Gusswerke Saarbrücken weisen Gerüchte über drohende Insolvenz zurück

Scheitert die Sanierung? : Gusswerke Saarbrücken ringen um die Zukunft

Spekulationen über eine drohende Insolvenz der früheren Neue Halberg Guss beunruhigen die Belegschaft. Das Management bezeichnet sie als Unsinn.

Kurz vor Weihnachten war der Jubel groß. Die Belegschaft der Neue Halberg Guss feierte die Geschäftsführer der Sanierungsberater von One Square Advisors wie Helden. Die Mitarbeiter sahen in ihnen die Retter, die die traditionsreiche Motorblockgießerei aus den Fängen der Prevent-Gruppe befreit und vor dem Untergang bewahrt hatten. Die Stammbelegschaft – etwa 1220 Mitarbeiter in Saarbrücken und 580 in Leipzig – wurde komplett übernommen. Jetzt, gut ein halbes Jahr nach der Übernahme und einem Neuanfang unter den Namen Gusswerke Saarbrücken und Gusswerke Leipzig, spekuliert das Handelsblatt über eine drohende Insolvenz. „Das ist totaler Unsinn“, zitiert die Leipziger Volkszeitung Frank Günther. Er ist einer der Chefs der Avir Guss Holding, der Muttergesellschaft der Gusswerke, sowie von One Square Advisors. Patrick Selzer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken, sei nicht bekannt, dass eine Pleite bevorstehe, sagt er.

Auch wenn das stimmt, ist die Avir Guss Holding finanziell nicht auf Rosen gebettet. Prevent hatte aus der Neue Halberg Guss Millionen herausgesaugt und das Unternehmen fast ruiniert. Dramatisch wirkten sich die drastischen Preiserhöhungen aus, die Auftragskündigungen provozierten: vor allem von Volkswagen, dem früher wichtigsten Abnehmer von Motorblöcken. Nur mit Unterstützung der verbliebenen Kunden, vor allem von Deutz und General Motors, war die Übernahme gelungen. Günther gab danach das Ziel aus: Die Gusswerke sollen „nachhaltig wettbewerbsfähig“ werden. Dafür muss das Unternehmen den schon vor Prevent akuten Investitionsstau lösen. Eine Millionenaufgabe – nur zu stemmen, indem Kredite ermöglicht werden und Kosten sinken. Was nur gelingen kann, wenn alle mithelfen: Kunden, Arbeitnehmer und die betroffenen Bundesländer. Zu Jahresbeginn hofften die Verantwortlichen noch, in einigen Monaten alle Voraussetzungen für einen nachhaltigen Wiederaufbau der Gusswerke geklärt zu haben.

Das hat sich offenbar verzögert. Trotzdem ist Avir-Guss-Chef Günther optimistisch: „Wir haben die Produktion nach den Verwerfungen im vergangenen Jahr stabilisiert und bekommen seither auch neue Aufträge rein.“ Außerdem sei eine Einigung mit Betriebsrat und Gewerkschaft über „Restrukturierungsmaßnahmen“ erzielt. Günther hatte die Mitarbeiter von Anfang an auf einen Stellenabbau und Lohneinbußen eingestimmt. Details der Vereinbarung nennt er nicht. Patrick Selzer von der IG Metall bestätigt dies im Grundsatz, macht aber auch keine genaueren Angaben: „Wir haben One Square unsere Unterstützung zum Sanierungskonzept zugesagt, das wir nun umsetzen wollen.“ Darüber hinaus hätten Großkunden zugesagt, einen Teil der Kosten für die Sanierung zu tragen, sagt Günther.

Günther baut auch weiter auf die Hilfe der öffentlichen Hand: „Zusammen mit Unterstützungszusagen der Bundesländer Saarland und Sachsen sowie Einsparungen auf der Personalseite ist ein großer Teil der Restrukturierungskosten gedeckt.“ Allein das Saarland hatte Hilfen – vor allem in Form von Bürgschaften – im Umfang von bis zu 50 Millionen Euro in Aussicht gestellt. „Rechtsverbindliche Zusicherungen“ gebe es aber bisher nicht, teilte das saarländische Wirtschaftsministerium mit. Grundsätzlich sei das Land aber bereit, „notwendige Zukunftsinvestitionen abzusichern“. Aus Sicht der Landesregierung ist eine Unterstützung nur möglich, wenn die EU-Beihilferegeln befolgt werden und ein Gutachten eines Wirtschaftsprüfers vorliegt. Es muss die Zukunftsfähigkeit der Gusswerke bestätigen. Dieses Gutachten, das die Düsseldorfer Prüfungsgesellschaft Mazars erstellt, liege noch nicht vor, sagt Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD).

Woran hakt die dringend nötige Verständigung von Kunden, öffentlicher Hand und Arbeitnehmern – trotz der grundsätzlichen Zusagen, sich an den Sanierungskosten zu beteiligen? „Noch offen ist, wie sich diese Mittel aufteilen“, sagt Günther. Mit anderen Worten: Fraglich ist, wer wie viel beiträgt. Nach Darstellung des Handelsblatts fehlt im Sanierungstopf auch noch ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag. Eine Schlüsselrolle kommt laut Handelsblatt Volkswagen zu. Das Unternehmen hatte sich nicht daran beteiligt, die frühere Neue Halberg Guss der Prevent-Gruppe abzukaufen. Das hatte Gründe: VW lag seit Jahren in einem Machtkampf mit der bosnischen Unternehmerfamilie Hastor, der Prevent gehört. Die Gießerei war zum Spielball in dem erbittert geführten Streit geworden. Nachdem Prevent Geschichte war, platzierte VW wieder Aufträge bei den Halberg-Guss-Nachfolgeunternehmen, aber nicht im gleichen Umfang wie früher. Anscheinend stand und steht VW bei Lieferanten im Wort, die eingesprungen waren, als Prevent die Neue Halberg Guss benutzte, um den Wolfsburger Konzern mit Lieferstopps und Wucherpreis-Forderungen zu erpressen. Dem Handelsblatt zufolge erwarten andere Großkunden der Gusswerke aber, dass sich Volkswagen trotzdem stärker an den Sanierungskosten beteiligt.

Frank Günther, Chef der Avir Guss Holding und von One Square Advisors. Foto: BeckerBredel

Wenn das zutrifft, lässt sich die aktuelle Lage etwa so beschreiben: Sichert VW kein stärkeres Engagement zu, zögern die anderen Großkunden ihre Unterstützung hinaus. Folglich fehlen langfristige Zusagen für Aufträge, die nötig sind, damit Banken Kredite für Investitionen geben, der Wirtschaftsprüfer die Zukunftsfähigkeit bestätigt und die Länder Bürgschaften gewähren. Solange all das nicht klar ist, bleibt auch der Umfang des Beitrags der Arbeitnehmer offen. Eine Volkswagen-Sprecherin sagte zu dem Fall nur: „Wir halten uns an die mit den Gusswerken geschlossenen Verträge.“ Avir-Guss-Chef Günther ist aber zuversichtlich, die Frage der Kostenverteilung für die Sanierung „zeitnah lösen zu können“.

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