Der Deutsche Gewerkschaftsbund Saar hat zwei neue Jugendbeauftragte

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ : Wenn Ausbildung zur Ausbeutung wird

Die neuen Jugendbeauftragten des Deutschen Gewerkschaftsbunds Saarland wollen Lehrlinge auf ihre Rechte aufmerksam machen.

Ganz in Ordnung fand es das junge Friseur-Lehrmädchen nicht, dass sie regelmäßig die Unterwäsche ihrer Chefin in der Salon-eigenen Waschmaschine im Schongang reinigen musste. Oder dass ein Maler-Azubi gelegentlich in Deckung gehen musste, weil seine cholerischer Meister mit Farbeimern oder Rigips-Platten nach ihm warf.

Das sind nur einige von etlichen Geschichten, die den neuen Jugendbeauftragen des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Saar, Hannah Meuler (23, Gewerkschaftssekretärin) und Alexander Jost (24, Jugendbildungsreferent), erzählt werden. Solche Vorkommnisse drangen bislang nicht so richtig durch, doch das soll sich ändern. „Die Stellen der beiden jungen Leute wurden erst dieses Jahr neu eingerichtet“, sagt Bettina Altesleben Geschäftsführerin der DGB Region Saar. Meuler und Jost „sollen junge Leute an die Gewerkschaften heranführen und sie dafür sensibilisieren, welche wichtigen Funktionen Arbeitnehmer-Vertreter in der Sozialen Marktwirtschaft haben“, betont sie.

Eines der wichtigsten Projekte von ihnen ist die Berufsschultour. Diese fand 2019 zum ersten Mal in großem Stil statt – und zwar im Frühjahr und im Herbst. Hierbei kommen die Jugendvertreter der Gewerkschaften in die Schulen und veranstalten Projekttage, die einen Vormittag lang dauern. In jeweils drei Klassen behandeln sie Themen rund um Demokratie und Mitbestimmung im Betrieb, beispielsweise wie die Sozialpartnerschaft funktioniert oder warum es Tarifverträge gibt und wie diese verhandelt werden. „Die meisten Dinge, die wir durchsprechen, gehören zum Stoff des Sozialkunde-Unterrichts“, sagt Jost. „Daher lassen sich diese Projekttage problemlos in den Schulalltag integrieren“.

Anfangs habe es schon Probleme gegeben, räumt Meuler ein. „Ich habe ziemlich viel telefonieren müssen, um die Schulleiter davon zu überzeugen, dass diese Projekttage nicht dazu da sind, um neue Gewerkschaftsmitglieder anzuwerben oder die Jugendlichen gegen ihre Ausbildungsbetriebe aufzuhetzen, indem sie akkurat ihre Rechte einfordern.“ Allerdings blieb es nicht aus, „dass uns dabei ziemlich krasse Fälle berichtet wurden“. So habe der Chef eines Handelsunternehmens seiner Auszubildenden verboten, wegen eines dick geschwollenen Fußes einen Krankenschein zu nehmen. Grund: Im Ostergeschäft würde jeder gebraucht. Oder dass die Ausbildungsvergütung zu spät oder überhaupt nicht gezahlt wird beziehungsweise dass Azubis die Kosten übernehmen müssen, wenn sie etwas kaputt machen. „Ganz zu schweigen von regelmäßigen Überstunden oder ausbildungsfremden Tätigkeiten, die häufig eingefordert werden“, sagt Meuler. Zudem wundert sie sich, dass im Elternhaus oft mehr Verständnis für den Ausbilder als für das eigene Kind gezeigt wird – frei nach dem Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Ein Ausbildungsabbruch sei immer noch mit einem Makel behaftet.

Trotz der Hindernisse „haben wir in diesem Jahr an fünf Berufsschulen unsere Projekttage veranstalten können und dabei 26 Klassen mit 900 Schülerinnen und Schülern erreicht“, bilanziert Jost. Im März kommenden Jahres planen sie die nächste Berufsschultour. „Inzwischen stoßen wir auch auf mehr Offenheit.“

Bundesweit sind diese Touren „längst selbstverständlich“ erinnert Meuler. Die dort gewonnenen Erfahrungen münden sowohl bundesweit als auch in den einzelnen Ländern in einem Berufsbildungsreport. Für ganz Deutschland gibt ihn die Abteilung Jugend und Jugendpolitik des DGB-Bundesvorstandes jährlich heraus, in den Ländern die jeweiligen Regionen. Meuler und Jost haben sich vorgenommen, einen solchen Report auch für das Saarland zusammenzustellen – wenn alles gut geht schon 2020.

Künftig beim DGB zuständig für Jugendfragen: Hannah Meiler und Alexander Jost. Foto: Lothar Warscheid

Ansonsten wollen sie den Anliegen der jungen Leuten in den Gewerkschaften mehr Gehör verschaffen. Sie planen zudem eigene Aktionen zum Beispiel am 1. Mai. „Darüber hinaus wollen wir auch bei jugendpolitischen Themen mitreden, wenn beispielsweise neue Gesetze beraten werden, die unsere Interessen berühren.“

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