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Gesetzliche Sanierungspflicht: Experten fürchten Abriss alter Häuser

Immobilien bis 2050 klimaneutral : Gesetzliche Sanierungspflicht: Experten im Saarland fürchten Kostenexplosion oder gar Abriss

Saarländer leben am liebsten in den eigenen vier Wänden. Sollte sich ein EU-Vorschlag, nachdem alle Häuser bis 2050 klimaneutral werden sollen, durchsetzen, könnte das den Hausbesitzern zum Verhängnis werden – viele werden sie sich nicht leisten können.

Hausbesitzer im Saarland kritisieren das Vorhaben der europäischen Energieminister, den kompletten Gebäudebestand in der EU bis 2050 emissionsfrei machen zu wollen. Setze sich das Ziel durch, könnten auf viele Eigentümer aufwendige Sanierungen zukommen. Denn sie müssten dafür sorgen, dass sie die benötigte Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Sanierungspflicht alter Häuser: Es droht Abriss warnt Experte

Grundsätzlich sei Haus & Grund für Klimaschutz, sagt der Vorsitzende des Immobilieneigentümer-Verbands im Saarland, Norbert Behle. Aber vom Staat diktierte Umbaumaßnahmen lösen bei ihm Sorge aus. Sie seien zum Teil nicht umsetzbar. „Viele ältere Hausbesitzer im Saarland können sich aufwendige Sanierungen nicht leisten.“ Außerdem könne auch nicht jedes Haus komplett emissionsfrei umgebaut werden. Dann drohe der Abriss. Die Politik müsse auf jeden Fall einen sinnvollen Plan zur Umsetzung erarbeiten, sagt der Vorsitzende des Verbands, der im Saarland rund 14 500 Mitglieder zählt.

Ähnlich äußert sich Harald Kraußhaar, der Vorsitzende des Landesverbands der Wohneigentümer: „Unsere Mitglieder sind in der Regel über 60. Vom Staat formulierte Regeln trifft sie immer hart.“ Der Interessensverband vertritt im Saarland nach eigenen Angaben 2700 Mitgliedsfamilien. Die Sorgen seien zurzeit groß, beispielsweise aufgrund der explodierten Energiekosten. „Die wissen gar nicht, woher sie das Geld nehmen sollen“, sagt Kraußhaar. Er schlägt einen Kompromiss vor: Sanierung ja, aber erst nach Verkauf der Immobilie. Die neuen Besitzer wüssten dann, mit welchen Zusatzkosten sie kalkulieren müssten, und hätten entsprechend die finanziellen Mittel, anders als viele der aktuellen Besitzer. Er betont dabei aber bewusst den Verkauf. Denn Erben würde sonst teuer und hätte zur Folge, dass viele Kinder sich es nicht leisten könnten, ihr Elternhaus zu halten.

Saarland bei Eigentümerquote an der Spitze

Das Saarland liegt mit einer Eigentümerquote von 64,7 Prozent an der Spitze aller 16 Bundesländer, wie aus dem Mikrozensus von 2018 hervorgeht. Das heißt, hier werden zwei von drei Wohnungen durch ihre Eigentümer bewohnt. Ein Großteil aller Wohngebäude im Saarland sind einer Erhebung des Statistischen Bundesamts von 2021 zufolge Gebäude mit einer Wohnung, sprich Einfamilienhäuser.

Aufwendige Sanierungsarbeiten träfen hierzulande entsprechend vor allem Privatpersonen. Anders als in Berlin, das mit einer Eigentümerquote von rund 17 Prozent das Schlusslicht bildet und wo Mehrfamilienhäuser mit mehr als drei Wohnungen die Regel sind. Hier wären überwiegend Kollektive wie Wohnungsbaugesellschaften und Immobilienkonzerne verantwortlich, was sich perspektivisch dann sehr wahrscheinlich auf die Mietpreise niederschlägt.

Potenziell viel Arbeit für saarländische Handwerksbetriebe

Profitieren könnten die Handwerksbetriebe, die mit den Umbaumaßnahmen beauftragt werden. Daher bewertet die saarländische Handwerkskammer: „Effizienzstandards per Gesetz festzuschreiben, ist aus Sicht des Saar-Handwerks nicht per se negativ, da sich mit Blick auf die Umsetzung auch durchaus lukrative Aufträge, insbesondere für die Bauhaupt- und Ausbauhandwerke ergeben können“, sagt Kammerpräsident Bernd Wegner.

Die Baumaßnahmen müssten allerdings für die Bauherren finanziell stemmbar und für die ausführenden Handwerksbetriebe operativ leistbar sein. „Mit Blick auf die Herausforderungen bei der Materialbeschaffung, die hohen Rohstoff- und Energiepreise und den Mangel an qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern sehen wir mit Blick auf die Umsetzbarkeit zumindest große Fragezeichen.“

Staatliche Förderung gefordert

Wegner appelliert, dass mit einem neuen Gesetz auch eine entsprechende staatliche Förderungskulisse geschaffen werden müsse. „Zuverlässige staatliche Anreize für klimaneutrales Bauen, die auf unbürokratischem Weg gewährt werden, würden Planungssicherheit für Bauherren und ausführende Handwerksbetriebe schaffen und könnten somit einen echten Beitrag dazu leisten, klimaneutrales Bauen in die Breite zu bringen“, sagt Wegner.

Auch Sparkassen-Präsidentin Cornelia Hoffmann-Bethscheider sieht den Staat in der Pflicht, passende Förderprogramme etwa über die Kreditförderbanken anzubieten, um das politische Ziel erreichbar zu machen. Denn „eine grundsätzliche Ablehnung eines Kredits aufgrund des Alters gibt es natürlich nicht“, wie sie betont. Es werden sich viele, auch über 60-Jährige, eine energetische Sanierung leisten können, was zu einer Wertsteigerung des Immobilienbestandes führe. „Aus Verbraucherschutzgründen müssen wir allerdings darauf achten, dass von der Rente, neben einer möglichen Kreditrate, noch genug für die Lebenshaltung übrig bleibt. Dies wird dazu führen, dass einige Rentner und Rentnerinnen sich eine Kreditaufnahme für aufwendige Sanierungsmaßnahmen nicht leisten können“, sagt Hoffmann-Bethscheider.

Details zur Umsetzung unklar

Allerdings ist das Vorhaben des Ministerrats, den kompletten Gebäudebestand in der EU bis 2050 emissionsfrei zu machen, zurzeit noch ein grober Wunsch. Vorschläge zur Umsetzung und was tatsächlich auf die Betroffenen zukäme, etwa welche Sanktionen zu befürchten sind, wenn ein Haus nicht bis 2050 umgebaut ist, gibt es noch nicht. Außerdem muss das Vorhaben jetzt mit dem Europäischen Parlament verhandelt werden. Eine endgültige Entscheidung über die geplante Verschärfung muss am Ende von beiden Institutionen getroffen werden. Hausbesitzer bleibt also erst mal nichts als abwarten.