Krise bei Saarstahl und Dillinger Hütte im Saartalk

Stahlindustrie im Umbruch : „Wir wollen grünen Stahl an der Saar“

Stephan Ahr, Anke Rehlinger und Tim Hartmann diskutieren über Klimaschutz, Sparzwänge, Stahljobs und Hilfen aus der Politik.

Der Saartalk ist ein gemeinsames Format von SR und SZ. Diesmal stellen sich der Vorstandsvorsitzende der Dillinger Hütte und von Saarstahl, Tim Hartmann, Konzernbetriebsrat Stephan Ahr und Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) den Fragen von Norbert Klein vom Saarländischen Rundfunk und SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst. In Auszügen dokumentiert hat das Gespräch SZ-Redakteur Thomas Sponticcia.

HERBST Der Vorstand hat angekündigt: 1500 Stellen werden bei der Dillinger Hütte und Saarstahl abgebaut, weitere 1000 ausgelagert. Wie ist die Stimmung heute?

AHR Die 1500 sollen abgebaut werden. Die Stimmung in der Mannschaft ist immer noch schlecht. Das Problem ist, dass die zwei Zahlen im Raum stehen, ohne dass konkrete Maßnahmen hinterlegt oder klar definiert worden sind. Wir fischen weitgehend im Trüben. Der Vorstand hat diese Zahlen preisgegeben, ohne sie im Vorfeld mit uns und mit der Mitbestimmung besprochen zu haben. Die Belegschaft ist sehr verunsichert, weil sie nicht weiß, wie es weitergeht.

HERBST Herr Hartmann, Ihr Konzernbetriebsrat Stephan Ahr sagt, Sie hätten leichtfertig Zahlen an die Öffentlichkeit gebracht. Warum haben Sie die nicht vorher abgestimmt?

HARTMANN Wir haben einen Strategieprozess entworfen. Und dieser kommt nicht Knall auf Fall. Wir werden in diesem Jahr in beiden Hütten einen hohen Verlust einfahren. Wir haben uns im neuen Vorstandsteam genau angesehen, was wir in den Unternehmen auf strukturelle und konjunkturelle Gründe zurückführen können, beziehungsweise, wie wir im Vergleich zu Wettbewerbern dastehen. Tatsache ist: Im Vergleich zu den deutschen und europäischen Mitbewerbern haben wir Nachholbedarf an Produktivität, nicht nur auf der Seite der Arbeitnehmer, sondern auch bei den allgemeinen Kosten. Eine weitere Herausforderung ist die Frage, wie wir uns darauf vorbereiten, künftig mit anderen Produktionsmethoden C02-freien Stahl zu produzieren. Wir nennen das grünen Stahl. Wir haben die Ankündigung unserer Pläne gegenüber den Arbeitnehmern möglichst früh gemacht, weil wir gesehen haben, welche Dimension vor uns liegt, und um Gerüchten im Unternehmen vorzubeugen. Wir laden ja auch die Arbeitnehmervertreter dazu ein, die Maßnahmen mit uns auszuarbeiten und sich mit Vorschlägen zu beteiligen. Wir haben große Teams gebildet, die jetzt überlegen, wie wir die Maßnahmen in die Tat umsetzen.

KLEIN Sind das erst einmal Foltermaßnahmen, die Sie den Gewerkschaften präsentiert haben?

HARTMANN Nein, überhaupt nicht. Wir haben sie in Gänze dem Aufsichtsrat vorgestellt. Der hat auch die Notwendigkeit unterstrichen, dass wir jetzt zwingend handeln müssen, um unser Ziel zu erreichen, die Eigenständigkeit der saarländischen Stahlindustrie auch in Zukunft gewährleisten zu können in einem hart umkämpften internationalen Wettbewerbs-Umfeld. Als Erstes müssen wir unsere eigenen Hausaufgaben machen. Die Dimension geht ja weit über das Thema Personal hinaus. Wir wollen 150 Millionen Euro im Vertrieb holen über neue Produkte und Service-Angebote. 150 Millionen Euro wollen wir holen über die Senkung von Materialkosten und 100 Millionen Euro über Personalkosten. Wir wollen mit den Arbeitnehmervertretern eine Vereinbarung schließen, wie wir das nach saarländischer Tradition sozialverträglich umsetzen können. An der Dimension selbst können wir aber nicht rütteln.

HERBST Herr Ahr, Sie sind Konzernbetriebsrat, Sie sitzen aber auch im Aufsichtsrat und sagen, die genannte Zahl 1500 könne nicht das letzte Wort sein. Was sind denn Ihre Alternativen? Wie kann man sonst zu dem Einsparvolumen kommen?

AHR Die Krise ist zu lösen mit bekannten Mitteln, die wir schon in der Vergangenheit immer angewendet haben. Wir haben ja nicht zum ersten Mal eine Krise, aber immer unsere Belegschaft an Bord gehalten. Das hat uns ausgemacht gegenüber allen anderen. Wir haben durchaus Möglichkeiten, etwa Arbeitszeiten abzusenken mit einem gewissen Lohnverzicht. Wir sichern damit Beschäftigung. Und wir sind bereit, gemeinsam mit dem Vorstand Lösungen auszuarbeiten, die Sparen ermöglichen und zugleich Arbeitsplätze sichern.

KLEIN Die Belegschaft hat Existenzängste und macht zum Teil auch die Politik mit verantwortlich. Verstehen Sie das?

REHLINGER Natürlich kann ich verstehen, wenn jemand davon bedroht ist, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und damit ein Stück seiner Existenz. Man muss aber zwischen nationaler Politik, EU-Politik und dem unterscheiden, was gerade konjunkturell weltweit passiert. Wenn die Politik sagt, wir müssen Ökologie und Ökonomie zusammenbringen, dann haben wir im Saarland jetzt einen konkreten Anwendungsfall. Ich erwarte, dass von Berlin und Brüssel gehandelt wird.

KLEIN Herr Ahr, von wem erwarten Sie Unterstützung?

AHR Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat den Ausdruck geprägt, die Stahlindustrie sei systemrelevant. Wenn das so ist, ähnlich wie Banken das sind, dann erwarten wir die finanzielle Unterstützung aus Berlin, um künftig mit alternativen Produktionsmethoden grünen Stahl herstellen zu können. Da muss erst einmal massiv in die Infrastruktur investiert werden. Auch Brüssel muss hier helfen.

HERBST Ist die Stahlindustrie systemrelevant?

REHLINGER Absolut. Elektrofahrzeuge, Brücken, Windkraftanlagen, alles, was wir brauchen, um Klimaschutz zu betreiben, entsteht aus Stahl. Wir müssen Klimaschutz betreiben und C02 reduzieren, denn es gibt keinen Planeten B. Dies darf aber nicht den Preis haben, die Industrie abzuschaffen.

KLEIN Wer soll die Milliardeninvestitionen stemmen, um grünen Stahl herstellen zu können?

HARTMANN In dem vorgegebenen Zeitraum, den die Politik im Auge hat, werden wir das nicht alleine aus Einnahmen finanzieren können. Wir brauchen eine Anschubfinanzierung mit Fördermitteln, auch, um die Technik in den nächsten Jahren einsetzen zu können. Wir wollen grünen Stahl an der Saar produzieren. Wir wollen, dass die modernste Stahlindustrie hier an der Saar steht. Das ist eine Chance für Deutschland. Dafür brauchen wir in den nächsten Jahren Unterstützung.

HERBST Herr Hartmann sagt, im Saarland benötige man für die Umsetzung 2,5 Milliarden Euro, in Deutschland 30 Milliarden Euro. Ist das realistisch, um diesen Prozess mit Bundesmitteln zu begleiten?

REHLINGER Wir müssen unterscheiden in Investitionen für die Technologien und die Frage, was danach gebraucht wird, um das Risiko aufzufangen, dass der Produktionsprozess nicht gleich kostendeckend und marktkonform ist. Das muss nicht alles aus dem Bundeshaushalt finanziert werden. Dafür gibt es auch europäische Töpfe. Wir müssen vor allem mit der Illusion aufhören, dass der Klimaschutz zum Nulltarif zu haben sein wird. Das Ziel dürfen nicht Tausende Menschen mit ihrem Arbeitsplatz bezahlen.

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