Ausbildung zum Berufskraftfahrer bei der Saarbahn

Serie Ausbildung 2019 : „Ich habe hier einfach Spaß“

Bereits 16-Jährige können eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer antreten. Olga Judin hat den Beruf erst mit 34 gewählt. Für sie ein Glück.

Auf dem Parkplatz des Depots in der Hohenzollernstraße in Saarbrücken warten nicht nur die Busse der Saarbahn GmbH auf ihren nächsten Einsatz. Vor dem flachen Gebäude tummeln sich auch die Busfahrer um Aschen- und Kaffeebecher. Ein einheitlicher Strom von Menschen in dunkelblauen Uniformen mit schwarzen Rucksäcken gibt sich die Klinke in die Hand. Aus der Masse heraus stechen ein breites Lächeln und leuchtend pinke Fingernägel. Sie gehören zu Olga Judin.

Die Auszubildende im zweiten Lehrjahr hat gerade ihre ersten beiden Touren beendet. Seit erst drei Monaten fährt sie alleine, ohne Begleitung. Um halb 7 Uhr hat sie sich mit einem der großen Gelenkbusse auf den Weg gemacht. Linie 134 Richtung Rußhütte, etwa 45 Minuten. Dann noch Linie 129 rund eine Stunde zurück Richtung Rathaus. Gerade hat sie ihren Bus wieder am Betriebshof abgestellt und sich zu den anderen Chauffeuren gesellt. „Anweisung“ heißt dieser Dienst. Bis zum Feierabend um 14.40 Uhr wartet sie. Wenn ein Kollege sich krank meldet oder so viel Verspätung einfährt, dass Verstärkung her muss, bekommt einer der Wartenden einen Anruf und muss sofort los. Was sie in der Zeit machen? „Wir trinken viel Kaffee“, scherzt Judin.

Manchmal heißt Warten tatsächlich erstmal frühstücken. Manchmal heißt warten im Lager helfen, Uniformen sortieren, die die Busfahrer der Saarbahn tragen müssen. Manchmal heißt warten für die Busfahrer, die Zeit zu nutzen, um an den vielen Automaten, die im Betriebshof stehen, ihre Kassen einzuzahlen. Auch Olga Judin hat eine eigene Kasse in ihrem Rucksack. Einmal in der Woche, meistens freitags, sagt sie, stellt sie sich auch an. Manchmal heißt warten aber auch, dass der Anruf zum Einspringen schneller kommt als gedacht. Heute bleibt er aus.

An ihre erste Fahrstunde kann sie sich gut erinnern, ein bisschen mulmig war ihr schon. Nur zweieinhalb Monate später hatte sie dann den Busführerschein in der Tasche. „Null Fehler“, sagt sie stolz. Eigentlich hat die 34-jährige alleinerziehende Mutter bereits eine Ausbildung hinter sich – zur Kauffrau in der Bürokommunikation. Hat sich und ihre Tochter aber meist nur mit Minijobs versorgt.

Judins Vater ist auch Busfahrer – in Russland. „Ich bin als Kind immer mitgefahren“, sagt sie mit breitem Lächeln. Immer öfter habe sie auch junge Frauen hinterm Lenkrad entdeckt und beschlossen „Ich will das  auch.“ Die Reaktion des Vaters? „Olga, bist du verrückt?“, sagt sie lachend. Mittlerweile hilft er per Telefon beim Lernen. Busfahren, das ist nicht nur Fahren und Verkehrsregeln. Auf dem Lehrplan der Berufsschule in St. Ingbert stehen auch Themen wie Kupplung oder Getriebe. Das bedeutet viel lernen. Gute Noten schreibt Judin trotzdem. Bald bekommt sie das Jahreszeugnis. Damit möchte sie einen Antrag bei der IHK stellen, um die Ausbildung zu verkürzen.

Neben ihr gibt es 17 weitere Auszubildende – sechs in jedem Jahrgang. Mehr geht nicht, sagt Fahrlehrer und Ausbildungsleiter Frank Blanck. Die meisten Azubis schaffen ihre Ausbildung. Die Motivation stimme. Allerdings musste im letzten Jahrgang ein Azubi abbrechen, weil der Arzt bei ihm eine Rot-grün-Schwäche festgestellt hat. Busfahrer werden auf Herz und Nieren geprüft. Besonders eine gute Sicht ist wichtig. „Das wird mit dem Alter ja auch nicht besser“, sagt Blanck.

„Ich habe Glück gehabt. Ich bin schon 34, habe eine 14 Jahre alte Tochter“, andere Azubis sind erst 16. Das ist laut Blanck seit 2006 möglich. Die Auszubildenden können dann nicht nur den Busführerschein, sondern auch den Pkw-Führerschein machen. Im ersten Jahr dürfen die angehenden Berufskraftfahrer sowieso noch nicht ans Steuer. Wie Blanck erzählt, müssen die Auszubildenden zunächst verschiedene Abteilungen durchlaufen. So gewinnen sie etwa Einblicke in die Buswerkstatt, denn Ölwechsel und Reparaturen am Bus muss ein Busfahrer selbst können. Dann steht Linienkunde an. Ein Jahr lang begleiten die Azubis andere Busfahrer oder werden von anderen Busfahrern begleitet. Sie müssen alle Strecken auswendig können. Verfahren hat sich Judin zum Glück bislang noch nicht. Meistens fährt sie Frühschichten. Angepöbelt wurde sie auch noch nicht. „Ich bin immer freundlich, die Fahrgäste sind es auch“.

Während Judin erzählt, grüßen sie andere Busfahrer, alle scheinen sie zu kennen. Die meisten haben einen netten Spruch auf den Lippen. „Olga, wieso bist du immer so gut gelaunt“, fragen sie laut Judin oft. „Ich habe hier einfach Spaß. Ich weiß natürlich nicht wie es in zehn Jahren ist, aber zurzeit habe ich jeden Tag einfach Spaß.“