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Martin Schlechter von ME Saar hofft auf Tarifabschluss ohne Streik

Kostenpflichtiger Inhalt: Ungewöhnliche Tarifgespräche : Metall-Tarifrunde im Saarland ohne Streik?

Zwischen der Gewerkschaft IG Metall und dem Arbeitgeberverband ME Saar hat es erste Sondierungsgespräche gegeben.

Die Tarifrunde in der deutschen Metall- und Elektroindustrie läuft anders an als normalerweise. In vielen Regionen haben erste Sondierungsgespräche stattgefunden – lange vor Ende der Friedenspflicht am 28. April, nach der Streiks möglich sind. Auch im Saarland gab es solche Sondierungen vor den eigentlichen Tarifverhandlungen. „Im Moment ist unser Eindruck, dass die Gespräche in guter und konstruktiver Atmosphäre laufen“, sagte Martin Schlechter, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar). Auf beiden Seiten sei der Wille zu erkennen, vom typischen Weg zu einem Tarifabschluss für die rund 40 000 Beschäftigten der Branche im Saarland abzuweichen und „vielleicht schon vor Ende der Friedenspflicht eine Lösung präsentieren zu können, die Warnstreiks vermeiden hilft“, sagte Schlechter.

Hintergrund ist die angespannte Lage der Branche – bundesweit und im Saarland. In Deutschland ging 2019 die Produktion laut Statistischem Bundesamt um 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, in der Autoindustrie sogar um 11,6 Prozent. Angesichts internationaler Handelskonflikte und dem ­Brexit sieht Schlechter „die Industrie gerade im Saarland in einer konjunkturell schwierigen Situation“. Hinzu kämen strukturelle Probleme. Die Saar-Industrie hängt laut Schlechter stark von der Autobranche ab, und viele Betriebe stellen Teile für Autos mit Verbrennungsmotoren her, deren Zukunft ungewiss ist.

In den jüngsten Tarifrunden ging es allerdings nie ohne Warnstreiks ab, und zum Auftakt formulierte die Gewerkschaft IG Metall immer in Prozenten gefasste Forderungen nach einer Lohnerhöhung. Die Gewerkschaft verzichtet diesmal darauf und bietet ein „Moratorium für einen fairen Wandel“ an, also eine Art Stillhalte-Abkommen bei den Entgelten. Im Mittelpunkt steht stattdessen ein „Paket für betriebliche Zukunftstarifverträge“ mit dem Ziel, Standorte und Beschäftigung zu sichern und Mitarbeiter bei der Qualifizierung für neue Aufgaben zu unterstützen, angesichts der Umbrüche, die in der Metall- und Elektroindustrie auf sie zukommen.

Doch eine Nullrunde will die IG Metall trotzdem keinesfalls. Sie spricht sich „für eine Stärkung der Kaufkraft aus“, wie es in einer Resolution der Tarifkommissionen für den Gewerkschaftsbezirk Mitte heißt, zu dem auch das Saarland gehört. Das würde ein Lohnplus über der Inflationsrate bedeuten. Und sollten bis Anfang April keine „belastbaren Ergebnisse“ für solch ein Zukunftspaket vorliegen, stehen Forderungen nach höherem Entgelt im Raum, die einem „Gesamtverteilungsvolumen von vier bis fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten“ entsprechen, schreibt die Gewerkschaft in der Resolution.

Diese Position ist weit von den Vorstellungen des ME Saar entfernt. Denn den Arbeitgebern „ist wichtig, dass wir Planungssicherheit für die Unternehmen hinkriegen. Wir brauchen eine lange Laufzeit des Tarifvertrags und eine möglichst geringe Entgelterhöhung“, sagte Schlechter. Schließlich „stecken die Unternehmen in einer Rezession und stehen vor der Frage, wo die Investitionen von morgen getätigt werden“. Entscheidend sei es, Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Das sei auch eine Frage der Kosten. In der Tarifrunde geht es aus Schlechters Sicht darum, „Instrumente“ zu finden, die den Wandel der Industrie begleiten, idealerweise so, dass die Branche gestärkt daraus hervorgeht. Für die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit gebe es aber kein auf alle Unternehmen anwendbares Muster, vielmehr sei für jeden Betrieb eine individuelle Lösung zu finden, sagte Schlechter. Die große Herausforderung sei es nun, dies in einen Tarifvertrag zu fassen.

Martin Schlechter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes. Foto: Oliver Dietze

Die IG Metall will zwar auch Regelungen, die auf einzelne Betriebe abgestimmt sind, dabei will sie aber laut Resolution entscheidend bei Investitionen, Standortfragen, Beschäftigungssicherung und Qualifizierung von Mitarbeitern mitreden. Auch sollen Unternehmen, deren Fertigung zu wenig ausgelastet sind, zum Beispiel Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich reduzieren und die Altersteilzeit ausweiten. Und Gewerkschaftsmitglieder sollen einen Bonus erhalten. Davon hält Schlechter offenkundig nichts. Die Unternehmen hätten kein Interesse, Gewerkschaftsmitglieder anders als die übrigen Mitarbeiter zu behandeln. Mit dieser Auffassung „gehen wir in die Tarifrunde rein, dass wir keine Spaltung der Belegschaft wollen“, sagte der ME-Saar-Geschäftsführer.