Betriebsrat und IG Metall enttäuscht nach Betriebsversammlung bei Saarstahl

Kostenpflichtiger Inhalt: Krise der saarländischen Stahlindustrie : Saarstahl-Betriebsrat macht Vorstand schwere Vorwürfe

Betriebsrat und IG Metall haben sich viel mehr Konkretes zum geplanten Sparkurs bei Saarstahl erhofft. Die Enttäuschung über den Vorstand ist groß. Die Arbeitnehmervertretung kündigt eine Reaktion an.

Betriebsratschef Stephan Ahr wirkt fassunglos. „Ich bin maßlos enttäuscht“, sagte er am Freitag nach der Betriebsversammlung bei Saarstahl. Auch die versammelten Mitarbeiter – nach seiner Schätzung über 1500 – seien offenbar mit anderen Erwartungen in die Veranstaltung gegangen. Dass der Vorstand konkret erläutert, wie der Ende September angekündigte Abbau von 1500 Stellen und die Verlagerung von 1000 Arbeitsplätzen bei Saarstahl und Dillinger Hütte umgesetzt werden soll. Stattdessen seien lange Listen mit Unternehmensbereichen und Angaben zu Einsparpotenzialen bei Personal- und Sachkosten gezeigt worden. 726 Projekte seien genannt worden. Doch alles „blieb nur an der Oberfläche“, sagte Ahr.

„Es war eine bedrückende Stimmung“, sagte Ralf Cavelius, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. Was der Vorstand präsentierte, „ist nicht detailliert genug, dass man überhaupt in eine Verhandlung eintreten kann“, sagte der Gewerkschafter. Das sei fatal, weil die Zeit dränge und Lösungen für den Sparkurs angesichts der Krise in der saarländischen Stahlindustrie dringend gefunden werden müssten.

Stephan Ahr, Betriebsratsvorsitzender von Saarstahl. Foto: Iris Maria Maurer

Das Unternehmen wollte sich zu den vorgestellten Maßnahmen nicht äußern. Der Vorstand habe über einen „Zwischenstand“ informiert, sagte eine Konzernsprecherin. Durch das Sparprogramm sollen die Kosten um 250 Millionen Euro sinken – 100 Millionen sollen beim Personal, weitere 150 Millionen bei Sachkosten eingespart werden.

Er habe immer gedacht, dass Vorstandschef Tim Hartmann versuche, die „Belegschaft hinter sich zu kriegen. Das ist kläglich gescheitert“, sagte Ahr. Aus seiner Sicht „ist das hilflos, dilettantisch“, was da vorgestellt wurde. Cavelius fragt sich, warum nicht von Anfang an, also schon vor vier Monaten, Betriebsrat und Gewerkschaft in die Überlegungen einbezogen worden seien, wie ein Personalabbau zu stemmen sei. Dabei habe man doch Erfahrung, sagte Ahr. Bei der Saar-Schmiede sei es gelungen, die Zahl der Mitarbeiter von 1100 auf gut 400 zu senken – im Einvernehmen. Doch „die Erfahrung wird nicht abgerufen. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass der Vorsitzende nicht aus dem Stahl-Bereich ist.“ Hartmann hat in der Tat seine Managementerfahrung vor allem in der Energiebranche gesammelt, darunter in mehreren Jahren bei der VSE in Saarbrücken. 

Besonders erbost sind Ahr und Cavelius, dass davon die Rede sei, eigene Beschäftigte durch Leiharbeiter zu ersetzen. Die Zahl 200 stand dabei offenbar im Raum. Und das, obwohl eine tarifliche Betriebsvereinbarung Leiharbeit nur in engen Grenzen erlaube, erläuterten beide. „Ich habe den Eindruck, dass da Leute am Werk waren, die weder den Tarifvertrag noch die Betriebsvereinbarung gelesen haben“, schimpfte Ahr. Auch habe es im Vorfeld geheißen, dass Tochterfirmen gegründet werden sollen. Welche aber und mit wie vielen Mitarbeitern, das sei offen geblieben. Genauso, wie Saarstahl dadurch Kosten senken wolle. Cavelius und Ahr fürchten, dass der Vorstand auf Lohnkürzungen setze. Ahr kündigte an, voraussichtlich bis Anfang März Gegenvorschläge zu machen.

Ein wenig Positives hatte Ahr dann aber doch zu sagen. Bei der Reduzierung der Sachkosten sei der Konzern nach seiner Wahrnehmung auf einem guten Weg. Für 60 bis 62 Millionen Euro Einsparsumme habe das Unternehmen klare Vorstellungen, wie das Absenken der Kosten gelingen könne, so Ahr. Auch hätten sich nach seiner Einschätzung mehr als 1000 ältere Mitarbeiter gemeldet, die sich vorstellen können, den Konzern freiwillig zu verlassen oder in Altersteilzeit zu gehen. Eine einfache Lösung sei das aber nicht. Mancher ältere Mitarbeiter mit viel Know-how, der gehe, müsse womöglich wieder ersetzt werden, sagte Ahr.

Cavelius und Ahr kritisierten auch den Stil des Managements. So habe der Vorstand möglicherweise bereits konkretere Vorstellungen als auf der Versammlung gezeigt. Dem Betriebsrat seien dazu Dateien zugegangen, aber erst am späten Donnerstagnachmittag, also am Tag vor der Betriebsversammlung, und im Umfang von mehreren hundert Seiten, sagte Ahr. Es sei unmöglich gewesen, dies vor der Versammlung noch genau durchzulesen und zu bewerten. Gewerkschafter

Cavelius ärgerte sich auch darüber, dass der Vorstand keine offenen Dateien zur Verfügung stelle, mit denen die Arbeitnehmervertreter dann frei umgehen könnten. Er habe schon mehrfach Sanierungsprojekte begleitet, zum Beispiel bei Schaeffler in Homburg oder bei Terex in Zweibrücken. Der Datenaustausch habe immer reibungslos funktioniert. Bei Saarstahl und Dillinger Hütte aber nicht, kritisierte er. Mit der Folge, dass unnötig Zeit verlorengehe.