Saar-Handwerk wirbt mit neuester Technik und Maschinen um Jugendliche.

Kostenpflichtiger Inhalt: Nachwuchssuche : Handwerkskammer-Chef fordert verbindliche Berufspraktika für alle saarländischen Schüler ab 14

Alle sollen möglichst früh einen Eindruck bekommen, was sie im Job erwartet.

Das neue Bildungszentrum der saarländischen Handwerkskammer (HWK) soll 2023 fertiggestellt sein. Deren gerade für fünf Jahre wiedergewählter Präsident Bernd Wegner, wirbt bei jungen Menschen darum, sich für das Handwerk zu entscheiden. Die Arbeitsplätze seien langfristig sicher. Auch könne man sich selbstständig machen. 2000 Betriebe an der Saar suchten in den nächsten Jahren einen Nachfolger.

Muss man schon in der Schule damit beginnen, Werte und Bedeutung des Unternehmertums zu vermitteln?

Bernd Wegner, Präsident der Saar-handwerkskammer. Foto: Peter Kerkrath

WEGNER Ich persönlich fordere, dass wir im Saarland in allen Schulformen verbindliche Praktika für Schülerinnen und Schüler einführen. Das schützt auch vor späteren Enttäuschungen. Es kann nicht sein, dass es Berufsausbildungen und Studiengänge mit 30 Prozent Abbrecherquote gibt. Aus meiner Sicht liegt das daran, dass es uns zu selten gelingt, jungen Menschen zu vermitteln, wie das Wirtschaftsleben in der Praxis funktioniert. Wir müssen ihnen früher die Chance geben, die Faszination des Handwerks zu erleben. Meine persönliche Meinung ist, dass wir schon in jungen Jahren, etwa ab 14 Jahren, Berufspraktika verpflichtend machen – nicht nur im Handwerk.

Die Vollversammlung der Handwerkskammer hat Sie für weitere fünf Jahre als Präsident an die Spitze gewählt. Was sehen Sie als die größten Herausforderungen an?

WEGNER Die größten Herausforderungen sind die Digitalisierung und Fachkräftesicherung. Wir brauchen für die Digitalisierung in den Saar-Betrieben leistungsfähige Internetverbindungen. Die Betriebe müssen mit ihren Kunden und Lieferanten so professionell kommunizieren können, dass auch riesige Datenmengen, Projektentwürfe und viele Details großer Projekte rasch und von jedem Ort aus störungsfrei übermittelt werden können. Das trägt auch dazu bei, den ländlichen Raum wieder attraktiver für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben zu machen. Die Infrastruktur für die Betriebe muss stimmen. Die zweite große Herausforderung ist die Fertigstellung unseres neuen Bildungszentrums. Das Handwerk braucht dringend Fachkräfte, die wir auch selbst ausbilden müssen. Gerade für die Metall- und Elektroberufe, aber auch für die anderen Gewerke wie Augenoptik- oder Friseurhandwerk brauchen wir dafür hoch moderne .Werkstätten. Unsere Räumlichkeiten stoßen an Grenzen.

Wie sieht der Zeitplan für das neue Bildungszentrum aus?

WEGNER Der Architektenwettbewerb für unser neues Gebäude in Saarbrücken in der Hohenzollernstraße gegenüber unserer Kammer ist europaweit ausgeschrieben. Auch saarländische Architekten sind eingeladen, sich zu beteiligen. Der Baubeginn ist für Anfang 2021 vorgesehen. Wenn alles gut läuft, steht das neue Gebäude für unsere Werkstätten 2023. Wir hoffen, bis 2024 weitere Baumaßnahmen fertiggestellt zu haben, in denen die Kantine, Seminarräume und anderes untergebracht werden Der Bund engagiert sich im Rahmen der sogenannten „GRW-Sonderförderung“. Statt der üblichen 45 Prozent erlaubt diese Förderung einen Bundesanteil von bis zu 60 Prozent. So konnte das Land seinen Förderanteil auf zehn Prozent begrenzen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass die Bedingungen dieser Förderung 2020 enden. Deshalb stehen wir und alle Beteiligten – auch das Land als weiterer Förderer - unter Zeitdruck. Die Baukosten schätzen wir auf 30 bis 40 Millionen Euro. Nach der Entwurfsplanung haben wir hier Klarheit.

Wie viel investiert die Handwerkskammer überhaupt jährlich zur Förderung des Saar-Handwerks?

WEGNER Streng genommen dient unser ganzer Haushalt der Förderung des Saar-Handwerks. Aber um ein Beispiel aus der Bildung zu nennen: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren mit Hilfe von Förderprogrammen des Bundes und des Landes 4,5 Millionen Euro in neueste Technologien in unsere Werkstätten oder Mobiliar investiert. Unsere Ausbildungstätte ist inhaltlich und von der Ausstattung auf dem neuesten Stand. Mit unseren Baumaßnahmen bekommen wir die neueste und modernste Handwerkskammer-Bildungsstätte.

Wie bedeutend ist derzeit das Handwerk für das Saarland und die Entwicklung der regionalen Wirtschaft?

WEGNER Das Saar-Handwerk beschäftigt 68 000 Mitarbeiter in insgesamt 12  000 Unternehmen. Wir sind einer der wichtigsten Grundpfeiler der Saar-Wirtschaft und bieten sichere Arbeitsplätze. Gleichzeitig sind wir der Sozialen Marktwirtschaft verpflichtet. Unsere Unternehmen zahlen hier ihre Steuern, bilden aus und bieten sichere Arbeitsplätze.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Vorteil des Handwerks?

WEGNER Man kann sich selbst verwirklichen und direkt sehen, an was man mitwirkt. Ich bin sicher, dass sich für jedes Talent und jede Neigung in einem der 130 Handwerksberufe das Passende findet. Alle, die sich für einen Beruf im Handwerk entscheiden, haben auch langfristig einen sicheren Arbeitsplatz. Für engagierte Menschen bieten sich große Chancen, unternehmerisch Verantwortung zu übernehmen. So stehen im Saarland ja auch aus Altersgründen der Inhaber in den kommenden fünf Jahren 2000 Handwerksunternehmen zur Übernahme an. Die meisten mit einem etablierten Kundenstamm und erfahrenen Mitarbeitern.

Der Personalmangel im Handwerk führt auch dazu, dass man immer länger auf einen Handwerker warten muss. Wie sieht es derzeit aus?

WEGNER Der Fachkräftemangel und die gute Auftragslage führen zu Wartezeiten. Die Auftragsreichweite und Betriebsauslastung der Handwerksbetriebe bewegen sich auf einem hohen Niveau. Das hat unsere Konjunkturumfrage im Frühjahr gezeigt. Die Wartezeiten der Kunden werden noch länger werden, wenn es uns nicht gelingt, den Fachkräftemangel zu beseitigen. Deshalb spricht sich das Saar-Handwerk auch für qualifizierte Zuwanderung junger Menschen aus. 2018 haben wir 305 Ausbildungsverträge mit Menschen mit Migrationshintergrund abgeschlossen.

Ist die Saarländische Meister- und Technikerschule auch für die kommenden Jahre gesichert? Zeitweise stand sogar ihre Schließung im Raum, weil das Land sie nicht mehr finanziell unterstützen wollte.

WEGNER Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD gibt es eine schriftlich dargelegte Garantie, die Förderung der Meisterschule in ihrer bisherigen Form bis zum Ende der Legislaturperiode weiterzuführen. Wir verhandeln mit dem Land darüber, die Meisterschule auch längerfristig finanziell abzusichern. Das Defizit, das über die Meister- und Technikerschule entsteht, beträgt zwischen 800 000 und einer Million Euro jährlich. Das schlägt voll auf unseren Kammerhaushalt durch. Eine solche Situation kann auf Dauer nicht Bestand haben. Es geht auch um die Gleichstellung der beruflichen mit der akademischen Bildung. Anders als beim Hochschulstudium zahlen Meisterschüler für ihre Ausbildung. Wir erwarten, dass vom Jahrzehnt der Investitionen, das das Land ausgerufen hat, auch die berufliche Bildung und damit Institutionen wie die Meisterschule profitieren. Wir wollen im Saarland eine Ausbildung auf höchstmöglichem Niveau anbieten. Das stärkt auch die Attraktivität als Wirtschaftsstandort insgesamt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
THOMAS SPONTICCIA

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