebliche Veränderungen einzubeziehen.

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