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Coronakrise: Wie sich die Saar-Autozulieferer für den Ernstfall rüsten

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Das Coronavirus verursacht die bisher größte Krise in der Automobilindustrie. Und das gleich weltweit. Ein Entkommen gibt es nicht.

Fast alle Autohersteller stoppen nach und nach die Produktionsbänder. Für wie lange, weiß niemand wirklich. Wo keine Autos mehr produziert werden, braucht man von jetzt auf gleich auch keine Auto-Teile von Zulieferbetrieben mehr.

Ein Teufelskreis, der jetzt mit voller Wucht auch das „Autoland Saar“ trifft. Über 44 000 Beschäftigte arbeiten nach Angaben des Netzwerkes automotive.saarland in unserer Region in dieser Branche. Das Angebot der Dienstleistungen reicht dabei von A wie Abgasanlagen bis Z wie Zylinderkurbelgehäuse. Und es sind vor allem kleine und mittlere Zulieferbetriebe, für die es jetzt sehr schnell an die eigene Existenz gehen kann. 260 Saar-Zulieferbetriebe sind direkt von den Autoherstellern abhängig: ob Ford, BMW oder Volkswagen. Wo jedoch keine Kunden mehr sind, da fallen die Aufträge weg, müssen Mitarbeiter nach Hause geschickt werden. Trotz aller derzeitigen Unsicherheiten ist es aber gerade auch das Netzwerk automotive.saarland, in dem zahlreiche Zulieferer vertreten sind, das gerade mitten in der dicksten Krise zugleich kleine Zeichen der Hoffnung aussendet. So legt sich der Leiter des Netzwerkes, Pascal Strobel, auf eine Aussage fest: „Wenn die Schutzinstrumente genutzt werden und greifen, dann denke ich, haben die Unternehmen die Substanz, die Corona-Krise zu überstehen, wenn sie zuvor nicht schon in eine schwierige Lage geraten sind. Allerdings hängt das auch ein Stück weit davon ab, wie lange diese Krise dauern wird.“

Mit solchen Schutzinstrumenten ist zum Beispiel Kurzarbeit gemeint, dessen Bezugsdauer nach vorausgehenden Forderungen der Wirtschaft, der Gewerkschaften und der Betriebsräte jetzt auch von der Bundesregierung für die Dauer von bis zu zwei Jahren gewährt werden kann. Kurzarbeit war auch schon in vergangenen Krisen, wie etwa der weltweit schweren Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009, ein Mittel, um die Belegschaften möglichst an Bord zu halten statt Mitarbeiter entlassen zu müssen. Es beträgt in der Regel 60 Prozent des Nettoeinkommens, für Familien mit Kindern 67 Prozent, und wird von vielen Betrieben noch weiter aufgestockt, um die Differenz zum Regeleinkommen möglichst zu begrenzen.

So wird etwa bei Ford für die Beschäftigten über 80 Prozent verhandelt, was schon einmal der Fall war. Auch der Getriebehersteller ZF, der für sein Saarbrücker Werk am Freitag entscheiden will, ob Teile der Produktion oder gar der gesamte Standort vorübergehend stillgelegt werden, hat sich auf Konzernebene bereits auf ein Verfahren für Mitarbeiter an allen Standorten verständigt, die von Kurzarbeit betroffen sein werden. Diese Regelung gilt zunächst bis einschließlich Juni. Sabine Jaskula, Mitglied des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG und verantwortlich für Personal und Recht, verweist hier auf eine Einigung mit dem Gesamtbetriebsrat. Diese sieht vor, dass „durch einen zusätzlichen Beitrag des Unternehmens jeder rund 90 Prozent seines regulären Nettoeinkommens behalten wird“. Mit dieser grundsätzlichen Vereinbarung zur Einführung von Kurzarbeit, die noch weitere Details umfasst, „können jetzt Teile von Produktion und Verwaltung kontrolliert heruntergefahren werden“. Die Einschätzung der Lage von Jaskula ist eindeutig: „Wir gehen davon aus, dass wir die Arbeit sowohl in einzelnen Produktlinien als auch in ganzen Werken und Verwaltungsbereichen ruhen lassen werden. Das geschieht, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu schützen und um der Nachfrageunterbrechung der Auto- und Lkw-Hersteller zu folgen.“

Genauso deutlich fällt die Einschätzung der Lage beim Zulieferer Schaeffler in Homburg aus. Betriebsratschef Salvatore Vicari sagt: „Das Ganze trifft uns dramatisch.“ Zahlreiche Aufträge gingen bereits verloren. Schaeffler gehört zu den größten Automobilzulieferern in Deutschland, beschäftigt weltweit 87 700 Mitarbeiter, davon 2650 in Homburg. Dort hat man sich auf zwei Bereiche spezialisiert: Industrieprodukte allgemein und Autoindustrie. Schaeffler verhandelte am Donnerstag noch letzte Details einer Vereinbarung, die für Homburg gelten soll. Die Einzelheiten sollen am Freitag oder spätestens am Montag feststehen. Vicari legt sich in einem Punkt jedoch schon fest: „50 Prozent der Belegschaft wird es in jedem Fall treffen.“ Dass es nicht alle direkt trifft, liegt an den zwei unterschiedlichen Unternehmensbereichen, für die Schaeffler in Homburg produziert.

Ein ähnlicher Umstand sorgt auch bei Bosch in Homburg dafür, dass die endgültige Entscheidung für das weitere Vorgehen erst am Freitag oder Montag fällt. In der Konzernzentrale in Stuttgart wurde am Donnerstag noch für jeden weltweiten Standort einzeln verhandelt, wie man vorgehen will. Warum eine eindeutige Entscheidung auch für Homburg schwer fällt, erläutert Bosch-Pressesprecher Tim Stegentritt. Der Pkw- und der Lkw-Markt entwickelten sich derzeit noch völlig unterschiedlich. In beiden Bereichen ist das Homburger Bosch-Werk aktiv. Warten auf Vereinbarungen und vor allem Geduld sind daher im Augenblick wohl die wichtigsten Voraussetzungen. Wie überhaupt bei Corona.