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Mark Baumeister von der Gewerkschaft NGG Saarland kritisiert die Corona-Beschlüsse

Folgen des Lockdown : „Das ist eine Katastrophe“ für die Beschäftigten in der Saar-Gastronomie

Wieder muss die Gastronomie in den Lockdown. Die Beschäftigten sind fassungslos. Die Politik müsse helfen, sagt die Gewerkschaft NGG und hat dazu Vorschläge.

So aktuell und brisant war wohl kaum je eine Diskussionsrunde im Saarland. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten hatte am Mittwoch zu einer virtuellen Debatte über die Folgen der Corona-Auflagen für die Beschäftigten in der Gastronomie eingeladen. Und dann das: Kurz vor Beginn werden die Beschlüsse von Bund und Ländern bekannt: Gastronomiebetriebe müssen fast im gesamten November geschlossen bleiben. Das ist eine der Maßnahmen, die helfen sollen, die zweite Welle der Corona-Infektionen zu brechen.

Die Schließung von Restaurants und Gaststätten „ist aus Sicht der Beschäftigten eine absolute Katastrophe“, sagt ein erschütterter Mark Baumeister, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG im Saarland. Denn die Mitarbeiter würden „zum zweiten Mal in eine Situation gezwungen“, in der sie von extrem wenig Geld leben müssten. Im November werde eigentlich auch das Weihnachtsgeld von bis zu 450 Euro fällig. Das werde nun wohl nicht bezahlt. Dieser „zweite Lockdown wird massive Auswirkungen auf die Beschäftigten – und den Bestand der Branche haben“, vermutet Baumeister. Die Gewerkschaft habe nach dem ersten Lockdown eine Abwanderung von Fachkräften aus der Branche beobachtet. Die Schlussfolgerung: Diese Entwicklung könnte sich beschleunigen, so dass so manchen Betrieben künftig das nötige Personal fehle um weiterzumachen.

Genauso wie Baumeister wertet auch Anke Schirra die Folgen der politischen Entscheidungen: „Das ist eine Katastrophe“, sagt sie. Die Köchin und Betriebsratsvorsitzende bei Stiefel Gastro in Saarbrücken ist fassungslos: „Die Schließung der Gastronomie ist ein Unding. Das muss gekippt werden. Jetzt wird der Schwarze Peter an die Gastronomie geschoben, obwohl ja klar ist, dass die meisten Hotspots aus privaten Feiern heraus entstehen.“

Einige Stunden vor den Lockdown-Beschlüssen hatte das Oberverwaltungsgericht des Saarlandes in Saarlouis noch die Vorverlegung der Sperrstunde im Kreis Saarlouis gekippt. Ein Grund der Entscheidung: Aus Sicht des Gerichts spielten Gaststätten für die Ausbreitung von Corona eine untergeordnete Rolle.

Gewerkschafter Baumeister drängt nun auf Hilfen für die Beschäftigten in der Gastronomie: Er fordert für das Saarland ein Landesprogramm, das das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent ihres Nettolohns aufstockt. Denn angesichts der Löhne, die in der Branche gezahlt würden, könne man von dem Kurzarbeitergeld nicht leben. „Es gibt keine Kurz-Miete, die Fixkosten bleiben“, formuliert Anke Schirra die Notlage, die auf die Mitarbeiter in der Branche nun zukomme. Darüber hinaus würden gerade die älteren Kollegen jetzt um ihre Arbeitsplätze bangen, sagt sie.

Karsten Ries von der Arbeitskammer rechnet vor, wie gering das Kurzarbeitergeld ist: Der Durchschnittverdienst eines Vollzeitbeschäftigten in der saarländischen Gastronomie lag 2019 bei etwa 2280 Euro, etwas mehr als die Hälfte des Durchschnittsbruttolohns im Saarland von rund 4080 Euro. Bei einem Vollzeitbeschäftigten in der Gastronomie, alleinstehend und ohne Kinder, bleiben netto 1575 Euro. Das Kurzarbeitergeld beträgt dann 945 Euro – 630 Euro weniger. Hinzu kommt, dass 80 Prozent der Beschäftigten in der Branche in Teilzeit arbeiten. Sie bekommen entsprechend ihrer geringeren Arbeitszeit noch weniger oder, wenn sie Minijobber sind, gar nichts. 56 Prozent der Mitarbeiter in der Branche sind laut Ries Minijobber, die keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben.

Zusätzlich habe die Beschäftigten belastet, dass nicht wenige Betriebe weder die Tariflöhne noch die tariflichen Zuschläge bezahlt hätten, sagt Baumeister. Von entsprechenden Fällen könne die Rechtsberatung der Gewerkschaft berichten. Der zu gering berechnete Lohn habe aber negative Folgen bei der Berechnung des Kurzarbeitergelds. Sein Fazit: „Wir brauchen einen Rettungsschirm für die Fachkräfte und für die Minijobber.“