Beratungsstelle Wanderarbeit und mobile Beschäftigung hilft im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Beratungsstelle Wanderarbeit und mobile Beschäftigung : Ein Leuchtturm für ausländische Arbeitskräfte

Die „Beratungsstelle Wanderarbeit und mobile Beschäftigung“ hilft Menschen, die in Deutschland häufig ausgenutzt werden.

Der Biobauer aus dem nördlichen Saarland mag zwar seine Kühe gut behandeln, zu zwei rumänischen Arbeitern soll er aber ziemlich garstig gewesen sein. So jedenfalls schildert es Egbert Ulrich, Chef der „Beratungsstelle Wanderarbeit und mobile Beschäftigung“ bei der Saar-Arbeitskammer (AK). Das Ehepaar wollte Kindergeld für die in der Heimat lebenden Sprösslinge beantragen. Dazu benötigte es einen Arbeitsvertrag. Nachdem sie diesen eingefordert hatten, „wurden sie von heute auf morgen aus ihrer ohnehin kärglichen und sanierungsbedürftigen Unterkunft, die sich auf dem Hof befand, hinausgeworfen“, schildert Ulrich den Fall. „Sie hatten kaum mehr Zeit, ihre Sachen aus dem Haus zu holen“.

Dieser Vorfall ist einer von mehr als 470, die der Beratungsstelle seit ihrer Gründung im Mai 2018 gemeldet wurden. Mit steigender Tendenz, „denn je bekannter wir werden, desto häufiger wenden sich die Leute an uns“. Arbeit genug für das vierköpfige Team, das aus drei jungen Frauen mit osteuropäischen Wurzeln und Heiner Weber besteht, der sich gut in der saarländischen Bauwirtschaft auskennt (Infokasten). Finanziert wird die Beratungsstelle vom Land.

Die beiden Rumänen vom Biobauernhof klagten vor dem Saar-Arbeitsgericht, weil der Öko-Landwirt ihnen einen Monatslohn schuldig geblieben war – von Urlaubsgeld und einer ordentlichen Kündigung ganz zu schweigen. Zudem hätte er ihnen immer nur 1000 Euro gezahlt – egal, wie lange sie gearbeitet haben. Nach einer Güteverhandlung zahlte er ihnen den ausstehenden Lohn. „Doch es war ein langer Weg“, sagt Ulrich. „Die Sache zog sich mehr als ein Jahr hin.“ Außerdem „ist es nach wie vor die absolute Ausnahme, dass die meist aus Osteuropa stammenden Arbeiter ihr Recht vor Gericht einklagen“. Oft würden sie ihre schlechten Erfahrungen als Lehrgeld abtun, in die Heimat zurückkehren und es anderswo in Deutschland wieder versuchen.

Doch „die Dreistigkeit mancher Arbeitgeber macht mich zornig“, sagt der Politikwissenschaftler, der aus der katholischen Sozialbewegung kommt. So habe ein Saarbrücker Reinigungsunternehmen einer osteuropäischen Mitarbeiterin 300 Euro an Raten für einen Kredit abgezogen, „den sie nie erhalten hat“, berichtet Ulrich. „Wenn jemand die Sprache nicht versteht und sich mit dem System in Deutschland kaum auskennt, lassen etliche Firmenchefs alle Hemmungen fallen“, lautet seine Erfahrung nach 18 Monaten Beratungsstelle. „So kommt es auch vor, dass die Lohnfortzahlung bei Krankheit einfach eingestellt wird.“ Kündigungsfristen spielten ebenfalls keine Rolle mehr. Fristlose Kündigungen „werden auf Zuruf ausgesprochen – ,ab morgen kannst Du zu Hause bleiben!’“. Beliebt sei auch die Masche, Aufhebungsverträge anzubieten, um einer Kündigungsschutz-Klage vorzubeugen. „Wenn die Arbeiter einen solchen Vertrag unterschreiben, haben sie zwölf Wochen keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld“, warnt Ulrich.

Auch das Zuhause der Menschen „sieht in manchen Fällen elend aus“, berichtet der Beratungsstellen-Leiter. Vor kurzem hätte die Mitarbeiter freitags ein Notruf erreicht, dass neun Rumänen in Saarlouis Hals über Kopf von der Vermieterin rausgeworfen wurden. Ihr Arbeitgeber, der spurlos verschwunden war, habe ihnen keinen Lohn mehr gezahlt und sie konnten deshalb ihre Miete nicht begleichen. „Sie hatten kein Dach mehr über dem Kopf und nichts zu essen.“ Mit großer Mühe habe man die Vermieterin überreden können, „die armen Teufel zwei Nächte weiter wohnen zu lassen“, erzählt Ulrich. Dabei habe sich herausgestellt, dass sich die neun Personen eine Drei-Zimmer-Wohnung teilen mussten, für die 2400 Euro Monatsmiete verlangt wurde.

Ausgeholfen habe in diesem Fall die „Oase“ in Saarlouis. Sie ist ein Tagesaufenthalt und -treff für Menschen in Not. In der vom Caritasverband Saar-Hochwald betreuten Einrichtung „haben die Leute wenigstens etwas zu essen bekommen“, sagt Ulrich. Überhaupt sei das Netzwerk im Saarland „richtig gut“, wenn es darum geht, schnell zu helfen oder Missstände zu beseitigen. Er nennt hier neben den kirchlichen Einrichtungen Caritas und Diakonie die Arbeiterwohlfahrt (Awo) oder die Stadt Saarbrücken, aber auch die beim Zoll angesiedelte Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS). Hilfreich sei außerdem das Fairer-Lohn-Gesetz des Landes, das für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen sorgen soll, wenn das Land oder eine Kommune Aufträge vergibt. Doch Ulrich weiß auch, „dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen. Wie viele Schweinereien nicht gemeldet werden, können wir nur erahnen.“

Für diesen Samstag hat die Beratungsstelle eine große Aktion geplant. An den Autobahnraststätten bei Homburg und St. Ingbert wollen die Mitarbeiter gezielt auf ausländische Lkw-Fahrer zugehen, um sie über ihre Rechte zu informieren. „Da geht es beispielsweise um Dinge wie Mindestlohn, vorgeschriebene Ruhezeiten oder Krankenkassenansprüche“, erklärt Ulrich. „Denn auch wenn viele Spediteure es nicht wahrhaben wollen, wenn ein Lkw die deutsche Grenze überquert, gilt deutsches Recht.“

Das Ziel sei aber nicht nur mehr Gerechtigkeit für die Fahrer. „Wenn jemand seine Ruhezeiten nicht einhält, ist das ein Sicherheitsrisiko für alle.“ Die Fahrer über deutsche Mindestlöhne zu informieren, helfe letztlich auch im Kampf gegen Lohndumping. „Es kann nicht sein, dass sich Spediteure über niedrigere Lohnkosten einen Wettbewerbsvorteil erschleichen“, sagt Ulrich.

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