Desgranges (IG Metall) kritisiert Chefs von Dillinger Hütte und Saarstahl

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Lars Desgranges : „Der Vorstand von Dillinger Hütte und Saarstahl hat eine rote Linie überschritten“

Die IG-Metall will sich gemeinsam mit den Beschäftigten den Sparbeschlüssen in der Dillinger Hütte und bei Saarstahl widersetzen.

Die IG-Metall kündigt heftigen Widerstand gegen die Sparpläne bei Dillinger Hütte und Saarstahl an. Ohne die Übernahme der befristet Beschäftigten werde es keine Verhandlungen geben, betont Lars Desgranges, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Völklingen, im Interview mit der Saarbrücker Zeitung.

Wie reagieren die Belegschaften der Dillinger Hütte und von Saarstahl auf die Sparbeschlüsse des Vorstandes, innerhalb von drei Jahren 1500 Stellen abzubauen, 1000 an Dienstleister auszulagern und befristete Verträge nicht zu verlängern?

DESGRANGES Die Leute sind geschockt und stinksauer. Die Betriebsräte, die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und die IG Metall werden das so nicht mitmachen.

Wie ist Ihre Position?

DESGRANGES Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden vom Vorstand vor vollendete Tatsachen gestellt. Mit diesem Schritt ist in einem mitbestimmten Unternehmen, wie es die Dillinger Hütte und auch Saarstahl sind, eine rote Linie überschritten. Eine Basta-Politik auf dem Rücken der Beschäftigten gibt es mit uns nicht. Sie verschärft in einer Zeit, in der es um das Überleben der saarländischen Stahlindustrie geht, den Konflikt noch weiter. Es waren die Belegschaften, die seit Beginn unserer Kampagne „Stahl ist Zukunft“ auf die Straße gegangen sind, um für die Zukunft ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren. Hat der Vorstand das schon vergessen?

Was kritisieren Sie konkret?

DESGRANGES Unsere Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben dem Abbau von 1500 Beschäftigten und der Auslagerung weiterer 1000 Arbeitsplätze nicht zugestimmt. Die Betriebsräte und wir als Gewerkschaft wurden auch zuvor nicht von den Unternehmensleitungen in die Vorbereitungen solcher strategischer Überlegungen einbezogen. Wir wussten, dass es einen Strategieprozess gibt und Arbeitsgruppen gebildet wurden. In diesen Arbeitsgruppen spielte die Mitbestimmung aber keine Rolle. Nur im sogenannten Lenkungsausschuss sind Mitglieder der Betriebsräte eingeladen gewesen. Aber auch im Lenkungsausschuss wurde bis Mitte September nicht mitgeteilt, welches personelle Ausmaß der Strategieprozess mit sich bringen könnte. Hier wurden auch wir sehr kurzfristig überrascht. Erst Ende September, unmittelbar vor der Betriebsversammlung, wurden uns überfallartig konkrete Zahlen genannt. Wir haben mit Zahlen in dieser Größenordnung überhaupt nicht gerechnet.

Haben Sie noch Vertrauen zum Vorstand?

DESGRANGES Es ist ein Unding, so kurzfristig den Aufsichtsrat, die Betriebsräte, die Gewerkschaft und die Belegschaft über den Umbau der Unternehmen zu informieren, aber zuvor nicht an diesem Prozess zu beteiligen. Eine große Anzahl der Beschäftigten musste aus den Medien erfahren, was geplant ist.

Was fordern Sie?

DESGRANGES Unser Ziel ist, möglichst viele Arbeitsplätze in der saarländischen Stahlindustrie zu erhalten. Diese Arbeitsplätze müssen mitbestimmt und unter vernünftigen Tarifbestimmungen abgesichert sein. Wir haben in den Verhandlungen, die jetzt anstehen, konkrete Erwartungen an den Vorstand. Das hoch gesteckte Ziel, die Hütten wetterfest zu machen für die Zukunft, lässt sich nur mit uns gemeinsam verwirklichen. Ich kann nur sehr ernsthaft empfehlen, offen in den Dialog einzutreten, den Prozess der Stärkung der Stahlindustrie gemeinsam anzugehen und auch den geplanten Personalabbau nochmal gründlich zu hinterfragen. Solch ein wichtiger Prozess wird niemals ohne die Mitwirkung der Belegschaft gelingen.

Wie ist Ihre Strategie?

DESGRANGES Ich habe Verständnis dafür, dass ein Vorstand handeln muss, wenn beide Hütten rote Zahlen schreiben. Auch 2020 wird wohl nicht viel besser werden, das ist heute bereits absehbar. Der Vorstand hat jedoch in sehr wesentlichen Punkten seine Hausaufgaben nicht gemacht. Wenn jetzt festgestellt wird, man müsse 1000 Stellen auslagern weil externe Dienstleister das angeblich besser oder billiger machen, dann hat unser Vorstand hier klar versagt, zumal Arbeitsbedingungen unter Dienstleistern schlechter sind. Es sind unsere Leute, die dann beim Dienstleister schlechter bezahlt werden. Wo blieb eigentlich die klare Analyse des Vorstands und der ersten Führungsreihe, was wir selbst besser machen können, statt Jobs auszulagern? Wo blieben Gespräche, Verbesserungsvorschläge? Wir haben sowohl das geeignete Personal, als auch die Kompetenz. Welche Kompetenz aber hat der Vorstand selbst, wenn zuerst ein Personalabbau, eine konkrete Zahl und ein 250 Millionen umfassendes Sparprogramm verkündet wird, aber der gleiche Vorstand offensichtlich keinerlei Vorstellungen davon hat, wo gespart wird und wen es trifft. Der Vorstand hat stattdessen eine ungeheure Verunsicherung in den beiden Unternehmen ausgelöst. Ich bin ein Freund davon, stattdessen Alternativen zu entwickeln, die Arbeitsplatzabbau verhindern. Mit uns kann man zum Beispiel über andere Arbeitszeitmodelle reden.

Was sagen Sie dazu, dass alle befristeten Verträge nicht verlängert werden?

DESGRANGES Wir fordern, dass für die befristet eingestellten Mitarbeiter, die ihren Job vernünftig gemacht haben, eine Perspektive gefunden wird. Das ist unsere Voraussetzung für alle weiteren Verhandlungen. Eine Perspektive für die befristeten Kolleginnen und Kollegen muss Teil eines Gesamtpaketes sein. Wenn hier keine Lösung gefunden wird, wird der Konflikt weiter eskalieren. Bei Saarstahl haben wir schon Kurzarbeit, die Dillinger Hütte ist noch relativ gut ausgelastet, aber bekommt schon für ihre Ware nicht mehr die erforderlichen Preise. Außerdem wollen wir ja eigentlich gemeinsam mit dem Vorstand, den Arbeitgebern und der Politik auf Bundes- und Landesebene dafür kämpfen, dass die saarländische Stahlindustrie eine Zukunft hat. Das geht nicht, wenn man unseren Kolleginnen und Kollegen die Verträge nicht verlängert. Unser Grundsatz ist: Die Älteren können in Würde gehen und für die Jüngeren wird eine vernünftige Perspektive gefunden.

Ist die saarländische Stahlindustrie als kleiner Standort im weltweiten Wettbewerb alleine noch überlebensfähig oder muss man sich einen größeren Partner suchen? Lässt sich das Modell der Montanstiftung noch halten, das vorschreibt, dass das in den Unternehmen verdiente Geld komplett im Saarland bleibt und hier wieder investiert wird?

Lars Desgranges, erster Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. Foto: Ruppenthal

DESGRANGES Es ist wichtig, dass die Entscheidungen in der Stahlindustrie weiter im Saarland getroffen werden. Stellen Sie sich vor, ein weltweit agierender Großinvestor würde jetzt über den Fortbestand oder die Schließung von Standorten entscheiden. Kein Großinvestor kann Jahr für Jahr Geld aus den saarländischen Stahlunternehmen rausziehen. Die Dillinger Hütte und Saarstahl müssen Geld verdienen, um auch längerfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Mir ist sehr viel wohler dabei, dass die Montanstiftung den Satzungsauftrag hat, die Zukunft der saarländischen Stahlindustrie und der Arbeitsplätze zu erhalten. Das Saarland ist als Stahl-Standort nicht zu klein. Wir müssen jetzt nur die richtigen Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen.

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