Gewerkschaftsbund Saar kämpft gegen Tarifflucht im Handwerk

Kostenpflichtiger Inhalt: Saar-Gewerkschafter machen mobil : Großangriff auf die Tarifflucht im Handwerk

Der saarländische Gewerkschaftsbund fordert flächendeckende Tarife – und sieht dafür auch die Bürger in der Verantwortung.

Der Fachkräftemangel ist in Deutschland seit geraumer Zeit ein großes Thema. Gerade in strukturschwachen Regionen wie dem Saarland fehlt es häufig am Nachwuchs. Das Handwerk ist davon besonders stark betroffen. „Die Branche steht aufgrund des Fachkräftemangels unter Druck“, sagt Tobias Kriele, Bildungsreferent im Projekt Perspektive Selbstverwaltung des Arbeitskreises Arbeit und Leben. „Die Azubis zieht es in die Industrie, weil dort besser verdient wird und die Arbeitsbedingungen besser sind.“

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Saar liegt ein Grund für diese Entwicklung in der sinkenden Tarifbindung vieler Unternehmen. Haben laut DGB 2005 noch 67 Prozent der westdeutschen und 53 Prozent der ostdeutschen Betriebe einen Tarifvertrag abgeschlossen, waren es 2018 in Westdeutschland nur noch 29 Prozent und in Ostdeutschland 20 Prozent. Diese Tarifflucht und mögliche Maßnahmen, mit denen ihr begegnet werden kann, wurden am Montag anlässlich des „Welttags der menschenwürdigen Arbeit“ im Haus der Gewerkschaften in Saarbrücken diskutiert. Der DGB hat dazu Vertreter der Arbeitnehmer- und der Arbeitgeberseite des saarländischen Handwerks eingeladen.

„Die Tarifflucht belastet das ganze Land“, sagt DGB-Regionsgeschäftsführerin Bettina Altesleben. Denn durch Lohndumping von Betrieben ohne Tarifvertrag verliere der Staat viel Geld. So hat der DGB ausgerechnet, dass das Saarland allein durch niedrigere Sozialversicherungsbeiträge 271 Millionen Euro weniger einnimmt, als das mit flächendeckenden Tarifverträgen der Fall wäre. Hinzu kämen 170 Millionen Euro Einbußen bei der Einkommensteuer und 377 Millionen Euro Verlust durch einen Rückgang der Kaufkraft. Die Tarifflucht sei daher „ein Thema für die gesamte Gesellschaft“, so Altesleben.

Wozu mangelnde Tarifbindung führen kann, habe er am eigenen Leib erfahren, als er von einem großen Konzern zu einem kleineren Betrieb gewechselt ist, sagt Peter Becker, Elektromeister und Arbeitnehmer-Vizepräsident der saarländischen Handwerkskammer (HWK). „Ein Betriebsrat wurde nicht geduldet und keiner konnte den Tarifvertrag einsehen.“ Besonders für Azubis seien die Bedingungen häufig schlecht. „Da müssen Flächentarife durchgesetzt werden“, fordert Becker. „Die Tarifverträge müssen in jedem Betrieb aushängen, damit jeder weiß, was ihm zusteht.“ Viele Betriebe hätten keinen Tarifvertrag oder sie würden sich nicht an bestehende Verträge halten. „Das kontrolliert keiner“, klagt der Elektromeister. Das Saarländische Tariftreuegesetz (STTG) schreibe zwar einen Mindestlohn vor. „Dabei müssten aber auch andere soziale Elemente berücksichtigt werden“, fordert Becker.

„Vom Gesetzgeber ist hier nicht viel geregelt“, bestätigt Thomas Kreten, stellvertretender Regionalleiter der IG Bau Saar-Trier. „In unserer Branche gibt es immer mehr Betriebe, die sich der Tarifbindung entziehen.“ Er nennt beispielhaft die Gebäudereiniger, bei denen die Arbeitgeberseite den Rahmentarifvertrag im April dieses Jahres komplett aufgekündigt hat. „Hier zieht sich eine ganze Branche zurück“, klagt Kreten.

„Tarif ist mehr als nur Lohn“, sagt Tobias Kriele. Entscheidend sei auch die tarifliche Absicherung im Alter. „Älter werden ist im Handwerk mittlerweile ein Risiko“, so Kriele. „Junge Leute fragen sich: ‚Wo stehe ich in 30 Jahren?’“ Das sei für viele ein Grund, aus dem Handwerk abzuwandern. „Menschen können nur mit Perspektiven gehalten werden.“

Auch aus Unternehmersicht seien Tarife „ein wichtiges Thema“, sagt Holger Kopp, HWK-Vizepräsident der Arbeitgeber. „Die Menschen müssen von ihrem Lohn leben können.“ Verpflichtende Flächentarife seien zudem eine wichtige Maßnahme, um Preis- und damit Lohndumping zu verhindern. „Tarife schaffen Chancengleichheit“, sagt Kopp. Er gibt aber zu bedenken, dass Kunden weiterhin in der Lage sein müssten, Handwerksarbeiten zu bezahlen. Kopp fordert daher eine Reduzierung der Lohnnebenkosten. „Wenn ich einem Angestellten zwei Euro pro Stunde mehr bezahle, kostet mich das 4,20 Euro“, sagt der Arbeitgebervertreter. „Davon muss beim Nettolohn mehr übrig bleiben.“

Neben der Verpflichtung zum Flächentarif fordert der DGB schärfere Kontrollen, um Schwarzarbeit wirksam einzudämmen. Hier seien allerdings auch die Verbraucher in der Pflicht, sagt Bettina Altesleben. „Wenn ich einen anständigen Tarif im Frisörhandwerk will, muss ich auch ins Geschäft gehen und kann mir nicht zu Hause schwarz die Haare schneiden lassen“, sagt sie. Vielfach mangele es an öffentlichem Bewusstsein. „Wenn ich mir ein T-Shirt für zehn Euro kaufe, kann ich nicht damit rechnen, dass es unter menschenwürdigen Bedingungen entstanden ist.“

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