Frühere Mitarbeiter der Gusswerke Saarbrücken warten auf Abfindungen

Kostenpflichtiger Inhalt: Sorgen um Saarbrücker Gießerei : Erneut Krisenstimmung bei der früheren Halberg Guss - Keine Abfindungen

Eigentlich sollte der Abbau von 200 Stellen bei den Gusswerken Saarbrücken sozialverträglich ablaufen. Doch jetzt bleiben die Zahlungen der Abfindungen aus. Die Betroffenen machen sich große Sorgen.

Neue Aufregung in der Belegschaft der früheren Neue Halberg Guss. Wie schon vor gut zwei Monaten steht die Frage im Raum, ob eine Insolvenz bevorsteht. Und diesmal steckt mehr dahinter als bloß Spekulation. Knapp 200 Mitarbeiter hatten Ende Juli im Zuge des vom Management angekündigten Stellenabbaus einer Auflösung ihres Arbeitsvertrags zugestimmt. Doch die vertraglich zugesagten Abfindungen wurden bislang offenbar nicht gezahlt. Das bestätigt Patrick Selzer, erster Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken, auf Anfrage der SZ. Jetzt sind die Sorgen groß.

„Ich bin stinksauer“, sagt Karina Raab aus Habkirchen. Sie war 32 Jahre bei der Saarbrücker Traditionsgießerei beschäftigt, die Motorblöcke und andere Gussteile an Fahrzeughersteller wie VW und General Motors sowie Motorenbauer wie Deutz liefert. Sie könne kaum schlafen, sagt Raab. Ihre Angst wachse, dass in dem Unternehmen „das Geld gar nicht da ist“, um die Abfindungen zu zahlen. „Wenn womöglich eine Insolvenz droht, was ist dann mit der Abfindung?“, fragt die 50-Jährige. Sie habe den Betrag fest für die Abzahlung ihres Hauskredits eingeplant. „Wir haben die Sorge, dass wir leer ausgehen“, sagt ihr Kollege Patric Hallmann, der ebenfalls auf die Abfindung wartet.

Karina Raab und rund 50 ihrer früheren Kollegen von den Gusswerken Saarbrücken kommen am Freitagnachmittag bei der IG Metall zusammen. Die Gewerkschaft berät sie darüber, wie sie die ausstehenden Abfindungen einfordern können. Foto: BeckerBredel

Eigentlich hätten die Abfindungen für den Großteil der Mitarbeiter, die einen Auflösungsvertrag unterzeichnet haben, im August gezahlt werden sollen. Das hatten die Gusswerke Saarbrücken, eines der Nachfolgeunternehmen der Neue Halberg Guss, den Betroffenen im Sozialplan versichert. Aus einem der SZ vorliegenden Schreiben der Geschäftsführung an ausgeschiedene Mitarbeiter geht hervor, dass die ausstehende Summe – neben der Abfindung weitere Ansprüche etwa von Arbeitszeitkonten oder nicht genommenem Urlaub – , „im Laufe des Monats August separat abgerechnet und zur Auszahlung an Sie gebracht“ werde. Unmittelbar betroffen sind rund 90 Beschäftigte, die in eine Transfergesellschaft gewechselt sind, und 26 Grenzgänger aus Frankreich. Weitere etwa 70 Mitarbeiter sollen die Abfindung vertragsgemäß nach Ende der Kündigungsfrist erhalten, zum Teil erst im kommenden Jahr.

Karina Raab will nun den Rechtsschutz der IG Metall in Anspruch nehmen und die ausstehende Abfindung einfordern – notfalls auch einklagen. Die Gewerkschaft sagt allen Betroffenen Unterstützung dabei zu, an ihr Geld zu kommen. Am Freitagmittag kamen rund 50 zur IG Metall, um die Formalitäten dafür zu erledigen. Insgesamt geht es nach SZ-Informationen um rund vier Millionen Euro. Selzer bestätigt diese Größenordnung.

Frank Günther, Geschäftsführer der Avir Guss Holding, der Muttergesellschaft der Gusswerke Saarbrücken. Foto: BeckerBredel

„Da hängen Existenzen dran. Die Betroffenen können nichts mehr bezahlen. Die haben keine Geld mehr. Mit den Nerven sind einige fertig“, beschreibt Betriebsratschef Bernd Geier die Stimmung. Die Geschäftsführung ist bislang für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ihm habe das Management versichert, dass man daran arbeite, schnellstmöglich eine Lösung zu finden, sagt Geier.

Warum die Zahlungen ausbleiben, darüber lässt sich nur spekulieren. Dahinter könnten Auseinandersetzungen zwischen Großkunden stecken, von deren Finanzierung die Gusswerke abhängen. Besonders Volkswagen und General Motors sind sich Gerüchten zufolge uneins, wer wie viel Geld zur Sanierung der Gusswerke und damit zur langfristigen Rettung des Unternehmens beiträgt. Und dieser Streit wird nun möglicherweise auch darüber ausgetragen, wer in welchem Umfang für die Abfindungen aufkommt.

Bereits vor gut zwei Monaten hatte das Handelsblatt über eine drohende Insolvenz spekuliert. Frank Günther hatte dies damals als „totalen Unsinn“ zurückgewiesen. Er ist einer der Chefs der Avir Guss Holding, der Muttergesellschaft der Gusswerke Saarbrücken und ihres Schwesterunternehmens in Leipzig. Klar ist aber, dass die Holding finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Hinter Avir Guss stehen letztlich wichtige Kunden wie Deutz und General Motors als Investoren, die das Unternehmen am Leben erhalten. Günther und sein Team von den Sanierungsberatern One Square Advisors waren Ende November vergangenen Jahres von der Belegschaft als Retter gefeiert worden. Sie hatten die Gießerei mit Unterstützung von Kunden übernommen und damit die nervenaufreibende Zeit unter dem früheren umstrittenen Eigentümer Prevent beendet, die von erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Belegschaft und Geschäftsführung geprägt war und in der lange der Ruin des Unternehmens drohte. Günther hatte damals eine umfassende Sanierung angekündigt – und Investitionen in die Zukunft der Gießerei. Eigentlich sollte bis April das Konzept zur Neuausrichtung inklusive Finanzierung stehen. Das hatte sich immer weiter verzögert. Anfang Juli stellte Avir-Guss-Geschäftsführer Günther eine baldige Lösung in Aussicht. Das Management habe die Unterstützung wichtiger Großkunden, der öffentlichen Hand sowie der Gewerkschaft und des Betriebsrats für sein Sanierungskonzept. Dem Handelsblatt zufolge stritten sich aber Kunden mit VW, wer wie viel zur Sanierung beiträgt. An der Situation hat sich anscheinend bis heute nichts geändert. Damit wird die dringend nötige Neuausrichtung der Gießerei auf die lange Bank geschoben.

Das Saarland hatte Hilfen – vor allem in Form von Bürgschaften – im Umfang von bis zu 50 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Aus Sicht der Landesregierung ist eine Unterstützung aber nur möglich, wenn die EU-Beihilferegeln befolgt werden und ein Gutachten eines Wirtschaftsprüfers vorliegt. Es muss die Zukunftsfähigkeit der Gusswerke bestätigen. Dieses Gutachten, das die Düsseldorfer Prüfungsgesellschaft Mazars erstellt, liege noch nicht vor, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) Anfang Juli. Und dasselbe sagt er jetzt mehr als zwei Monate später wieder.

Nur eins ist in der Zwischenzeit passiert. Die Gusswerke Saarbrücken haben im Juli den Abbau von rund 200 Stellen durchgesetzt. Sozialverträglich sollte das ablaufen. Wie zugesagt wurde eine Transfergesellschaft gegründet, die die Betroffenen qualifiziert. Dort bekommen die Beschäftigten für zwölf Monate 80 Prozent ihres bisherigen Lohns. Das dafür nötige Geld wurde offensichtlich vom Unternehmen bereitgestellt. Karina Raab gehört zu denen, die in die Transfergesellschaft wechselten. Auf die ebenfalls versprochenen Abfindungen warten sie und ihre ehemaligen Kollegen bislang vergebens.

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