Hersteller bekennen sich auf IAA zum Elektroauto

Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt : Elektroautos dominieren auf der IAA

Verbraucher sehen die Verkehrswende noch skeptisch. Doch der Wandel trifft auch das Saarland.

Es schnurrt und surrt. Zwischen den Hallen auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt rollen fast nur Elektroautos umher. Diesel fallen auf. Meist sind es ältere Transporter von Lieferanten. Auch in den Hallen sind die Stars die Elektroautos. Ob Volkswagen, Daimler, BMW, Honda, Opel – bei allen Autobauern bekommen die Elektrischen die besten Plätze auf den Bühnen.

Branchenführer Volkswagen will mit dem in Frankfurt erstmals gezeigten Mittelklasse-Elektroauto-Modell ID.3 ein Bekenntnis zum Wandel ablegen. Das vollelektrische Auto soll eine ganze Serie begründen. Um die bisher teuren Fahrzeuge „aus der Nische zu holen“, wird der ID.3 in der Grundversion unter 30 000 Euro angeboten. Ein aber immer noch stolzer Preis im Vergleich mit klassischen Verbrennern. VW-Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter sieht den Wagen aber „in einer Reihe mit dem Käfer und dem Golf“. Das Modell soll eine CO2-neutrale Klimabilanz haben. Klimaschutz sei heute „nicht Werbung oder ein Claim, sondern innere Haltung“.

Am ZF-Stand ist das neue Achtgang-Automatik-Getriebe der vierten Generation ausgestellt. Foto: Volker Meyer zu Tittingdorf

Ähnlich ambitioniert äußert sich Daimler-Chef Ola Källenius. „Unsere Aufgabe ist heute die individuelle Mobilität ohne Emissionen“, sagt er. Entsprechend sind unter den Motorhauben viele Elektroantriebe eingebaut. Vielfach neben den Verbrennern, also als Hybride. Daneben auch rein elektrisch angetriebene. Wie etwa die Luxuslimousine EQS mit 350 Kilowatt Leistung (476 PS) und fast 700 Kilometer Reichweite. Noch kein Serienauto, sondern ein Modell für die Zukunft. Basis ist aber wie beim ID von VW eine elektrische Antriebsplattform, die auch für andere Modelle eingesetzt werden soll. Und der Kleinwagen Smart wird in Hambach seit einigen Wochen nur noch als Elektroauto gefertigt.

Doch daneben stehen auch die anderen Wagen, vor allem die SUV, groß und noch größer, die trotz aller Kritik von Klimaschützern gern und zunehmend gekauften sogenannten Stadt-Geländewagen – mit klassischem Verbrenner oder als Hybride mit zusätzlichem Elektroantrieb. Sie sind augenfälliger Beleg für die Unsicherheit in der Branche. Mit den SUV und den klassischen Benzinern und Diesel verdienen die Autobauer ihr Geld, und keiner vermag zu sagen, ob sich die Milliardeninvestitionen in die Elektroautos rentieren werden und die Kunden die E-Autos massenhaft kaufen. Diese Frage hat auch deswegen große Brisanz, weil die Branche wegen der Konjunkturschwäche und den weltweiten Handelsstreitigkeiten mit sinkenden Verkaufszahlen kämpft.

Bosch-Chef Volkmar Denner sitzt in einem elektrisch angetriebenen, autonom fahrenden Shuttle-Mini-Bus. Denner geht davon aus, dass solche Fahrzeuge künftig in vielen großen Städten fahren. Foto: Volker Meyer zu Tittingdorf

Zudem kommt Druck aus der Gesellschaft. Draußen vor den Messehallen protestierte Greenpeace gegen die SUV. Umweltaktivisten befüllten einen 1400 Kubikmeter fassenden Ballon, der die Aufschrift CO2 trug. Dies soll laut Greenpeace die etwa 2,5 Tonnen Kohlendioxid symbolisieren, die in Deutschland von SUV in den ersten sieben Monaten des Jahres ausgestoßen wurden, bevor die Autos 30 Meter weit gefahren seien. Für das Wochenende sind weitere Demonstrationen von Klimaschützern angekündigt.

Wie die Automanager äußern sich auch die Chefs der großen Zulieferer: auf der einen Seite das Hohelied von der Elektrifizierung der Mobilität, auf der anderen Seite das Festhalten am Brot-und Butter-Geschäft – obwohl gerade das wegen der rückläufigen Nachfrage nach Autos schwächelt. „Bosch macht Mobilität klimafreundlich und bezahlbar“, sagt Konzernchef Volkmar Denner. Er verweist auf Aufträge im Wert von rund 13 Milliarden Euro, die der Autozulieferer seit Anfang 2018 in der Sparte Elektromobilität hereingeholt habe. „Sauber, sicher, erschwinglich“ will der Autozulieferer ZF aus Friedrichshafen die Mobilität der Zukunft gestalten, wie der Vorstandsvorsitzende Wolf-Henning Scheider sagt. Etwa mit Robotertaxis, autonom fahrende, elektrisch angetriebene Shuttles, die in Großstädten fahren sollen – ausgestattet mit ZF-Systemen. Daneben preist er Hybridautos an, die 100 Kilometer rein elektrisch fahren und damit umweltfreundliche Alltagsmobilität sichern, daneben aber per Verbrenner auch das Fahren langer Strecken erlauben. Die Reichweiten-Angst, die viele Kunden skeptisch gegenüber E-Autos macht, sei damit hinfällig. Kernstück der Hybrid-Lösung ist das ZF-Achtgang-Automatik-Getriebe. Dessen vierte Generation soll 2022 im Saarbrücker Werk anlaufen. Nach den Milliardenaufträgen von BMW und Fiat-Chrysler habe ZF weitere Autobauer gewinnen können, sagt Stephan von Schuckmann, Leiter der Division Antriebstechnik. Zahlen nannte er nicht. Es ist aber von Milliardenumfängen auszugehen.

Der neue Elektro-Smart in der Daimler-Halle der IAA. Seit einigen Wochen werden keine Verbrenner mehr gebaut. Smart wirbt daher mit "100 Prozent elektrisch". Foto: Volker Meyer zu Tittingdorf

Das ändert nichts daran, dass die Zulieferer sich zurzeit schwertun. Handelspolitische Konflikte und der Technologiewandel zu E-Mobilität überlagerten sich, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Man gehe davon aus, dass es in den nächsten zwei bis drei Jahren „keine Besserung geben wird“. Das ist trotz der Milliardenaufträge für das neue Getriebe auch in Saarbrücken zu spüren. Von Schuckmann erwartet für dieses Jahr, dass die Getriebeproduktion um rund zehn Prozent unter Plan bleibe. Ursprünglich hatte ZF mit 2,6 Millionen kalkuliert. Folgen für die rund 9000 Mitarbeiter werde das aber voraussichtlich nicht haben. Im Frühjahr waren rund 100 befristete Verträge nicht verlängert worden „Wir halten unsere Beschäftigung“, sagt von Schuckmann. Voraussetzung sei aber, dass der Markt nicht massiv einbricht. Bosch hatte bereits im August für das Homburger Werk einen Stellenabbau angekündigt. Es stellt Komponenten für Dieseleinspritzpumpen her. Der Umfang der Einschnitte beim Personal ist aber noch offen. Die gleichen Sorgen treibt auch Continental-Chef Elmar Degenhart um. Er kündigt auf der IAA an, dass betriebsbedingte Kündigungen „als letztes Mittel“ nicht mehr ausgeschlossen seien.

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