Insolvenz der STK Stanztechnik in Wellesweiler Fall für die Gerichte

Kostenpflichtiger Inhalt: 50 Arbeitsplätze sind weg : Der tiefe Fall eines Neunkircher Unternehmens

Die STK Stanztechnik in Wellesweiler meldete vor fast zwei Jahren Insolvenz an. Es kam ein Investor, der nicht zahlte. Bis heute beschäftigt der Fall die saarländische Justiz.

Dem ehemaligen Geschäftsführer der mittlerweile aufgelösten STK Stanztechnik, Marcel Kasterka, steht die Frustration ins Gesicht geschrieben. „Da blutet einem wirklich das Herz“, sagt der Firmengründer, der STK im Jahr 1986 ins Leben gerufen hat. Während des Gesprächs werden die Maschinen in der angrenzenden Fabrikhalle abgebaut. Nach 33-jähriger Firmengeschichte gehen die Lichter bei dem Unternehmen im Neunkircher Stadtteil Wellesweiler endgültig aus, die rund 50 Mitarbeiter haben ihren Job verloren. Kasterka berichtet von den Vorgängen, die die Firma seit der Insolvenz im Januar 2018 an diesen Punkt gebracht haben. Es sind Ereignisse, die den zuständigen Saarbrücker Insolvenzverwalter Volker Müller dazu bewogen haben, Klage gegen den Investor Martin Vandersyppe zu erheben.

Vandersyppe, Geschäftsführer der Schweizer Revan Global Holding AG, hatte sich mit Insolvenzanwalt Müller laut dessen Aussagen auf einen Kaufpreis von insgesamt 1,85 Millionen Euro geeinigt. Am 1. Oktober 2018 habe Müller den Geschäftsbetrieb auf Vandersyppes eigens gegründete Firma Revan Materials Processing (RMP) übertragen. Zu diesem Zeitpunkt hätte Vandersyppe auch die vereinbarte Summe zahlen sollen, was laut Müller allerdings nie geschehen sei. Die Dokumente, mit denen der Investor seine Liquidität nachgewiesen habe, seien vermutlich gefälscht gewesen, sagt Müller. Vandersyppe bestreitet diese Vorwürfe: Laut seiner Aussage sei vertraglich festgehalten gewesen, dass Gebäude und Maschinen der STK lastenfrei an ihn übergeben werden sollten. Da die Bank aber weiterhin ein Pfandrecht behalten habe, sei der Vertrag aus seiner Sicht unwirksam. Die von ihm vorgelegten Dokumente seien echt, sagt er.

Vandersyppe sei dann ab dem 1. Oktober direkt vor Ort gewesen, habe sogar eine Wohnung in der Nähe gemietet, berichtet Marcel Kasterka. Der Investor habe Leute eingeteilt, Personalgespräche geführt und Renovierungen im Betrieb in die Wege geleitet. „Er hat in allen Bereichen gearbeitet“, sagt Kasterka. „Keiner hat damit gerechnet, dass da etwas nicht stimmt.“

Um die Löhne der Mitarbeiter für den Oktober zu zahlen, habe Vandersyppe Kundenforderungen an Insolvenzverwalter Müller abgetreten. „Das waren rund 100 000 Euro, die die Lohnkosten nicht ganz gedeckt haben“, sagt Müller. „Den Rest mussten wir aus der Insolvenzmasse zuschießen.“ Auf seine Firma RMP umgemeldet habe Vandersyppe die Mitarbeiter allerdings nicht, sagt Marcel Kasterka. „Er hätte sie bereits zum 1. Oktober anmelden müssen, hat aber Weisung gegeben, das nicht zu tun“, bestätigt Müller.

Die Nettolöhne für den November habe Vandersyppe dann im Namen von RMP direkt an die Mitarbeiter überwiesen, sagt Kasterka. „Wir sind davon ausgegangen, dass das Insolvenzverfahren damit abgeschlossen ist.“ Erst später habe sich herausgestellt, dass Vandersyppe keine Lohnnebenkosten, also auch keine Beiträge zu Kranken- und Pflegeversicherung gezahlt habe. Da aus seiner Sicht „keine Betriebsübernahme“ stattgefunden habe, hätten die Löhne weiterhin aus der Insolvenzmasse gezahlt werden müssen, erklärt Vandersyppe dazu auf Anfrage. „Herr Müller hat für alle Sozialabgaben von mir eine Zahlung auf das Insolvenzkonto bekommen.“ Zu diesem Zweck habe er die Kunden angewiesen, offene Forderungen direkt an Müller zu zahlen.

Da der vereinbarte Kaufpreis bis Mitte Dezember noch immer nicht gezahlt worden sei, habe er den Betrieb zu diesem Zeitpunkt wieder schließen müssen, sagt Insolvenzverwalter Müller. „Vandersyppe brachte immer neue Einwände und Wünsche vor, die wir aber vollumfänglich erledigt hatten“, so Müller. „Da kam dann nur heiße Luft.“ Er habe den Kaufvertrag dann zwar für ungültig erklärt, dieser habe aber nur Gebäude und Maschinen der STK umfasst, sagt Müller. „Der Betriebsübergang geschah unabhängig von diesem Vertrag.“ Verantwortlich für Geschäftsbetrieb und Mitarbeiter habe also weiterhin Vandersyppes RMP gezeichnet.

Im Januar 2019 habe Vandersyppe den Mitarbeitern dann zugesagt, dass er STK weiterhin erwerben und fortführen wolle, sagt Marcel Kasterka. Auch bei einem Scheitern der Übernahme wollte er sie bei RMP weiter beschäftigen, was er im damaligen Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung bestätigte. Im Anschluss habe Vandersyppe im Namen von RMP neue, auf den 1. November 2018 rückdatierte Verträge an die Mitarbeiter ausgehändigt. „Die haben alle unterschrieben, aber keiner hat je einen Euro gesehen“, berichtet Kasterka.

Da sich die Mitarbeiter auf diese Verträge und Vandersyppes Wort verlassen hätten, habe sich zu diesem Zeitpunkt keiner arbeitslos gemeldet, sagt Kasterka. Das sei erst im Januar, bei manchen erst im Februar geschehen. „Denen fehlen jetzt zwei volle Monate Gehalt“, sagt Kasterka. „Ich weiß, dass bei mindestens einem Mitarbeiter gepfändet wurde.“ Hinzugekommen sei, dass die Krankenkassen die nicht gezahlten Beiträge im Nachhinein von den Mitarbeitern zurückverlangt hätten. „Das ist besonders schlimm für diejenigen, die in dieser Zeit Leistungen in Anspruch genommen haben, denn die Krankenkassen fordern auch dieses Geld ein“, berichtet Kasterka. Im Mai habe Vandersyppe den Krankenkassen gegenüber erklärt, dass er nie Leute im Saarland beschäftigt habe, sagt Kasterka.

Das ist für die Betroffenen besonders bitter, da RMP trotz allem weiterhin existiert, wenn auch laut Kasterka nur als Briefkasten. „Das einzige Kapital von RMP werden offene Forderungen gegenüber Kunden sein“, vermutet der ehemalige STK-Geschäftsführer. „Wir haben auf eine schnelle Insolvenz von RMP gehofft, da wir aus dem Insolvenzgeld zumindest Löhne und Nebenkosten hätten zahlen können.“ Schreiben von Gläubigern, Krankenkassen und Gerichten kämen zwar im RMP-Briefkasten an, würden dann aber zurückgeschickt, da der Nachsendeantrag nur für das Inland gelte, Vandersyppes Geschäftsadresse aber in der Schweiz liege.

Gegen Vandersyppe sei eine Vielzahl arbeitsgerichtlicher Verfahren anhängig, sagt Volker Müller. Er selbst gehe straf- und zivilrechtlich gegen Vandersyppe vor – unter anderem wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung. Vandersyppe bestreitet sämtliche Vorwürfe und gibt an, seinerseits Strafklage gegen Müller erstattet zu haben. Der Investor wirft dem Insolvenzverwalter unter anderem Betrug und Verleumdung vor. Auch Vandersyppe will Zivilklage einreichen. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken äußert sich laut einem Sprecher aus „ermittlungstaktischen Gründen“ derzeit nicht zu dem Fall STK.

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