1. Saarland
  2. Saar-Wirtschaft

Marsch der Belegschaft der Dillinger Hütte zur Betriebsversammlung

Kostenpflichtiger Inhalt: Belegschaft der Hütte zieht durch Dillingen : „Stirbt der Stahl, dann stirbt die Stadt“

Die Hoffnungen auf klare Ansagen über ihre Zukunft seien auf der Betriebsversammlung der Dillinger Hütte am Montag enttäuscht worden, sagen die Mitarbeiter. Der Konzern sieht das allerdings anders.

Mit grimmiger Entschlossenheit machte sich die Belegschaft der Dillinger Hütte am Montag auf den Weg zur außerordentlichen Betriebsversammlung, von der sie sich Antworten erhoffte. Antworten darauf, wie es weitergehen soll mit ihren Jobs, ihrer Zukunft und der Hütte insgesamt. Nicht mit Pfeifkonzerten, Rasseln und lauten Parolen, sondern schweigend zogen sie zu Hunderten zum Dillinger Lokschuppen. Das sei ein bewusster Schritt gewesen, sagte Ralf Cavelius, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. „Genau das ist die Stimmung, die in der Dillinger Hütte, aber auch bei Saarstahl und ihren Tochtergesellschaften umgeht“, so der Gewerkschafter. „Die Beschäftigten haben Angst. Sie haben Angst, dass ihnen ihr Arbeitsplatz, dass ihnen ihre Existenzgrundlage entzogen wird.“

Es gehe schließlich um 2500 Arbeitsplätze, sagte Frank Pastwa im Vorfeld der Betriebsversammlung. Er arbeitet seit 31 Jahren bei Dillinger – in dritter Generation, wie er sagt. „Mein Sohn ist jetzt die vierte.“ Pastwa zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Sparmaßnahmen, vor allem an der Ankündigung der SHS Stahlholding, Konzernmutter von Dillinger und Saarstahl, 1000 Stellen an externe Unternehmen auszulagern. „Diese Fremdfirmen werden auch geringere Löhne auszahlen“, fürchtet Pastwa. „Das, wofür die Gewerkschaften jahrzehntelang gekämpft haben, wird eine kleine Firma nicht bieten können.“ Informationen darüber, wo und welche Stellen ausgelagert werden sollen, würden vonseiten des Vorstands bewusst nicht preisgegeben, vermutet Pastwa. „Nur um uns dann von einem auf den anderen Tag vor vollendete Tatsachen zu stellen.“

Das sieht Dardan Terstena ähnlich. „Wir wollen jetzt ganz klar wissen, wie es weitergeht“, forderte er vor der Versammlung. Die Unsicherheit in der Belegschaft sei groß. „Erst wenn wir wissen, wohin der Weg führt, können wir auch entsprechend reagieren“, sagte der 23-Jährige. „Es ist an der Zeit, dass da was kommt.“

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen glaubt Terstena an ein Fortbestehen der Hütte. „Wir sind die Jugend und wir machen uns natürlich Gedanken darüber, wie unsere Zukunft aussieht. Aber die Dillinger Hütte und Saarstahl gibt es schon seit über 300 Jahren“, sagte er. „Wir werden geschlossen dafür kämpfen, dass sie weitere 300 Jahre bestehen bleibt.“ Um dieses Ziel zu erreichen, sei auch die Politik gefordert. „Es muss sich etwas ändern, nicht nur vonseiten des Unternehmens, sondern auch von der Bundesregierung und der EU“, forderte Terstana. Panikmache sei allerdings der falsche Weg. „Wir sind hier noch beschäftigt, und wir wollen hier beschäftigt bleiben.“

Stahlarbeiter der Dillinger Hütte protestieren gegen Sparpläne

Neben der Dillinger Belegschaft beteiligten sich Beschäftigte von Saarstahl und anderer Betriebe am Zug durch die Stadt. Auch vorbeilaufende Passanten schlossen sich an, um ihre Solidarität zu bekunden. Denn für Dillingen steht mehr auf dem Spiel als nur die Hütte. Als der Zug vor dem  Rathaus vorbeizog, hob Cavelius die Bedeutung des Werkes für die Stadt hervor: „Wenn die Stahlindustrie nicht mehr wäre, dann wäre auch der ohnehin hoch defizitäre Stadthaushalt gefährdet“, sagte Cavelius. „Stirbt der Stahl, dann stirbt die Stadt.“

Von der Betriebsversammlung am Montag erwartete der Gewerkschafter im Vorfeld dennoch wenig. „Im Kern werden sie dasselbe sagen wie am Freitag in Völklingen.“ Dort hatte die SHS bereits die Saarstahl-Belegschaft zur Betriebsversammlung geladen. Wenig Konkretes vom geplanten Stellenabbau sei dort thematisiert worden, berichtete Stefan Ahr, Betriebsratsvorsitzender bei Saarstahl.

Das sei am Montag nicht anders gewesen, hieß es im Anschluss an die Versammlung aus der Belegschaft. „Es wurden dieselben Folien vorgelegt wie am Freitag“, sagte ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will. Lediglich einzelne Bereiche, in denen Stellen gestrichen oder ausgelagert werden sollen, seien benannt worden. Zu anderen habe es nur Andeutungen gegeben. „Es wurden allerdings wieder keine Kennzahlen genannt“, klagte Michael Fischer, Betriebsratsvorsitzender der Dillinger Hütte. „Somit können wir als Betriebsrat auch nicht abschätzen, inwiefern durch die Maßnahmen tatsächlich Geld eingespart werden kann.“ In dieser Frage sei der Betriebsrat skeptisch. „Die Strategie des Vorstandes erschließt sich uns nicht“, sagte Fischer. „Als wir mit dem Vorstand vereinbart hatten, Kosten beim Personal zu sparen, hatten wir kein Köpferasierprogramm im Sinn.“ Die Stimmung in der Belegschaft sei nach der Versammlung noch schlechter geworden. „Die Kollegen sind tief enttäuscht und ziemlich geladen“, fasste Fischer zusammen.

„Es wurden sehr wohl Maßnahmen verkündet“, sagte dagegen eine SHS-Konzernsprecherin. Bei den Sachkosten seien etwa konkrete Zahlen genannt worden. „Was die geplanten Einsparungen bei den Personalkosten angeht, gehen wir jetzt mit dem Betriebsrat in Gespräche“, erklärte die Sprecherin. „Das ist schon aufgrund unserer Betriebsvereinbarungen gar nicht anders möglich.“ Sie betonte, dass es sich bei den Sparplänen um einen „fortlaufenden Prozess“ handele. Was jetzt verkündet worden sei, sei lediglich ein „Zwischenstand“. Daher sei auch nicht „jede einzelne Stelle“, die wegfallen soll, angesprochen worden. „Aber unsere Ziele sind unsere Ziele, daran werden wir festhalten“, so die Sprecherin. Betriebsbedingte Kündigungen seien weiterhin ausgeschlossen. Man versuche stattdessen, den Jobabbau über Freiwilligenprogramme, Transfergesellschaften und Angebote zur Altersteilzeit zu bewerkstelligen. „Allein an der Altersteilzeit haben bereits über 1000 Mitarbeiter Interesse gezeigt“, sagte die Sprecherin. Weitere Details sollen im März bekanntgegeben werden.

Den Protestzug führten Mitarbeiter an, die einen Sarg schoben – als Symbol für das drohende Ende der saarländischen Stahlindustrie. Foto: Oliver Dietze

Die SHS hatte im September vergangenen Jahres angekündigt, bis 2022 bei Dillinger und Saarstahl insgesamt 1500 Stellen zu streichen und weitere 1000 auszulagern. SHS peilt Einsparungen von insgesamt 250 Millionen Euro an, die Personalkosten sollen um 100 Millionen Euro gesenkt werden. In der Betriebsversammlung sei nun verkündet worden, dass in einem ersten Schritt 790 Stellen abgebaut und weitere 1092 ausgelagert werden sollen, hieß es aus der Belegschaft. Diese Zahl wollte der Konzern zunächst nicht kommentieren.