„Im schlimmsten Fall kann sich Teufelskreis entwickeln“ Firmeninsolvenzen steigen in Deutschland um mehr als 25 Prozent – Saarland trotzt dem Trend

Hamburg · Im 1. Quartal 2024 haben in Deutschland 5 205 Unternehmen eine Insolvenz angemeldet. Damit stiegen die Firmenpleiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 26,4 Prozent. Nur ein Bundesland trotzt dem Trend – das Saarland.

 Ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Geschäftsaufgabe“ hängt an einem Einzelhandelsgeschäft.

Ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Geschäftsaufgabe“ hängt an einem Einzelhandelsgeschäft.

Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Wie der Hamburger Informationsdienstleisters Crif auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung mitteilt, haben im 1. Quartal 2024 in Deutschland 5 205 Unternehmen eine Insolvenz angemeldet. Damit stiegen die Firmenpleiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 26,4 Prozent (1. Quartal 2023: 4 117 Firmeninsolvenzen). Die Anzahl der Firmeninsolvenzen sei im 1. Quartal so hoch wie seit 2016 nicht mehr (1. Quartal 2016: 5 436 Firmeninsolvenzen).

„Es fällt zunehmend schwer, von einer nicht vorhandenen Insolvenzwelle zu sprechen“

„Zehn Monate in Folge gab es jetzt zweistellige prozentuale Zuwachsraten bei den Insolvenzzahlen. Es fällt daher zunehmend schwer, von einer nicht vorhandenen Insolvenzwelle zu sprechen“, erklärt Crif-Deutschland-Geschäftsführer Frank Schlein. „Die Voraussetzungen für die Unternehmen in Deutschland bleiben auch weiterhin schwierig. Ein starkes Auslandsgeschäft oder eine wieder anziehende Inlandsnachfrage, die als Motor der heimischen Unternehmen hätten wirken können, blieben bisher aus.“ Eine hohe konjunkturelle Dynamik sei nicht in Sicht. Zudem zeige der private Konsum nur eine leichte Aufhellung und die geopolitischen Risiken bestünden weiter.

Anstiege in 15 Bundesländern – Saarland mit rückläufigen Zahlen

Im Vergleich zum 1. Quartal 2023 sind laut Crif in diesem Jahr in 15 Bundesländern die Insolvenzzahlen angestiegen. Am stärksten in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Plus von 83,7 Prozent. Auch in Brandenburg (plus 50,7 Prozent), Sachsen (plus 39,2 Prozent) und in Rheinland-Pfalz (plus 37 Prozent) gab es deutlich mehr Firmeninsolvenzen. Im Saarland gab es hingegen weniger Firmeninsolvenzen.

Im Saarland mussten im 1. Quartal 2024 insgesamt 58 Unternehmen eine Insolvenz anmelden. Damit fielen die Firmenpleiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,9 Prozent (1. Quartal 2023: 61 Firmeninsolvenzen). Die Daten der neuen Analyse liegen der SZ vor.

Welche Firmen im Saarland schon über 100 Jahre alt sind
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Foto: BeckerBredel

Zahlungsverhalten verschlechtert sich auch im Saarland

Die Zahlungsmoral deutscher Unternehmen als ein wichtiger Indikator für potenzielle Zahlungsausfälle und damit Vorbote für Insolvenzen hat sich laut der neuen Analyse in den ersten fünf Monaten deutlich verschlechtert. Überfällige Rechnungen wurden von den Unternehmen in Deutschland in den ersten fünf Monaten mit einem Verzug von rund 26,9 Tagen bezahlt. In den ersten fünf Monaten 2023 lag der durchschnittliche Zahlungsverzug noch bei 19,2 Tagen.

Auch im Saarland hat sich das Zahlungsverhalten verschlechtert. Überfällige Rechnungen wurden von den Unternehmen an der Saar in den ersten fünf Monaten mit einem Verzug von rund 18,7 Tagen bezahlt. In den ersten fünf Monaten 2023 lag der durchschnittliche Zahlungsverzug noch bei 15,7 Tagen.

„Im schlimmsten Fall kann sich ein Teufelskreis entwickeln“

Das schlechte Zahlungsverhalten von Unternehmen belaste oft die mittelständischen und kleingewerblichen Betriebe. „Dies liegt daran, dass ein Mangel an Liquidität, der beispielsweise durch verspätete oder unbezahlte Rechnungen entsteht, als eine der häufigsten Ursachen für Insolvenzen gilt“, hieß es weiter. Zusätzlich würden nicht oder zu spät bezahlte Rechnungen durch Kunden oder Auftraggeber einen erhöhten Verwaltungsaufwand und zusätzliche Kosten für die betroffenen Unternehmen bedeuten. „Im schlimmsten Fall kann sich ein Teufelskreis entwickeln, da Unternehmen durch verspätete Zahlungen ihrer Kunden länger als geplant auf ihre eigenen Investitionen verzichten müssen oder sogar Bestellungen nicht bedienen können“, erklärt Crif. Dies könne bei kleinen Unternehmen zu einer wirtschaftlichen Schieflage führen.

Berlin mit der höchsten Insolvenzquote

Die höchste Insolvenzdichte gab es laut der Analyse im 1. Quartal 2024 mit 28 Insolvenzen je 10 000 Unternehmen in Berlin. Der Bundesdurchschnitt lag bei 17 Pleiten je 10 000 Firmen. Über diesem Wert rangieren neben Berlin vor allem auch Hamburg (22) und Nordrhein-Westfalen sowie das Saarland (je 21). Die wenigsten Firmenpleiten gab es in den ersten drei Monaten des Jahres in Bayern, Brandenburg und Thüringen (je 12 je 10 000 Unternehmen). Absolut gesehen meldeten die Bundesländer Nordrhein-Westfalen (1 311), Bayern (717) und Baden-Württemberg (624) die meisten Firmeninsolvenzen.

Prognose für das Gesamtjahr 2024 liegt derzeit bei 20 500 Firmeninsolvenzen

Insgesamt wurden im Mai 2024 knapp 540 000 Unternehmen hinsichtlich ihrer Zahlungsmoral analysiert. Die Prognose für das Gesamtjahr 2024 liegt derzeit laut Crif bei 20 500 Firmeninsolvenzen und damit höher als die Anfang März prognostizierten Jahreszahlen (19 800 Insolvenzen). Auf Jahressicht würde dies einem Anstieg um knapp 15 Prozent im Vergleich zu 2023 entsprechen (2023: 17.847).

Damit würden die Firmeninsolvenzen in diesem Jahr ein höheres Niveau als in den Jahren vor der Corona-Pandemie erreichen (2017: 20 276; 2018: 19 552; 2019: 19 005). „In den Jahren 2003 und 2010 hatte es allerdings teilweise mit 2 000 Insolvenzen pro Monat noch einmal deutlich mehr Firmenpleiten gegeben als aktuell“, so der Hamburger Informationsdienstleister.